Südtirol 1919 bis heute Der lange Weg zur Autonomie - wissenschaft.de
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Südtirol 1919 bis heute

Der lange Weg zur Autonomie

Seit 1919 gehört Südtirol zu Italien. Die folgenden Jahrzehnte waren geprägt vom Versuch der planmäßigen „Italianisierung“ auf der einen und dem zum Teil erbitterten Widerstand dagegen auf der anderen Seite. Den Durchbruch brachte erst das im Jahr 1969 vereinbarte „Paket“ für Südtirol, das fortan Modellcharakter für den Schutz nationaler Minderheiten bekam.

Andreas Hofer ist mehr als eine historische Figur. Er ist ein Symbol, das seit nunmehr 200 Jahren immer wieder für unterschiedliche Ideologien und Ziele benützt und missbraucht wurde. Kämpfte er selbst noch gegen die bayerische Besatzung Tirols, so wurde er seit dem Ende des Ersten Weltkriegs zum Kämpfer für die Ansprüche der deutschsprachigen Tiroler südlich der Brenner-Grenze. Eine Grenze, deren Bestehen wie kein anderes Thema die Geschichte Tirols im 20. Jahrhundert geprägt hat.

Bildet der Brenner heute eine Grenze, so war er jahrhundertelang ein Bindeglied, das die Einheit des Landes Tirol überhaupt erst ermöglichte. Diese gemeinsamen Jahrhunderte waren es, die Sprache, Architektur, Brauchtum und Selbstbild Südtirols und seiner Bewohner hauptsächlich prägten. Typisch italienisch ist hier bis heute nur sehr wenig. Dennoch: Wer den Brenner überquert, ist in Italien. Eine Tatsache, die sich nicht durch kulturelle Kriterien erklären lässt, sondern das Resultat der Mächtepolitik der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist. So beginnt die Geschichte Südtirols als Teil Italiens aus völkerrechtlicher Sicht mit dem Ende des Ersten Weltkriegs.

Die Bestimmungen des Friedensvertrags von St. Germain, die diese Region Italien zusprachen, kamen jedoch nicht aus dem Nichts. Ihnen zugrunde lagen die Ideen des Irredentismus, einer aus dem 19. Jahrhundert stammenden Strömung, welche die Angliederung von Gebieten wie dem Tessin, dem Trentino, Dalmatien und eben auch Südtirols an das Königreich Italien forderte. Einer der wichtigsten Vertreter dieser Bewegung war Ettore Tolomei. Der Lehrer, Journalist und Politiker vertrat die Ansicht, dass die Wasserscheide am Alpenhauptkamm die nörd‧liche Grenze Italiens bestimmen sollte. An der Umsetzung dieser Idee arbeitete er mit Nachdruck. Neben der Unterstützung nationalistisch-irredentistischer Kreise begründete er 1906 die Zeitschrift „Archivio per l’Alto Adige“, die als Sprachrohr für seine Ideologie fungierte. Im Zuge dieser Tätigkeit entwickelte er, auf zum Teil kuriose Art und Weise, italienische Versionen der bestehenden Orts- und Flurnamen Südtirols. 1904 bestieg er etwa den Gipfel des Glockenkarkopfs in den Zillertaler Alpen, bezeichnete sich fälschlicherweise als Erstbesteiger und nahm sich deshalb das Recht heraus, diesem Berg, dem nördlichsten Punkt „seines Italiens“, den Namen „Vetta d’Italia“ (Gipfel/Spitze Italiens) zu geben.

Die Möglichkeit zur praktischen Umsetzung seines Plans brachte der Erste Weltkrieg. In den Geheimverträgen vom 26. April 1915 wurde dem Königreich Italien für den Kriegseintritt auf Seiten der Entente die Brenner-Grenze zugesichert. Eine Zusage, die 1919 im Friedensvertrag von St. Germain offiziell fixiert wurde. Damit war ein Gebiet, das seit mehr als 500 Jahren zu Österreich gehört hatte und zu fast 100 Prozent deutschsprachig war, entgegen dem von Wood-row Wilson propagierten Grundsatz der Selbstbestimmung der Völker, Italien zugesprochen worden.

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Die darauf folgende Phase der Geschichte des Alto Adige (Oberetsch), wie es nun hieß, war geprägt von einer planmäßigen Italianisierung und Unterdrückung der deutschsprachigen Bevölkerung. Der Überfall von „Schwarzhemden“ auf einen Trachtenumzug in Bozen am 24. April 1921, bei dem ein Südtiroler getötet und 48 verletzt wurden, war nur ein erster Vorbote dessen, was unter Mussolini kommen sollte. Aufbauend auf den Vorarbeiten Tolomeis, wurde versucht, das Land und seine Bevölkerung in allen Lebensbereichen italienisch zu machen.

Den ersten Ansatzpunkt bildete dabei die deutsche Sprache. Nicht nur Ortsnamen und Flurbezeichnungen wurden geändert, die Entnationalisierung machte nicht einmal vor den Fami‧liennamen halt. Einzige Amtssprache war nun Italienisch, deutschsprachige Schulen wurden verboten, Gewerkschaften und politische Verbände zerschlagen. Das rief Widerstand auf den Plan. Im Untergrund wurde weiterhin deutsch unterrichtet. Die Lehrer dieser „Katakombenschulen“ riskierten Geld- und Freiheitsstrafen. In besonders schwerwiegenden Fällen drohte gar die Verbannung nach Süditalien. Der Erkenntnis, dass sich aus Südtirolern nicht so einfach Italiener machen ließen, folgte nun der nächste Schritt: Die ethnischen Mehrheitsverhältnisse sollten umgekehrt werden. Zu diesem Zweck wurde vor allem in Bozen die Zuwanderung aus den „Altprovinzen“ mittels großer Wohnbau‧projekte massiv gefördert. Dadurch stieg der Anteil der Italiener in nur 30 Jahren von 6950 im Jahr 1910 auf fast 81000 gegenüber 234000 deutschsprachigen Südtirolern…

Literatur: Michael Gehler, Tirol im 20. Jahrhundert. Innsbruck/Wien 2008.

Brigitte Mazohl/Bernhard Mertelseder, Abschied vom Freiheitskampf. Tirol und 1809 zwischen politischer Realität und Verklärung. Innsbruck 2009.

Rolf Steininger, Südtirol im 20. Jahrhundert. Innsbruck/Wien 2004.

Siegfried Steinlechner, Des Hofers neue Kleider. Über die staatstragende Funktion von Mythen. Innsbruck/Wien/München 2000.

Michael Span/Johannes Weber

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