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Jan Hus als Leitfigur der Tschechen im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert

Der Kult um einen frommen Gottesmann

Wie bei anderen Völkern zählte auch bei den Tschechen die Idealisierung herausragender Persönlichkeiten, in denen sich die gesamte Nation widerspiegeln konnte, zu den wesentlichen Elementen der nationalen „Wiedererweckung“.

Die moderne tschechische Nationalbewegung startete unter denkbar ungünstigen Voraussetzungen: Die staatliche Ebene war seit Jahrhunderten von den Habsburgern besetzt, und Politik, Gesellschaft, Kultur wie auch die Wirtschaft waren in den böhmischen Ländern zu Beginn des 19. Jahrhunderts noch weitgehend deutsch bestimmt. Sollte die angestrebte nationale „Wiedergeburt“ also gelingen, so mußte noch erhebliche Aufholarbeit geleistet werden, und dazu gehörte vor allem die Formulierung und Popularisierung eines ebenso attraktiven wie plausiblen kollektiven Identifikationsprogramms. Bei aller Zukunftsorientierung und Fortschrittsgläubigkeit blieben die Vordenker des tschechischen Nationalgedankens dabei stets darauf bedacht, die Legitimität ihres Anliegens möglichst tief in der Geschichte zu verankern. Und so kollektivistisch die nationale Ideologie der sich formierenden modernen tschechischen Gesellschaft auch angelegt war, so wenig kam sie ohne persönliche Vorbilder und Leitfiguren aus.

Eine der bedeutendsten historischen Leitfiguren der Tschechen wurde keine heroische Gestalt wie etwa Jeanne d’Arc in Frankreich oder Hermann der Cherusker in den deutschen Territorien, sondern ein frommer Gottesmann, der außerdem noch gewaltsam zu Tode gekommen war: „Mistr Jan Hus“. Um seine Person entwickelte sich im Böhmen des 19. Jahrhunderts ein Kult, der Hus zu einer erstrangigen Symbolfigur der gesamten tschechischen Nation bis ins 20. Jahrhundert hinein werden ließ, wobei diese Vereinnahmung gewisse Parallelen zu dem analogen Vorstellungskomplex vom „deutschen Luther“ aufweist.

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts bis in die Zeit des Vormärz hinein war die Verehrung des böhmischen Reformators freilich keine exklusiv tschechische Angelegenheit. „Johann“ Hus galt bei den deutschböhmischen Nachbarn und darüber hinaus in allen deutschen Territorien als ein unerschrocken tapferer Streiter für Gewissensfreiheit und als ein bedeutender Vorläufer Martin Luthers. Zahlreiche Schriften, Dichtungen, aber auch Gemälde legen davon beredtes Zeugnis ab. Nicht seine Nationalität, sondern seine Geisteshaltung gab den entscheidenden Ausschlag für diese Wertschätzung. Die Bedeutungsverengung seiner Person zu einer Leitfigur der tschechischen Nationalkultur setzte erst mit der Revolution von 1848 und der damit verbundenen Politisierung der tschechischen Nationalbewegung ein. Richtungweisende Grundlage bildete hierfür das monumentale Geschichtswerk von Frantisek Palacky, in welchem der Hussitismus als eine Glanzzeit der tschechischen Vergangenheit beschrieben und als wichtigstes Traditionselement der modernen tschechischen Nationalbewegung installiert wurde.

Obwohl zwischen dem gewaltsamen Tod des böhmischen Magisters im Jahr 1415 in Konstanz und dem Ausbruch der hussitischen Revolution in Böhmen, beginnend mit dem sogenannten Prager Fenstersturz von 1419, vier Jahre vergangen waren, verschmolzen das Martyrium von Jan Hus und der Hussitismus im tschechischen nationalen Geschichtsbild fortan zu einem einheitlichen Vorstellungskomplex. Dabei spielte keine Rolle, daß die hussitische Revolution und die Hussitenkriege nur lose mit der Lebensgeschichte und mit den Intentionen ihres Namensgebers verknüpft waren. Vielmehr wurde Jan Hus erst mit Hilfe dieser gedanklichen Verbindung zu einer nationalen Symbolfigur der Tschechen – in Konstanz wäre er demnach nicht nur wegen seiner theologischen Ansichten angeklagt worden, sondern sei auch schon für die „Ehre der Nation“ eingetreten. Aus dem „Erzketzer“ Hus wurde so ein früher aufrechter tschechischer Patriot, der seine Ansichten gleichermaßen gegen „Deutschtum“ wie gegen „Römertum“ vertreten hatte und deswegen sterben mußte.

