Rainald von Dassel Des Kaisers Kanzler - wissenschaft.de
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Rainald von Dassel

Des Kaisers Kanzler

Für Papst Hadrian IV. war der kaiserliche Kanzler Rainald von Dassel ein „besonders verderbter Mensch“, für Friedrich Barbarossa dagegen ein Freund und kluger Berater. Die Interessen seines Herrn vertrat Rainald allerdings mit einer Kompromißlosigkeit, die an Starrsinn grenzte.

Ob es an diesem Tag ein Gewitter gegeben hat, ist leider nicht überliefert. Zur Stimmung unter den Teilnehmern des Hoftags, zu dem Kaiser Friedrich Barbarossa im Oktober des Jahres 1157 nach Besançon geladen hatte, hätte ein solches Wetter jedenfalls gut gepaßt. Der Ladung des Kaisers waren nicht nur viele der Fürsten des Reiches gefolgt, auch zwei Legaten Papst Hadrians IV., Roland Bandinelli und der Kardinalpriester Bernhard, waren anwesend. Sie sollten die Fürstenversammlung nicht nur beobachten, sondern auch ein Schreiben des Papstes verlesen. Und genau dabei kam es zum Eklat.

Da die meisten der anwesenden Fürsten Analphabeten und auch des Lateinischen nicht mächtig waren, mußte der Brief des Papstes übersetzt werden. Diese Aufgabe übernahm in der erlauchten Runde nicht irgendwer, sondern selbstverständlich einer der ranghöchsten Kleriker des Reiches, nämlich der kaiserliche Kanzler Rainald von Dassel. Eigentlich hatte der Papst mit seinem Brief seinen Unmut über bestimmte Bereiche der kaiserlichen Kirchenpolitik kundtun wollen, doch verstand es Rainald, diesen Aspekt sehr schnell in den Hintergrund treten zu lassen. In einem Brief hatte der Papst geschrieben, daß er dem Kaiser gerne weitere „bene?ficia“ zukommen lassen wolle. Rainald übersetzte beneficia mit „Lehen“ – und löste damit ein politisches Erdbeben aus. Das Kaisertum als Lehen – denn was sonst sollte Barbarossa vom Papst erhalten haben –, der Kaiser folglich ein Lehnsmann des Papstes? Das versetzte die Fürsten in höchste Empörung, warf es doch die seit 100 Jahren strittige Frage der Vorherrschaft zwischen Kaiser und Papst wieder auf. Und Roland Bandinelli tat das Seine dazu, die Situation weiter zu verschärfen. „Von wem hat er denn sein Kaisertum, wenn nicht vom Herrn Papst“, soll er der aufgebrachten Menge entgegengerufen haben, was deren Entrüstung nur noch weiter steigerte, ja, fast wäre es zu Handgreiflichkeiten gekommen, wenn der Kaiser nicht persönlich eingeschritten wäre, um die Legaten zu schützen. Später mag Barbarossa es bereut haben, daß er seinen Gefolgsmann Otto von Wittelsbach – der sein Schwert schon gezogen hatte – davon abhielt, Roland Bandinelli den Weg alles Irdischen gehen zu lassen, denn wenige Jahre später bestieg ebendieser als Alexander III. selbst die Cathedra Petri und wurde einer der ärgsten Widersacher des Kaisers. In Besançon jedenfalls wurden die Legaten genötigt, den Hoftag zu verlassen und so schnell wie möglich abzureisen.

Ganz unberechtigt war der Aufruhr unter den Fürsten nicht gewesen, auch wenn das strittige Wort – beneficia –, das Rainald mit „Lehen“ übersetzt hatte, in seiner Grundbedeutung eigentlich nichts anderes als „Wohltaten“ meinte. Besonders in Deutschland aber war es auch in der von Rainald gewählten Bedeutung gebräuchlich, und an der päpstlichen Kurie kannte man gleichfalls seine Zweideutigkeit. Es ist bis heute ungeklärt, ob es nachlässigerweise an so brisanter Stelle in das Schreiben des Bischofs von Rom gekommen war oder ob man es absichtlich so geschrieben hatte. Rainald jedenfalls hat mit Sicherheit absichtlich die kritischere Übersetzung gewählt, konnte er als treuer Gefolgsmann Friedrichs so doch vom eigentlichen Inhalt des Schreibens ablenken – es seinem Kaiser also ersparen, sich für die Verfehlungen, die der Papst ihm vorwarf, rechtfertigen zu müssen. Die Versammlung stellte sich nach dem Eklat geschlossen hinter Friedrich und stärkte so dessen gegen die Vorherrschaft des Papstes gerichtete Politik. Und auch ein weiteres Anliegen des Papstes ging auf diese Weise im Tumult unter, denn an einer anderen Stelle warnte der Papst den Kaiser davor, sich weiterhin von einem, wie er schrieb, besonders „verderbten Menschen“ aus seiner Gefolgschaft beraten zu lassen. Mit dem besonders verderbten Menschen war mit Sicherheit Rainald von Dassel gemeint.

Dr. Ralf Molkenthin

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