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Die Annexion Elsass-Lothringens 1870/71

Des neuen Reichs Panier

Deutsch-Französischen Krieges die Forderung nach einer Annexion von Elsass und Lothringen erhoben. Nationale und militärische Argumente gingen dabei Hand in Hand. Die Eingliederung des „Reichslands“ wurde jedoch nicht zu einer Erfolgsgeschichte.

… Der Hoffnung, das 1648 vom römisch-deutschen Reich zum größten Teil an Frankreich abgetretene Gebiet links des südlichen Oberrheins sowie die 1681 durch Ludwig XIV. gewaltsam annektierte Reichsstadt Straßburg wiederzugewinnen, hatten die Sieger über Napoleon im Pariser Frieden von 1814 sowie auf dem Wiener Kongress danach allerdings nicht entsprochen: Man wollte Frankreich wieder zum gleichberechtigten Mitglied im neuen europäischen Konzert der Großmächte machen. Daher wurde es zwar auf seine Grenzen zu Beginn der „Revolutionskriege“ im Frühjahr 1792 reduziert, durfte das Elsass aber behalten. Während der Krise des Sommers 1840, die auf internationale Streitigkeiten im Nahen Osten zurückging und fast zu einem innereuropäischen Krieg geführt hätte, wurde die Frage der politischen Zugehörigkeit der linksrheinischen Gebiete in der deutschen Öffentlichkeit zwar erneut aufgeworfen, jedoch verebbte die Diskussion darüber bald wieder. Als man sich 1848 anschickte, ein neues „Deutsches Reich“ zu gründen, war von einer Rückgliede-rung des Elsass kaum die Rede.

Im Sommer 1870 jedoch wurde die Forderung, es von Frankreich abzulösen, lauter als je zuvor. Dabei spielten die südwestdeutschen Staaten Baden und Württemberg keine geringe Rolle. Der damals noch in Heidelberg lehrende Historiker Heinrich von Treitschke leitete zu Beginn des Deutsch-Französischen Kriegs seine Vorlesung mit einer Rede gegen die „räuberischen“ Franzosen ein, die „seit 300 Jahren … nicht aufhören konnten, sich in unsere deutschen Angelegenheiten zu mischen und … unsere Grenzen zu verwüsten.“ Ähnlich argumentierte zur gleichen Zeit der Freiburger Nationalökonom Adolf Wagner. Er hatte bereits 1867 eine Schrift über „Die europäischen Staatsterritorien und das Nationalitätsprinzip“ veröffentlicht und forderte jetzt nicht nur die Angliederung des Elsass wie des gesamten Lothringen an das künftige Deutschland, sondern auch eine Begradigung der deutschen Grenzen zur Schweiz, zu Belgien und zu den Niederlanden sowie die Annexion des Großherzogtums Luxemburg. Politiker wie der badische Außenminister Franz von Roggenbach entwickelten sogar die Vision eines cordon sanitaire von neutralen Staaten im Osten und Norden Frankreichs von der Schweiz über Burgund und die Franche-Comté bis hin nach Belgien.

In der badischen Regierung gab es dabei auch Hoffnungen, das Großherzogtum nach Westen vergrößern zu können. Dies wünschte aber auch Bayern für sich, das die Pfalz gerne nach Süden hin erweitern und durch den Erwerb Nordbadens zudem eine Landverbindung zwischen dem rheinischen Teil und dem eigentlichen Königreich herstellen wollte. Dies hätte jedoch zu schwierigen Verhandlungen über Grenzverschiebungen im deutschen Südwesten geführt. Außerdem fühlte sich keiner der südwestdeutschen Mittelstaaten einem sicherlich bald wieder erstarkenden Frankreich gewachsen. Daher richteten sich manche Hoffnungen auf eine Angliederung des Elsass an Preußen, das dann eine Art Schutzmauer gegen die Nachbargroßmacht bilden könnte.

Auch Otto von Bismarck machte sich diese Argumente zu eigen. Anfang Mai 1871 sprach er in einer Reichstagsrede über die Gedanken, die ihm bereits fast zwei Jahrzehnte zuvor, zu Beginn des Krim-Kriegs, König Wilhelm I. von Württemberg mitgeteilt hatte. Seinerzeit ging es um die Frage, ob sich die deutschen Staaten an der Seite Großbritanniens und Frankreichs an der bewaffneten Auseinandersetzung mit Russland beteiligen sollten. Der König habe damals geäußert, dass es ihm schwerfalle, sich gegen außenpolitische Ziele Frankreichs zu stellen, solange Straßburg mit seinen Festungsanlagen in französischer Hand sei. Bismarck folgerte jetzt daraus: „Der Keil, den die Ecke des Elsass bei Weißenburg in Deutschland hineinschob, trennte Süddeutschland wirksamer als die politische Mainlinie von Norddeutschland … Dass Frankreich in dieser überlegenen Stellung, in dieser vorgeschobenen Bastion, welche Straßburg gegen Deutschland bildete, der Versuchung zu erliegen jederzeit bereit war, sobald innere Verhältnisse eine Ableitung nach Außen nützlich machten, das haben wir Jahrzehnte hindurch gesehen.“

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In Preußen wie in den übrigen norddeutschen Staaten wurde die Annexion des Elsass seit dem Sommer 1870 gleichfalls mit Nachdruck verlangt. Dabei spielte einmal das Argument eine Rolle, dass es sich um ein deutschsprachiges Land handle, das einst zum Alten Reich gehört habe und nunmehr dem neuen Deutschen Reich, dessen Gründung bevorstand, angegliedert werden müsse.

Hinzu kam aus militärischer Sicht die Begründung, dass Frankreich vom linken Ufer des Oberrheins aus Deutschland immer wieder leicht angreifen könne. Bedeutsam war, dass Bismarck – als Kanzler des 1867 gegründeten Norddeutschen Bundes unter preußischer Führung auch Leiter von dessen Außenpolitik – ebenfalls zu der Überzeugung gekommen war, dass das Elsass wieder deutsch werden müsse, und diese Argumente bald unterstützte. Jetzt, wo es um die Vereinigung des Norddeutschen Bundes mit den süddeutschen Staaten zu einem neuen Deutschen Reich ging, spielte die Angliederung des oberrheinischen, zu Frankreich gehörenden Landstrichs eine wesentliche Rolle: Er sollte gewissermaßen als Klammer zwischen dem Norden und dem Süden des neuen Nationalstaats dienen, den man aus der Taufe zu heben gedachte.

Oder sollte man nach den spektakulären Schlachtensiegen und nachdem Kaiser Napoleon III. bei der Kapitulation der Festung Sedan am 2. September in Kriegsgefangenschaft geraten und zwei Tage später in Paris wieder einmal die Republik ausgerufen worden war, nicht besser auf Gebietsabtretungen und damit auf eine weitere Demütigung des Nachbarlandes verzichten? Diese Frage wurde nur vereinzelt geäußert, vor allem von linksliberaler und sozialistischer Seite. Sie zielte auf die möglichen Folgen, die sich aus der Abtretung des Elsass für die künftigen Beziehungen zwischen Frankreich und Deutschland ergeben würden, nämlich deren anhaltende Vergiftung auf Jahrzehnte hinaus. Man glaubte aber, diese Sorge außer acht lassen zu können, und meinte sogar, dass das in Paris neu etablierte Regime ohnehin versuchen würde, die bittere Schmach der Niederlage durch einen neuerlichen Krieg wettzumachen…

Literatur: Michael Erbe (Hrsg.), Das Elsass. Historische Landschaft im Wandel der Zeiten. Stuttgart 2002.

Prof. Dr. Michael Erbe

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