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Nabonid: der letzte König von Babylon

Der Rätselhafte und die Hochbetagte

Um die historische Gestalt des letzten Königs von Babylon ranken sich zahlreiche Rätsel. Was bewog den Herrscher zu seinem „Ausflug“ auf die Arabische Halbinsel, weshalb zog er den Mondgott von Harran dem babylonischen Hauptgott Marduk vor?

Wenn ein Frommer die große Moschee im Dorf Harran, nahe der Stadt Urfa im Südosten Anatoliens, durch den Osteingang besuchte, trat er eine Hinterlassenschaft der Ungläubigen mit Füßen: Im Pflaster war die Stele einer menschlichen Figur aus uralter, heidnischer Zeit verbaut. Das Gesicht war weggemeißelt worden; unter der Figur sah man seltsame, unlesbare Zeichen. Eine ähnliche Stele war als oberste Stufe der Treppe im Westeingang der Moschee eingelassen, von der aus man in den Moscheehof hinabstieg.

Diese Situation fand der britische Archäologe David Storm Rice vor, als er in der Hitze des Spätsommers 1956 in Harran Ausgrabungen durchführte. Harran, aus der Bibel als Zwischenstation Abrahams auf seiner Wanderung von Ur in Chaldäa ins Gelobte Land geläufig, war in Altertum und Mittelalter eine bedeutende Stadt. Die menschliche Figur auf den beiden von Rice entdeckten Stelen entpuppte sich als Darstellung des letzten babylonischen Königs Nabonid (555–539 v.Chr.), die Zeichen bilden einen Keilschrifttext.

Die Inschrift enthält einen Rückblick auf Nabonids Regierungszeit und berichtet von einem langen, rätselhaften Aufenthalt in der entfernten nordarabischen Oase Tema sowie dem Bau des Mondgott-Tempels Echulchul in Harran, der sich einst an der Stelle der Moschee befunden hatte. Der Text beginnt mit einer Anrufung des Mondgottes Sin. Nabonid bezeichnet diesen als „Herrn der Götter und Göttinnen“ und verleiht ihm damit einen Titel, der sonst nur Marduk, dem Stadtgott Babylons, zukam. Hier offenbart sich Nabonids tiefe Verehrung für den Mondgott von Harran.

Die Kehrseite dieser Verehrung war eine Vernachlässigung des Marduk-Kults, die sich am auffälligsten während des zehnjährigen Aufenthalts Nabonids in Tema zeigte. In dieser Zeit musste das wichtigste Kultereignis Babyloniens, das Neujahrsfest, ausfallen, da es die Anwesenheit des Königs erforderte. Beim Neujahrsfest wurde eine Marduk-Statue in feierlicher Pro‧zession durch Babylon getragen. Die Vernachlässigung Marduks und Bevorzugung Sins brachte Nabonid in Konflikt mit der mächtigen Marduk-Priesterschaft Babylons und dürfte einer der Gründe für sein arabisches Exil gewesen sein…

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Babylon: Mythos und Wahrheit Sonderausstellung im Pergamonmuseum Berlin 26. Juni – 5. Oktober 2008

Der erste Teil der Ausstellung (einer Kooperation mit dem Musée du Louvre und dem British Museum) widmet sich in einem umfassenden Sinn dem Leben in Babylonien: Königtum, Bauwesen, Religion, Recht, Arbeitswelt, Schule/Wissenschaft und Alltag. Eine kleine wissenschaftsgeschichtliche Schau führt ein in die Entdeckung Babyloniens. Thematisiert wird ferner das kulturelle Erbe Babylons und wie dieses seinen Weg nach Europa nahm. Griechen, Araber, Juden und das Christentum waren daran beteiligt: Die Geisteskultur Babylons fand keineswegs mit Alexander dem Großen ihr Ende.

Der zweite Teil der Ausstellung erzählt die mythische Geschichte vom Aufstieg und Fall Babylons als Stadt der Sünde und der Tyrannei, als Schauplatz der Sprachverwirrung und als Metropole der ewigen Apokalypse. Quellen, Entstehung und Tradierung dieses Bildes bis heute werden anhand von Gemälden und vielen anderen Dokumenten beleuchtet.

Zu der Ausstellung erscheint im Hirmer Verlag, München, ein reichbebilderter Katalog mit Aufsätzen zum Forschungsstand und Exponatbeschreibungen. http://www.smb.museum/babylon

Prof. Dr. Michael Streck

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DAMALS | Aktuelles Heft

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Der Podcast zur Geschichte.

Geschichten von Alexander dem Großen bis ins 21. Jahrhundert. 2x im Monat reden zwei Historiker über ein Thema aus der Geschichte. In Kooperation mit DAMALS – Das Magazin für Geschichte.

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