Ludwig II. und die Technik Der Visionär auf dem Königsthron - wissenschaft.de
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Ludwig II. und die Technik

Der Visionär auf dem Königsthron

Ludwig II. gilt gemeinhin als rückwärtsgewandter Träumer, der sich der Realität durch Flucht in eine verklärte Märchenwelt zu entziehen suchte. Am technologischen Fortschritt nahm er jedoch regen Anteil und förderte den Einsatz modernster Technik, besonders wenn es darum ging, sich selbst in Szene zu setzen.

Ludwig II. von Bayern war als Visionär und Bauherr ein großer Mäzen der Technik. Das erste elektrisch beleuchtete Fahrzeug der Weltgeschichte ist, von Neuschwanstein kommend, durch die Allgäuer Wälder gefahren. Es war der berühmte Puttenschlitten des Königs. Die magisch wirkende Beleuchtung wurde mit echten Glühbirnen betrieben, also nicht mit Kohlebogenlampen, die sich schon wegen ihrer großen Stoßempfindlichkeit nicht für den Einbau in einen Schlitten geeignet hätten. Der Schlitten wurde 1879 elektrifiziert, und zwar durch die fast einzigartig frühe Anwendung einer Kohlefaden-Glühlampe, die sich im technischen und physikalischen Grundaufbau nicht von den heute gebräuchlichen Glühbirnen unterscheidet.

Das Besondere an dieser Glühlampe war der Batteriebetrieb, während sonst Generatorenantrieb üblich war. Man kann annehmen, daß der König selbst zu dieser Neuerung den Anstoß gegeben hat, war er doch in seinem Wunsch nach perfekter Illusion durch Technik äußerst hartnäckig. Der Leuchtkörper befand sich in der Krone über dem vorderen Kufenaufsatz des Schlittens, zu der verdeckt Drähte emporgeführt waren. Die Batterie war in einem geräumigen Kasten unter dem Sitzkissen angebracht. Dieser war zum Schutz vor Batteriesäure mit Bleiblech ausgeschlagen und konnte mittels eines ebenfalls bleibeschlagenen Türchens geöffnet werden. Die Batterie funktionierte vermutlich auf der Basis von Bunsenelementen und Chromschwefelsäure. Außer der Einhängevorrichtung des Kastens ist davon jedoch nichts mehr erhalten.

Dagegen kann man die Lampenfassungen in der Krone bis heute sehen. Auch zu den beiden anderen Laternen führen Drähte, doch wurden diese nie angeschlossen. Zudem gibt es in den Lampen keine Fassungen für Birnen. Da die bekannte zeitgenössische Darstellung von Rudolf Wenig nur eine Lichtquelle erkennen läßt, muß man vermuten, daß die beiden Laternen nur mit Kerzen beleuchtet wurden und erst später elektrifiziert werden sollten.

Eine weitere technische Pionierleistung, die auf Ludwig zurückgeht, ist in der Nähe von Schloß Neuschwanstein zu sehen: die Marienbrücke. König Maximilian II. hatte dort bereits 1845 eine Brücke in Holzbauweise errichten lassen, die aber in ihrer klobigen Art Ludwigs Schönheitssinn nicht entsprach. Er beauftragte daher 1866 die Maschinenbau-Gesellschaft Klett in Nürnberg mit dem Bau einer filigranen Eisenkonstruktion. Dabei wurde zum erstenmal eine völlig neue Konstruktionstechnik mit Erfolg erprobt: In 90 Metern Höhe über dem Pöllath-Fall wurden die Träger durch Vor?bauen der einzelnen Trägerfache von den auf beiden Seiten im Fels befe-stigten Verankerungen aus ohne weitere stützende Elemente aufgestellt. Die Marienbrücke ist bis heute eines der überzeugendsten Beispiele für eine Eisenkonstruktion, die optimal in die Landschaft eingepaßt ist.

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Der König hat zwar den Konstrukteuren nicht vorgegeben, wie, wohl aber, was sie konstruieren sollten. So ist dieser Brückenbau zugleich ein Beleg für seine Fähigkeit, schonend mit der Landschaft umzugehen. Es wird überliefert, Ludwig II. habe sich immer wieder mit dem Gedanken getragen, durch einen Sprung von der Marienbrücke Selbstmord zu begehen. Sichere Belege hierfür gibt es nicht. Angesichts der schweren Depressionsschübe, unter denen er gelitten hat, erscheint dies aber möglich. 1984 wurden zwar die Brückenträger erneuert, aber die Geländer sind noch im Original erhalten…

Dr. Dr. Dietmar Stutzer

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