Habsburger-Krise in Österreich „Die Idee kam mir absolut niederträchtig vor“ - wissenschaft.de
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Habsburger-Krise in Österreich

„Die Idee kam mir absolut niederträchtig vor“

Über 40 Jahre nach dem Ende der Monarchie sorgte die Habsburger-Frage noch immer für erregte Debatten in Österreich. Am 4. Juli 1963 erklärte das Parlament der Alpenrepublik Otto von Habsburg zur „unerwünschten Person“ – nachdem der Verwaltungsgerichtshof die „Landesverweisung“ des Thronprätendenten gerade erst für ungültig erklärt hatte.

Die Vorgeschichte der Habsburger-Debatte von 1963 führt an das Ende des Ersten Weltkriegs. Damals hatte der letzte österreichische Kaiser Karl zwar – unter dem Druck der provisorischen Nationalversammlung – am 11. November die Regierungsgeschäfte niedergelegt, aber weder damals noch später formal abgedankt. Allerdings wollte er die Entscheidung anerkennen, die „Deutsch-Österreich über seine künftige Staatsform trifft. Das Volk hat durch seine Vertreter die Regierung übernommen. Ich verzichte auf jeden Anteil an den Staatsgeschäften“. Das konnte durchaus als Anerkennung der Provisorischen Nationalversammlung, die sich am 21. Oktober aus den deutschsprachigen Abgeordneten des 1911 gewählten Reichshofrates gebildet hatte, interpretiert werden Doch als die Provisorische Nationalversammlung nur einen Tag nach Karls Erklärung die Republik „Deutsch-Österreich“ als Bestandteil der „Republik Deutschland“ ausrief, war das für Karl ein Affront. Da er sich weigerte, auf seine Thronrechte zu verzichten, ging er zunächst ins Exil in die Schweiz – nicht ohne zuvor noch auf österreichischem Boden gegen gegen das Vorgehen der Nationalversammlung Protest einzulegen und diese dazu aufzufordern, das gesamte österreichische Volk über die Staatsform entscheiden zu lassen. Nachdem auch ein Restaurationsversuch in Ungarn gescheitert war, ging Karl mit seiner Familie ins Exil auf die portugiesische Insel Madeira. Kronprinz Otto war damals sechs Jahre alt. Nach dem frühen Tod Karls 1922 wurde Otto Chef des Hauses Habsburg – und damit Thronprätentendent eines Reiches, das es, nicht nur der Staatsform nach nicht mehr gab. Längst waren aus den früheren östlichen und sudöstlichen Gliedern des Habsburgerreichs (Böhmen, Mähren, Kroatien…) unabhängige Staaten bzw. Teile neu gegründeter Staaten geworden.

Der Bruch mit der früheren Herrscherdynastie war in Österreich nach dem Ersten Weltkrieg sehr viel schärfer als in Deutschland. Das Pendant zu Otto von Habsburg war hier Kronprinz Wilhelm, der seinem Vater 1918 ins holländische Exil gefolgt war. Am 1. Januar 1919 verzichetete der Kronprinz auf alle Rechte an der preußischen und deutschen Krone und konnte so bereits 1923 auf Vermittlung Gustav Stresemanns nach Deutschland zurückkehren. Das Vermögen der Hohenzollern wurde 1918/19 nicht enteignet, sondern beschlagnahmt. Dieser Schwebezustand endete in Preußen am 15. Oktober 1926 mit einem Kompromiß, der den Hohenzollern erhebliche Immobilien- und Vermögenswerte zurückgab, die als Privatbesitz der früheren Herrscherfamilie eingestuft wurden. Der Adelsstand und die damit verbundenen Privilegien wurden zwar in Artikel 109 der Weimarer Verfassung abgeschafft, doch durch durften die Adligen ihren Titel als Teil des bürgerlichen Namens behalten.

Ganz anders die Situation in Österreich, wo nicht einmal die Adelsbezeichnungen als Namensbestandteil überlebten (wer weiß schon, daß der frühere Rennfahrer Nicki Lauda sonst Nikolaus Ritter von Lauda heißen würde). Vor allem aber bekamen die Mitglieder des Hauses Habsburg die deutliche Abgrenzung der Republik zu spüren. Die rechtliche Grundlage für diesen Bruch mit der monarchischen Vergangenheit war das Habsburgergesetz vom 3. April 1919, „betreffend die Landesverweisung und die Übernahme des Vermögens des Hauses Habsburg-Lothringen“. Darin wurden nicht nur alle Herrscherrechte und sonstigen Vorrechte des Hauses Habsburg „für immerwährende Zeiten aufgehoben“, sondern „im Interesse der Sicherheit der Republik“ alle Habsburger des Landes verwiesen, „soweit sie nicht auf ihre Mitgliedschaft zu diesem Hause und auf alle aus ihr gefolgerten Herrschaftsansprüche ausdrücklich verzichtet und sich als getreue Staatsbürger der Republik bekannt haben“. Das gesamte bewegliche und unbewegliche Vermögen der Familie ging per Gesetz in das Eigentum der Republik Deutsch-Österreich über. Ausgenommen war lediglich das „freie persönliche Privateigentum“.

