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Herzog Tassilo III. und Karl der Große

Der Herzog und der König

Königsgleich herrschte Tassilo III. in seinem Herzogtum Bayern. Zu königsgleich aus der Sicht Karls des Großen, der den mächtigen Agilolfinger in einem Schauprozess 788 zu lebenslanger Klosterhaft verurteilen ließ. In den von Tassilo gegründeten Klöstern wird das Andenken des Herzogs bis heute bewahrt.

Der Ablauf ist seit Jahrhunderten gleich. Am 11. Dezember, dem Todestag von Herzog Tassilo III., feiert das österreichische Stift Kremsmünster bis heute den „Stiftertag“ mit einer feierlichen Begräbnismesse. Der Tag beginnt um sechs Uhr früh mit der Verlesung des Nekrologs und der Nennung der Stifter, zunächst des bayerischen Herzogs Tassilo III., dann Kaiser Heinrichs II., Rudolfs von Habsburg und anderer Wohltäter. Um zehn Uhr zelebriert der Abt das feierliche Requiem. Eine zwei Meter hohe Tumba (Grabmal) ist mit schwarzem Tuch behängt, mit Tassilos fiktivem Wappen geschmückt und mit einem Herzogshut samt Zepter bekrönt.

In diesem Pontifikalamt werden die drei kostbarsten Gegenstände aus der Frühzeit des Klosters verwendet: Als Messkelch dient der berühmte Tassilo-Kelch, auf dem Altar stehen die sogenannten Tassilo-Leuchter, das Evangelium wird aus dem „Codex Millenarius Maior“, einer Handschrift aus dem 8. Jahrhundert, gelesen. Beim anschließenden Mahl für geladene Gäste wird der Stiftsbrief des Herzogs vorgelesen. Bis in die Barockzeit war dieser Stiftertag auch mit großzügigen Fleisch- und Brotspenden für die Bevölkerung verbunden. Im Jahr 1773, als dieser Brauch verboten wurde, wurden noch 100 Ochsen geschlachtet und 23000 Pilger verköstigt. Das Stift selbst sieht unter den verschiedenen Hausfesten, die im Ablauf des Jahres ge‧feiert werden, den Stiftertag als das originellste und stimmungsvollste Fest.

Auch in Bayern hält man die Tradition hoch. Das Kloster Frauenchiemsee bewahrt bis heute das Gedenken an Herzog Tassilo mit einem feierlichen Hochamt am 11. Dezember. Zudem wird an jedem 11. eines Monats im Anschluss an das Mittagsgebet des Stifters gedacht. Auch in Frauenchiemsee war bis zur Säkularisation 1803 am Stiftertag eine große Volksspeisung üblich. Brot, Käse und Schweinefleisch wurden an die Bevölkerung ausgeteilt, auch die Geistlichkeit labte sich mit Speis und Trank.

Wer war dieser Herzog Tassilo III., der 788 in einem vom fränkischen König Karl inszenierten Schauprozess in Ingelheim seine Herrschaft verlor, um dann zu lebenslanger Klosterhaft „begnadigt“ zu werden? Tassilo entstammte dem Geschlecht der Agilolfinger, einer fränkischen Familie, die seit der Mitte des 6. Jahrhunderts die bayerischen Herzöge stellte. Tassilo und Karl waren durch vielfältige verwandtschaftliche Beziehungen verbunden. Der bayerische Herzog war durch seine Mutter Hiltrud ein Enkel Karl Martells, ein Neffe Pippins des Jüngeren und ein Vetter Karls des Großen.

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Die Beziehungen zwischen den Agilolfingern und den fränkischen Herrschern zur Merowingerzeit waren durchaus ambivalent. Unbestritten ist, dass der erste bayerische Herzog, der Agilolfinger Garibald, vom fränkischen König Theudebald eingesetzt wurde. In der „Lex Baiu‧variorum“, dem bayerischen Gesetzbuch, das in der heute überlieferten Redaktion aus dem frühen 8. Jahrhundert stammt, besitzen wir eine zeitgenössische Quelle. Hier wird auch die her-ausragende Stellung eines Herzogs in Bayern beschrieben. Der Herzog müsse immer dem Geschlecht der Agilolfinger entstammen. Auch das Verhältnis zum Frankenkönig wird hier näher beschrieben. Mehrfach wird die Abhängigkeit des bayerischen Herzogs vom König festgestellt. Man liegt daher nicht so falsch, sieht man den Herzog in erster Linie als Beauftragten des Königs, also als „Amtsherzog“. Die fränkischen Quellen sind sich zumindest darin einig, dass die Bayern den merowingischen Königen seit jeher untertan gewesen seien, wobei das Kräfteverhältnis von der jeweiligen politischen Lage abhängig war.

Innenpolitische Schwierigkeiten des Frankenkönigs boten Herzog Garibald die Möglichkeit, eine eigene raffinierte Außenpolitik zu betreiben: Er verheiratete eine seiner Töchter mit einem wichtigen langobardischen Amtsträger. In dem sich nun herauskristallisierenden Machtdreieck zwischen Langobarden, Franken und Bayern wurden die Letzteren zu immer selbstbewussteren Mitspielern. Garibald gelang 588 der Coup, seine Tochter Theodolinde mit dem Langobardenkönig Authari zu verloben. Trotz fränkischer Militäraktionen gegen Bayern fand 589 die Hochzeit statt. Spätere bayerisch-lango‧bardische Allianzen zu Lasten des fränkischen Einflusses deuten sich hier schon an. Die Spielräume einer eigenständigen bayerischen Politik in Italien vergrößerten sich, je geringer das fränkische In‧ter‧esse wurde.

Unbestritten war aber auch unter den Nachfolgern Garibalds eine feste institutionelle Verbindung zwischen dem agilolfingischen Herzogsgeschlecht und den fränkischen Königen. So wurde Herzog Tassilo I. 591 vom Merowingerkönig Childebert eingesetzt. Auch die schon erwähnte „Lex Baiuvariorum“ spricht immer wieder die starke Stellung des (fränkischen) Königs an. Dieser setze jeweils denjenigen aus dem Geschlecht der Agilolfinger als Herzog ein, der königstreu und klug sei. Die enge Verschränkung des bayerischen Herzogtums mit der Karolingerherrschaft zeigen ebenso die Schwierigkeiten zur Zeit Karl Martells, der im Zuge der Konsolidierung seiner Machtposition auch den Zugriff auf die Herzogtümer Alamannien und Bayern verstärkte. Die innenpolitische Schwächung der agilolfingischen Herrschaft durch die Aufteilung des Herzogtums erleichterte einen Zugriff von außen. In zwei Feldzügen stellte Karl Martell den fränkischen Einfluss in Bayern wieder her und konnte auch einen ihm genehmen Herzog etablieren. Insgesamt aber hatten die Agilolfingerherzöge trotz allem Einfluss der Franken auf die bayerische Politik sehr wohl Handlungsspielraum, den sie zu nutzen verstanden. In der Forschung schwankt die Einschätzung ihrer Herrschaft zwischen der Vorstellung von einem „Amtsherzog“ und einer quasi unabhängigen Machtausübung…

Literatur: Lothar Kolmar / Christian Rohr (Hrsg.), Tassilo III. von Bayern. Großmacht und Ohnmacht im 8. Jahrhundert. Regensburg 2005. Wilhelm Störmer, Die Baiuwaren. Von der Völkerwanderung bis Tassilo III. München 2007. Wilfried Hartmann, Karl der Große. Stuttgart 2010. Jörg W. Busch, Die Herrschaften der Karolinger. München 2011.

Dr. Wolfgang Jahn

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