Stalins Rettung des Vaterlands Die abgewendete Katastrophe - wissenschaft.de
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Stalins Rettung des Vaterlands

Die abgewendete Katastrophe

Der Pakt, den Stalin mit Adolf Hitler geschlossen hatte, war keine zwei Jahre alt, da startete im Juni 1941 die Wehrmacht einen vernichtenden Angriff gegen die UdSSR. 1939 hatten die Sowjetunion und Deutschland noch ihre polnische Beute geteilt, nun stand die Existenz des Sowjetstaats auf dem Spiel.

Am 24. Juni 1945 feierte Moskau mit einer gigantischen Militärparade den Sieg der UdSSR im Großen Vaterländischen Krieg. Solda‧ten der Roten Armee türmten erbeutete deutsche Feldzeichen auf. Auf einem prachtvollen Schimmel nahm Marschall Georgi Konstantinowitsch Schukow den Vorbeimarsch der Truppen ab. Gemeinsam mit den Generälen Iwan Stepanowitsch Konjew und Konstantin Konstantinowitsch Rokossowski hatte er die Schlacht um Berlin geschlagen und für Stalin die Urkunde über die bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht entgegengenommen. Generationen von Sowjetbürgern trugen fortan diese Bilder des Triumphs der Roten Armee und der Kommunistischen Partei über den Hitlerfaschismus im Gedächtnis.

Seit dem deutschen Überfall am 22. Juni 1941 hatte die Sowjetunion entsetzliche Zerstörungen erlitten. Weite Landstriche waren verwüstet und entvölkert, die Infrastruktur zerstört. Die Zahl der gefallenen Soldaten sowie der Menschen, die den systematischen Morden der Deutschen sowie Hunger und Kriegshandlungen zum Opfer fielen, wird man niemals genau ermitteln können. Wahrscheinlich hatte die UdSSR während des Zweiten Weltkriegs mehr als 26 Millionen Kriegstote zu beklagen, darunter zwischen acht und elf Millionen Soldaten. Nach 1945 brauchte die Sowjetunion in manchen Bereichen Jahrzehnte, um wieder das Vorkriegsniveau zu erreichen.

Dass sie im fast vierjährigen Krieg nicht unterging, war 1941 nicht abzusehen. Mit der Roten Armee stand der Wehrmacht zwar eine riesige Streitmacht von fast sechs Millionen Solda‧ten gegenüber, doch war es um ihre Kampfkraft nicht gut bestellt. Dies hatte der sowjetisch-finnische Winterkrieg 1939/40 offenbart, für die sowjetischen Streitkräfte die größte militärische Bewährungsprobe seit dem Bürgerkrieg. Stalin hatte befohlen, Finnland der UdSSR als Karelo-Finnische Sowjetrepublik einzugliedern. Den vom Kreml entsandten Truppen gelang es jedoch trotz großer zahlenmäßiger Überlegenheit zunächst nicht, die stark befestigte Mannerheim-Linie zwischen Ladogasee und Finnischem Meerbusen zu durchbrechen. Erhebliche Schwächen des sowjetischen Militärs traten zutage. Den Säuberungen Stalins in den 1930er Jahren war ein hoher Anteil des Offizierkorps zum Opfer gefallen. Politoffiziere kontrollierten und gängelten die Truppenführer bei ihren taktischen Entscheidungen. In Finnland zeigten sich gravierende Schwächen in der Ausbildung, der Man‧gel an automatischen Waffen und ein schlecht funktionierender Nachschub. Erst die Zuführung vieler neuer Divisionen ließ im Frühjahr 1940 die finnische Verteidigung zusammenbrechen. In einem am 12. März 1940 unterzeichneten Friedensvertrag konnte das kleine Finnland trotz Gebietsabtretungen seine Unabhängigkeit gegenüber der UdSSR wahren.