Eine Chance zur Rückkehr ergab sich für Otto von Habsburg erst, als das Land Anfang der 1930er Jahre in eine schwere Krise geriet. Nach dem gescheiterten nationalsozialistischen Putsch und der Ermordung von Bundeskanzler Engelbert Dollfuß im Juli 1934 war dessen Nachfolger Kurt Schuschnigg auf der verzweifelten Suche nach Verbündeten. Eine Zeit lang schien für Schuschnigg die Rückkehr zur Monarchie eine Option zu sein, den drohenden Anschluß an Hitler-Deutschland zu verhindern. Zwar hatte Hitler im Juli-Abkommen von 1936 die Souveränität Österreichs anerkannt, doch Schuschnigg mußte im Gegenzug zwei „Vertrauenspersonen der nationalen Opposition“ – also Nationalsozialisten – in die Regierung aufnehmen. Für Hitler war dies trotz gegenteiliger Beteuerungen der Auftakt einer weiteren Einmischung in die inneren Angelegenheiten Österreichs und Vorstufe des Anschlusses.

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Für Schuschnigg war Otto von Habsburg ein potentieller Verbündeter bei der Abwehr dieser Gefahren. So beschloß die Regierung bereits am 10. Juli 1935 die Aufhebung der Landesverweisung von 1919 – nahm davon allerdings den Thronfolger und seine Mutter Zita aus. Diese sollten nicht ohne vorherige Absprache mit dem Kanzler zurückkehren dürfen. Schuschnigg mußte jedoch bald erkennen, daß die Rückkehr zur Monarchie nicht nur den Widerstand Deutschlands, sondern auch der Westmächte hervorrufen mußte – und legte die Idee zu den Akten. Obwohl auch Otto selbst erkannte, daß seine Chancen gering waren, bot er doch weiter seine Hilfe an, um den drohenden Anschluß noch in letzter Minute zu verhindern. In einem dramatischen Brief schrieb er Schuschnigg am 17. Februar 1938: „Sollten Sie einem Druck von deutscher oder von betont-nationaler Seite nicht mehr widerstehen zu können glauben, so bitte ich Sie, mir, wie immer die Lage auch sei, das Amt eines Kanzlers zu übergeben. Ich bin fest entschlossen, zum Schutze von Volk und Staat bis zum Äußersten zu gehen, und ich bin überzeugt, dabei Widerhall beim Volke zu finden.“ Unterschrieben war der Brief mit „Otto – In der Fremde“. Schuschnigg ging auf dieses Angebot nicht ein, weil er inzwischen zu der Überzeugung gelangt war,. daß „jeder Versuch einer Restauration… den Untergang Österreichs bedeuten müßte“. Stattdessen setzte er eine Volksabstimmung über die Unabhängigkeit Österreichs für den 13. März an, der Hitler mit dem Einmarsch der Wehrmacht am 12. März zuvorkam. Für Otto von Habsburg bedeutete dies vorerst das Ende aller Hoffnungen auf eine baldige Rückkehr nach Österreich. Mehr als das: die Nationalsozialisten fahndeten gar steckbrieflich nach ihm. Der Bannstrahl Hitlers traf darüber hinaus die ganze Familie: Am 14. März 1939 wurde die Landesverweisung der Habsburger gemäß dem Habsburger-Gesetz von 1919 erneuert. Hatte Otto nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs – den er im Exil unter anderem in Frankreich und den USA erlebte – gehofft, nun wieder nach Österreich zurückkkommen zu können, hatte er sich bitter getäuscht. Zwar betrat er im Juni 1945 tatsächlich österreichischen Boden und blieb bis Januar 1946 in Innsbruck, doch dann mußte er erkennen, daß weder die alliierten Besatzungsmächte noch die ersten Regierungen der Nachkriegszeit ein Interesse daran hatten, den Wiederaufbau der Republik mit der Habsburgerfrage zu belasten. Der drohenden Landesverweisung kam Otto zuvor, in dem er Österreich „freiwillig“ wieder verließ und seine Zelte schließlich am Starnberger See aufschlug, wo der bald 91jährige bis heute lebt…

Uwe A. Oster

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