Wilhelm II. im Exil Den Traum vom Thron nie aufgegeben - wissenschaft.de
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Wilhelm II. im Exil

Den Traum vom Thron nie aufgegeben

Fast 23 Jahre lang lebte Wilhelm II. im holländischen Exil – und träumte von der Wiedererrichtung der Monarchie. Nur kurz setzte er dabei auf die Nationalsozialisten. Die Deutschen, mutmaßte er schon im September 1933, würden die Hakenkreuzfahne noch einmal verfluchen.

Der 10. November 1918 war ein klarer, kalter Herbsttag. Im Morgengrauen erreichte ein Sonderzug aus dem belgischen Kurort Spa den kleinen Haltepunkt Eijsden an der belgisch-niederländischen Grenze. Die Reisenden – Kaiser Wilhelm II. und sein Gefolge – baten um Asyl im Königreich der Niederlande. 20 Stunden mußten sie warten, dann hatte das eilig zusammengetretene niederländische Kabinett entschieden, dem ehemaligen deutschen Staatsoberhaupt als Flüchtling Gastrecht in den Niederlanden zu gewähren. Wilhelm hatte Deutschland schon am 29. Oktober verlassen und war ins Hauptquartier der kaiserlichen Armee nach Spa gefahren. Dort erreichte ihn am 9. November die Nachricht vom Revolutionsgeschehen in Berlin, dort erfuhr er, daß Reichskanzler Max von Baden eigenmächtig Wilhelms Abdankung verkündet hatte, und dort kam im Lauf des Tages der Gedanke an eine Flucht ins neutrale Ausland auf. Die Niederlande, die im Weltkrieg neutral geblieben waren und deren Grenze nur 50 Kilometer von Spa entfernt lag, erschienen dabei naheliegend. Es war Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg gewesen, der den sich heftig sträubenden Monarchen überredete, den Gang ins Exil anzutreten. Hindenburg fürchtete, der Kaiser könnte in die Hände aufständischer Truppenteile geraten – das schlimme Schicksal des russischen Zaren und seiner Familie lag nur ein halbes Jahr zurück.

Die erste Station des kaiserlichen Exils war Schloß Amerongen. Dessen Besitzer, Graf Bentinck, gehörte zu einem altholländischen Adelsge?schlecht und war bereits 1909, anläßlich eines Staatsbesuchs Wilhelms II., Gastgeber des Kaisers gewesen. Wilhelm fühlte sich – den Umständen entsprechend – wohl in Amerongen; das protestantisch-konservative Milieu der zur Provinz Utrecht gehörenden Adelswelt entsprach ganz seinem eigenen Geschmack. Zudem bekundete die niederländische Aristokratie, einschließlich des Königshauses der Oranier, einmütige Solidarität mit ihrem hohen Gast, als Frankreich und Großbritannien Anfang 1920 darauf drängten, den Kaiser an ein Sondertribunal auszuliefern, das ihn als Kriegsverbrecher verurteilen sollte. Obwohl die alliierten Siegermächte mit Sanktionen drohten – man erwog, die Niederlande nicht zum Völkerbund zuzu?lassen und die diplomatischen Beziehungen abzubrechen –, blieb die Regierung in Den Haag standfest.

Mitte 1920 verlegte Wilhelm seinen Aufenthaltsort von Amerongen nach Doorn, einem nicht übermäßig großen, gleichfalls in der Provinz Utrecht gelegenen Landsitz, den er im August 1919 gekauft hatte. Hier verlebte der exilierte Monarch die ihm verbleibenden 21 Jahre seines Lebens, das fortan relativ einförmig verlief. Der Tagesablauf folgte einem festen Plan, der sich über die Jahrzehnte kaum veränderte. Sigurd von Ilsemann, als Flügeladjutant eine Art Privatsekretär und Berater Wilhelms, vermittelt davon in seinen zweibändigen Aufzeichnungen „Der Kaiser in Holland“ (1967/68) wohl das geschlossenste Bild. Morgenspaziergang und Frühstück, Andacht, Gartenarbeit und „Zeitungsvortrag“ füllten den Vormittag, Lektüre, Korrespondenz, Abendspaziergang und – nach der meist sehr bescheidenen Tafel – stundenlange Gespräche im „Rauchzimmer“ folgten am Nachmittag und Abend. Auswärtige Besucher, die der Kaiser häufig empfing, empfanden die Monotonie dieser Lebensführung stark. Der Schriftsteller Reinhold Schneider, der 1933 ein aus royalistischer Perspektive geschriebenes Buch vorgelegt hatte und im April 1935 auf kaiserliche Einladung in Doorn weilte, berichtete 1954 aus der Rückschau: „Am Abend trug er [Wilhelm II.] Generalsuniform: er wolle mir, sagte er nach Tisch im Nebenzimmer, aus meinem Buche vorlesen. Er wählte das Kapitel, das Friedrich den Großen in Rheinsberg zu schildern sucht … Der Kaiser las leidenschaftlich-theatralisch; wenn ihm ein Ausdruck zu schwach war, steigerte er ihn oder er führte einen Satz weiter. … Dann sank das Gespräch in kleine Dinge von Menschen, Familien ab. Ich begriff die tödliche Monotonie dieser Abende, Wochen, Monate, Jahre.“

Prof. Dr. Frank-Lothar Kroll

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