Als Reaktion auf das gerade noch vermiedene Debakel berief Stalin den Kommandeur des Militärbezirks Kiew, Semjon Konstantinowitsch Timoschenko, zum neuen Volkskommissar für Verteidigung. Dieser ging entschlossen daran, die sowjetischen Streitkräfte zu einer leistungsfähigen Armee umzubauen und aus der Bevormundung durch die Kommunistische Partei zu befreien. Mit Blick auf ihre Rüstung hoffte die UdSSR dabei unter anderem auf deutsche Technik. Vereinbarungen mit dem Deutschen Reich, zuletzt im Rahmen des Molotow-Ribbentrop-Pakts von 1939, schlossen umfangreiche Rüstungslieferungen an die UdSSR und im Gegenzug sowjetische Rohstofftransporte ein. Aber während die Sowjetunion ihre Verpflichtungen bis unmittelbar vor Kriegsausbruch 1941 erfüllte, verzögerte die deutsche Seite die Abgabe von Kriegsgerät und enthielt den sowjetischen Partnern nach Möglichkeit moderne Technik vor.

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Timoschenko reformierte die Ausbildung des mit neuer Autorität ausgestatteten Offizierkorps. Unverändert blieben hingegen die Erwartungen an den Verlauf einer möglichen künftigen Auseinandersetzung mit Deutschland. Diese werde nach einer Kriegserklärung mit einer ersten Phase des Aufmarsches der feindlichen Hauptstreitmacht beginnen, der durch die sowjetische Armee zu stören sei. Erst in einer zweiten Phase würden die feindlichen Hauptkräfte eine vernichtende Offensive vortragen. Die Erfahrungen des deutschen Polenfeldzugs 1939 oder das deutsche militärische Vorgehen in Belgien, Holland und Frankreich 1940, wo rasch vorstoßende, hochmechanisierte Truppen ihre Angriffsziele praktisch aus dem Stand und mit höchster Geschwindigkeit und Schlagkraft erreicht hatten, wertete der sowjetische Generalstab nur unzureichend aus. Man glaubte, im Kriegsfall bis zu zwei Wochen Zeit zu haben, bis die Hauptkräfte aufeinanderprallen würden, während die Wehrmacht tatsächlich zwei Wochen nach Kriegsbeginn bereits im Vorfeld von Leningrad, Smolensk und Kiew stand.

Die militärischen Planungen der Sowjetunion waren darauf ausgerichtet, einen deutschen Aufmarsch zu zerschlagen und den Angriffsoperationen des Gegners zu begegnen. Zu einem Angriff gegen das Deutsche Reich war die Rote Armee dagegen im Sommer 1941 nicht in der Lage. Trotz der aggressiven Expansionspolitik Stalins in Europa fehlten konkrete Absichten für einen solchen folgenschweren Schritt.

Stattdessen ließ Timoschenko 1940 mit großem Aufwand den Ausbau einer Verteidigungslinie an der Westgrenze der UdSSR in Angriff nehmen. Die stark befestigte und bewehrte sogenannte Stalin-Linie weiter im Osten verlor zu diesem Zweck einen Großteil ihrer Sperrmittel und Waffen und wurde teils ganz aufgegeben. Stalin verbot kategorisch, im Fall eines Angriffs sowjetisches Territorium (vor allem die als unsicher betrachteten, neubesetzten Grenzgebiete) zu räumen, und verbat sich den Gedanken an einen Kampf in der Tiefe des sowjetischen Raums. Timoschenkos „Westwall“, der das Rückgrat der grenznahen Verteidigung bilden sollte, war im Sommer 1941 aber bestenfalls bedingt einsatzbereit. Fast der Hälfte von insgesamt 2300 geplanten Stützpunkten fehlten die Geschütze. Vorhandene Waffen konnten ohne das notwendige Schussfeld nicht wirken. Bunker blieben ungesichert durch Draht- oder Minensperren und vielfach ohne Funkausrüstung, Elektrizität oder Luftfilter…

Literatur: Bernhard Chiari, Grenzen deutscher Herrschaft. Voraussetzungen und Folgen der Besatzung in der Sowjetunion, in: Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg. Band 9/2. München 2005, S. 877 – 976. Richard Overy, Russlands Krieg 1941–1945. Reinbek bei Hamburg 2003. Dieter Pohl, Die Herrschaft der Wehrmacht. Deutsche Militärbesatzung und einheimische Bevölkerung in der Sowjetunion 1941 –1944. München 2008.

Dr. Bernhard Chiari

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