Der Schatz der Nibelungen Der soll Dir immer verborgen sein - wissenschaft.de
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Der Schatz der Nibelungen

Der soll Dir immer verborgen sein

Die Erzählung vom Schatz der Nibelungen, der angeblich im Rhein versenkt sein soll, wirkt bis heute ebenso faszinierend wie phantastisch. Doch ganz ohne historischen Kern ist selbst diese Legende nicht. Was nicht heißen soll, dass die Erfolgsaussichten für moderne Schatzsucher besonders groß sind.

Der von Siegfried erworbene Hort ist das verbindende Element der beiden im Nibelungenlied zusammengefügten epischen Erzählungen von Siegfrieds Tod und vom Untergang der Burgunden. Bei der Ankunft Siegfrieds in Worms wusste Hagen von Tronje zu berichten, Siegfried habe Gold und Edelsteine von den Königssöhnen Schilbung und Nibelung erworben. Letztere hätten den Xantener Helden zunächst darum gebeten, den an einem Berg aus einer Höhle herausgeschafften, mehr als 100 Wagenladungen umfassenden Schatz unter ihnen zu teilen. Als er es den beiden nicht recht machen konnte, habe Siegfried die Königssöhne und eine große Zahl ihrer Gefolgsleute erschlagen und den Schatz an sich genommen. Unter der Aufsicht von Alberich, dem Kämmerer Schilbungs und Nibelungs, sei das Gold wieder in den Berg gebracht worden und werde dort, so Hagen von Tronje, weiterhin von diesem bewacht.

Siegfried war also als Herr eines gewaltigen Schatzes, der ihm zu großer Macht verhalf, in das Epos eingeführt. Aber erst nach der Ermordung des niederrheinischen Königssohns am Burgundenhof in Worms stellte sich der Dichter auch den Hort als nach dorthin überführt vor. Auf Wunsch der Burgundenkönige habe ihn Kriemhild, die den Schatz von Siegfried als Morgengabe erhalten hatte, von Alberich freigeben und nach Worms bringen lassen. Die ganze 19. Âventiure ist diesem Werttransport gewidmet, und dabei wird auch noch einmal die Größe des Schatzes hervorgehoben: Zwölf große Wagen hätten vier Tage und Nächte lang jeweils dreimal hin- und herfahren müssen, um das Gold und die Edelsteine aus der Höhle heraus zu den Schiffen zu bringen, die dann den Rhein hinauf gefahren seien. Die neue Herrin des Goldes agierte aber anders damit, als es die Burgundenkönige erwartet hatten. Sie begann es zur Anwerbung eigener Gefolgsleute zu nutzen, so dass Hagen von Tronje beschloss, Kriemhild den Schatz zu nehmen und ihn im Rhein zu versenken. Allerdings, wie der Dichter bemerkt, mit der Absicht, ihn eines Tages wieder hervorholen zu lassen.

Der zweite Teil des Nibelungenlieds, die Schilderung des Untergangs der Burgundenkönige am Hof des Hunnenkönigs Etzel, ist die Erzählung von der Rache Kriemhilds für das ihr in Worms von ihren Brüdern zugefügte Unrecht, die Ermordung ihres Gatten Siegfried. Erst kurz vor dem Tod der letzten überlebenden Burgunden, Gunthers und Hagens von Tronje, konfrontiert Kriemhild Letzteren plötzlich mit der Forderung nach der Rückgabe des Horts. Hagen behauptet, er habe geschworen, das Geheimnis des Verstecks nicht preiszugeben, solange noch einer der königlichen Brüder lebe, und provoziert damit den Tod Gunthers. Als Kriemhild ihm dessen Kopf vorlegt, verspottet er Etzels Frau mit der Bemerkung, dass ihr nun niemals der Schatz zur Verfügung stehen werde, denn nur er allein trage nun das Wissen um ihn mit sich: „Wo sich der Schatz befindet, das weiß jetzt niemand außer Gott und mir. Der soll Dir, Teufelin, für immer verborgen bleiben“. Die Verweigerung der Rückgabe kostet Hagen von Tronje das Leben, denn Kriemhild tötet ihn daraufhin eigenhändig.

Der Passauer Dichter kam auf die Hortforderung zurück, weil sie integraler Bestandteil der älteren mündlichen Überlieferungen war, die es über den Untergang burgundischer Könige im Kampf gegen hunnische Krieger gab. Im alten Atli-Lied, das zwar noch etwas später als das oberdeutsche Nibelungenlied im 13. Jahrhundert in Skandinavien verschriftlicht wurde, durch die stabreimende Form und seine Kürze jedoch eine Zugehörigkeit zu älteren Phasen europäischer Heldendichtung zu erkennen gibt, war die Gier des Hunnenkönigs Attila nach dem Gold der Burgunden noch das Hauptmotiv dafür gewesen, deren Könige an die hunnische Residenz einzuladen. Die Dichtungen und Erzählungen vom Untergang burgundischer Könige im Kampf gegen die Hunnen gehen auf tatsächliche Ereignisse zurück, die sich um 430 am oberen Mittelrhein abgespielt haben.

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Die spätantike römische Reichs-, insbesondere die Finanzverwaltung und die Armee beruhten schwerpunktmäßig auf einer Goldwährung, die durch den von Kaiser Konstantin den Großen eingeführten, 4,55 Gramm schweren Solidus repräsentiert wurde. Mit Gold, auch in Form von deutlich schwereren Medaillons oder Goldbarren, die ebenfalls mit dem Bildnis des jeweiligen Kaisers geprägt oder gegossen wurden, zahlte das Römische Reich die Truppenkontingente auswärtiger Herkunft. Aus Gold und Edelsteinen bestanden die vielen diplomatischen Geschenke, die an Könige und Truppenführer gegeben wurden, und aus goldenen Münzen, Barren und Schmuck waren auch all die Jahrgelder und Tribute zusammengesetzt, mit denen das Oströmische ebenso wie das Weströmische Reich all die Stämme freundlich zu stimmen suchte, die entweder an den Grenzen des Römerreichs Einlass begehrten oder schon längst als sogenannte Foederaten in den Provinzen angesiedelt worden waren…

Matthias Hardt, Gold und Herrschaft. Die Schätze europäischer Könige und Fürsten im ersten Jahrtausend. Berlin 2004. Jörg Oberste, Der Schatz der Nibelungen. Mythos und Geschichte. Bergisch Gladbach 2008. Klaus von See, Germanische Heldensage. Stoffe, Probleme, Methoden. Frankfurt am Main 1971.

Dr. Matthias Hardt

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