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War es schon problematisch genug, die hussitische Bewegung auf ihre tschechisch-nationalen Komponenten zu reduzieren und sie aus dem Nationsverständnis des 19. Jahrhunderts heraus zu deuten, so erwies es sich historisch als noch weitaus fragwürdiger, aus Jan Hus einen spätmittelalterlichen Vorkämpfer des Tschechentums machen zu wollen. Doch bei der Modellierung kollektiver Leitfiguren geht es ja generell selten um biographiegeschichtliche Detailtreue, sondern vielmehr um die Konstruktion von personalisierten Identifikationsangeboten, deren Logik und Prinzipien mehr an den Vorstellungen ihrer Konstrukteure ausgerichtet sind und an ihrer potentiellen Öffentlichkeitswirksamkeit gemessen werden als an den tatsächlichen Lebensläufen der betreffenden Persönlichkeiten. Die Gleichsetzung von Jan Hus und Hussitismus war insofern von Bedeutung, als damit die passive Leidens- und Opfergeschichte des böhmischen Reformators in einen kämpferischen Kontext gestellt war und seinem Verbrennungstod auf diese Weise nachträglich ein triumphaler Sinn zugeschrieben werden konnte.

Ikonographisch wurde diese Verschränkung unter anderem dadurch zum Ausdruck gebracht, daß Hus-Bilder häufig mit hussitischen Insi-gnien versehen waren und er selber meistens mit Vollbart dargestellt wurde – was ja seinem Stand als katholischer Priester nicht entsprach, sondern den später üblichen Habitus hussitischer Prediger wiedergibt…

Mit der Hus- und Hussiten-Verehrung in Böhmen war zweifellos ein konfessioneller Zug in das tschechi-sche Identitätsprogramm eingebracht. Dennoch kann nicht von einer Konfessionalisierung der tschechischen Nationalsymbolik die Rede sein. Einer solchen Entwicklung stand schon die Konfessionsstatistik entgegen, denn die überwältigende Mehrheit der tschechischen Bevölkerung war katholisch. Damit stellt sich unweigerlich die Frage, wie unter solchen Voraussetzungen ein Ketzer überhaupt zur zentralen Leitfigur der tschechischen Gesellschaft werden konnte. Möglich war dieser paradoxe Vorgang zum einen, weil die katholische Kirche eng mit dem supranationalen Habsburger-Reich verbunden war und darum schlecht in einen tschechisch-nationalen Traditionskanon eingebaut werden konnte. Zum anderen rangierten in dem Kult um Jan Hus die nationalen, also säkularisierten Signale eindeutig vor konfessionellen Aspekten und tangierten somit die Glaubenswelt der katholischen Bevölkerungsmehrheit kaum.

Auf breiter Basis sollte sich die Nationalisierung des Jan Hus als Leitfigur der tschechischen Nationalkultur freilich erst im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts durchsetzen – mit Ausläufern bis in katholische und sozialdemokratische Kreise hinein. Der Hus-Kult war inzwischen nicht nur zu einem integralen Bestandteil des tschechischen Geschichtsbildes geworden, sondern fand seinen Niederschlag unter anderem in der schönen Literatur und seit 1869 auch in besonderen Hus-Feierlichkeiten. Darüber hinaus wurde Hus in Denkmälern, auf Häuserfassaden sowie in zahllosen populären Drucken visualisiert. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts kam noch das moderne Massenkommunikationsmittel der Bildpostkarte als populäres und vielgenutztes Medium hinzu, über das eine breite Öffentlichkeit mit den wichtigsten Lebensstationen dieses Reformators bekannt gemacht worden ist, wobei die Verbrennungsszene in Konstanz wohl zu den häufigsten Motiven zählte

Dr. Rudolf Jaworski

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