Der Spanische Bürgerkrieg Der kurze Sommer der Anarchie - wissenschaft.de
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Der Spanische Bürgerkrieg

Der kurze Sommer der Anarchie

Im republikanischen Lager blühten während des Spanischen Bürgerkriegs zahlreiche Utopien. Vor allem die Anarchisten versuchten dabei, ihr Ideal einer herrschaftsfreien Gesellschaft ohne Staat, Privateigentum, Autoritätsprinzip und Klassen zu verwirklichen.

Madrid, Calle Velázquez Nr. 89, Ecke Maldonado: In der Nacht vom 12. auf den 13. Juli 1936 wird der Führer des spanischen Rechtsblocks, José Calvo Sotelo, von Polizisten aus seiner Wohnung geholt und in einen Lieferwagen gebracht – trotz der Immunität, die er als Parlamentsabgeordneter genießt. Auf der Höhe der Calle Ayala wird er mit zwei Schüssen niedergestreckt, der tote Körper anschließend auf den Almudena-Friedhof gebracht. Dies geschieht nur einige Stunden, nachdem rechte Trupps einen Beamten der republikanischen Polizei (Guardia de Asalto) ermordet haben.

Calvo Sotelo wurde nur 40 Jahre alt. Unter dem Diktator Primo de Rivera (1923–1930) war er Finanzminister gewesen. Mit großem rednerischem Talent begabt, stieg er in den Jahren der Zweiten Republik (1931–1936) zu einem der wichtig-sten Repräsentanten des Rechtsblocks der Nationalen Front auf, der sich in der Auseinandersetzung mit der Reformpolitik der republikanisch-sozialistischen Regierungen gebildet hatte.

Der Mord löste einen Militärputsch gegen die Zweite Republik (1931– 1939) aus, der von zivilen Kräften aus Großgrundbesitz, Wirtschaft und Kirche unterstützt wurde. Doch der erhoffte schnelle Sieg gegen die Republik unter dem Staatspräsidenten Manuel Azaña blieb aus. Der Aufstandsversuch mündete vielmehr in einen dreijährigen blutigen Kampf, der schon bald kein innerspanischer Konflikt mehr blieb. Durch die Intervention Hitler-Deutschlands, des faschistischen Italiens, der stalinistischen Sowjetunion und durch internationale Freiwilligenverbände (Internationale Brigaden) avancierte er zu einem im wahrsten Sinne des Wortes „europäischen Bürgerkrieg“ und gehört damit zur unmittelbaren Vorgeschichte des Zweiten Weltkriegs. Nur ein knappes halbes Jahr vor dem Überfall Hitlers auf Polen endete er 1939 mit dem Sieg des Generals Francisco Franco. Dieser installierte ein diktatorisches Regime, das erst nach seinem Tod 1975 überwunden werden konnte.

Spanien war am Vorabend des Bürgerkriegs ein zutiefst gespaltenes Land. Seit der erzwungenen Abdankung König Alfons‘ XIII. 1931 und der Ausrufung der Republik hatte sich eine Linkskoalition aus Republikanern und Sozialisten ein ambitioniertes Reformprogramm vorgenommen. Das wirtschaftlich und sozial noch sehr traditionelle und rückständige Land sollte modernisiert werden. Ganz oben auf der Agenda stand eine Agrarreform in den Latifundienregionen des Südens, um das harte Los der landlosen Tagelöhner zu verbessern. Gleichfalls wollte man den überragenden Einfluß der katholischen Kirche in der Gesellschaft, insbesondere im Bildungswesen, beschneiden und den Aktionsradius des Klerus auf rein geistliche Belange beschränken. Und nicht zuletzt geriet auch die Armee ins Fadenkreuz. Seit dem 19. Jahrhundert hatte sich diese wiederholt in die Politik eingemischt. Nun sollten die Streitkräfte demokratisiert werden und sich der zivilen Herrschaft unterordnen. All dies versuchte man unter international schwierigen Rahmenbedingungen anzugehen.

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Die traditionellen Eliten aus Großgrundbesitz, Wirtschaft, Kirche und Armee nahmen diese Bedrohung ihrer Machtpositionen nicht widerstandslos hin. Bereits 1933 konnten sie nach einem Wahlsieg durchsetzen, daß zahlreiche Reformansätze verwässert oder ganz rückgängig gemacht wurden. Allerdings waren sowohl die Rechte als auch die Linke und das Zentrum sehr stark zersplittert. Nach einer Regierungskrise konnte so schließlich die Linkskoali-tion der Volksfront im Februar 1936 einen Wahlsieg erringen, den die Rechte als Kampfansage betrachtete. Die Vorbereitungen für die Konspiration nahmen ihren Lauf.

Die Erhebung begann am 17. Juli in Marokko, am nächsten Tag hatte sie das spanische Festland erreicht, wo die Putschisten an vielen Punkten gleichzeitig losschlugen. Ein von englischen Faschisten gechartertes Flugzeug brachte General Franco von den Kanarischen Inseln nach Marokko. In diesem spanischen Protektorat war die „Afrika-Armee“ stationiert, die wichtigste Truppe der Aufständischen. Da die Flotte überwiegend republiktreu geblieben war, hing der Erfolg des Putsches sehr davon ab, wie schnell die Soldaten der Afrika-Armee über die Straße von Gibraltar transportiert werden konnten. Hier sprang Hitler in die Bresche, nachdem bereits der italienische Diktator Benito Mussolini Hilfe zugesagt hatte. Zwischen Juli und Oktober brachten deutsche Flugzeuge über 13000 Soldaten und umfangreiches Kriegsmaterial auf die Iberische Halbinsel. Ende Oktober beschloß man, das „Unternehmen Feuerzauber“ auszudehnen. Mit der „Legion Condor“ griff Hitler nun direkt in die Kämpfe ein; am 26. April 1937 bombardierte sie Guernica. Hitler sagte 1940 dementsprechend richtig zum italieni-schen Außenminister, daß es ohne die italienische und deutsche Unterstützung „heute keinen Franco“ gäbe.

Die republikanische Regierung wandte sich zunächst um Hilfe an die demokratischen Staaten Europas, an Großbritannien und vor allem an Frankreich, wo ebenfalls seit einiger Zeit eine Volksfront-Regierung an der Macht war. Doch entschieden sich diese beiden Länder schließlich für eine Nicht-Interventionspolitik, für die sie – jedoch mit wenig Erfolg – auch die faschistischen Länder zu gewinnen suchten. So blieb der Republik nur das stalinistische Rußland, das sich seine Unterstützung teuer bezahlen ließ: mit den spanischen Goldreserven und um den Preis umfassender Einflußnahme auf die innere Entwicklung der republikanisch gebliebenen Territorien…

Literatur Franz Borkenau, Kampfplatz Spanien. Politische und soziale Konflikte im Spanischen Bürgerkrieg. Ein Augenzeugenbericht. Stuttgart 1986. Walther L. Bernecker, Krieg in Spanien. 1936–1939. Darmstadt 2005. Carlos Collado Seidel, Der Spanische Bürgerkrieg. Geschichte eines europäischen Konflikts. München 2006. Frank Schauff, Der Spanische Bürgerkrieg. Göttingen 2006. Arno Lustiger, Schalom Libertad! Juden im spanischen Bürgerkrieg. Berlin 2001. Wilfried F. Schoeller (Hrsg.), Die Kinder von Guernica. Deutsche Schriftsteller zum Spanischen Bürgerkrieg. Berlin 2004.

Dr. Hedwig Herold-Schmidt

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