Eklat in der UN-Vollversammlung Die Sache mit Chruschtschows Schuh - wissenschaft.de
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Eklat in der UN-Vollversammlung

Die Sache mit Chruschtschows Schuh

Es war eine stürmische Sitzung, in der die UN-Vollversammlung am 12. Oktober 1960 über die Entkolonialisierung debattierte. Erst hämmerte der sowjetische Staats- und Parteichef Chruschtschow mit seinem Schuh auf den Tisch, dann zerbrach auch noch der Hammer des Konferenzvorsitzenden, als dieser die Delegierten vergeblich zur Ordnung rief.

Am 12. Oktober 1960 ergriff Nikita Sergejewitsch Chruschtschow (1894–1971) in der UN-Vollversammlung während der Rede des philippinischen Delegierten Lorenzo Sumulong seinen Schuh, schlug damit auf seinen Tisch und ereiferte sich: „Warum darf dieser Nichtsnutz, dieser Speichellecker, dieser Fatzke, dieser Imperialistenknecht und Dummkopf – warum darf dieser Lakai der amerikanischen Imperialisten hier Fragen behandeln, die nicht zur Sache gehören?“ Nicht zur Sache gehörte nach Chruschtschow, daß Sumulong in einer Debatte über die weltweite Beendigung des Kolonialismus die Sowjetunion beschuldigt hatte, sie habe Osteuropa aller politischen und bürgerlichen Grundrechte beraubt.

Das Verhalten Chruschtschows war für den Westen unbegreiflich, schien es doch nur zu belegen, daß der sowjetische Partei- und Regierungschef nicht zurechnungsfähig war, sein Handeln jeder Logik entbehrte oder aber allein darauf ausgelegt war, die westliche Welt zu provozieren. Dabei wird vergessen, daß der Auftritt vor der UNO eine Folge zweier anderer Ereignisse war: des Abschusses eines US-Spionageflugzeugs über der Sowjetunion am 1. Mai 1960 und des daraufhin geplatzten sowjetisch-amerikanischen Gipfels in Paris, der eigentlich am 16. Mai 1960 hätte stattfinden sollen.

Hinter diesem Zerrbild Chruschtschows verschwindet auch der Politiker, der mitten im Kalten Krieg zusammen mit dem amerikanischen Präsidenten Dwight D. Eisenhower (1890 –1969) eine erste Phase der Entspannung zwischen den Großmächten eingeleitet hatte. Im September 1959 hatte Chruschtschow die USA bereist, Hollywood, IBM und Farmen in Iowa besucht und sich von der amerikanischen Bevölkerung als Freund feiern lassen. Kurz davor hatte der amerikanische Vizepräsident Richard Nixon (1913–1994) in Moskau eine Ausstellung über den American way of life eröffnet, die den Wendepunkt in den Beziehungen beider Staaten markierte.

Tatsächlich erscheint kein anderer Parteiführer der KPdSU so widersprüchlich wie Chruschtschow (1953–1964). Nach dem Tod Stalins am 5. März 1953 gab die Sowjetunion dessen Blockadepolitik auf und ermöglichte die Wahl des Schweden Dag Hammerskjöld zum Generalsekretär der Vereinten Nationen (1905–1961), die Beendigung des Korea- und (vorläufig) des Indochina-Kriegs und zog ihre Truppen aus Österreich ab. Zudem begann Chrutschtschow eine rege Reisediplomatie. Hatte Stalin das Reisen gehaßt, so liebte Chruschtschow – zum Leidwesen seiner Mitarbeiter – die Auslandsbesuche, von denen er bis zu seinem Sturz 1964 rund 40 absolvierte. 1955 gab es ein erstes amerikanisch-sowjetisches Gipfeltreffen in Genf, 1956 folgte Chruschtschow einer Einladung nach Großbritannien, 1959 in die USA, dazwischen bereiste er Asien.

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Chruschtschow nährte allerdings genausoviel Hoffnung, wie er Illusionen zerstörte: Den Fortschritten in Korea, Vietnam und Österreich standen die Unterdrückung der Aufstände in Polen und Ungarn 1956, das Berlin-Ultimatum 1958 und der zunehmende Rüstungswettlauf gegenüber. Auch innenpolitisch wirkte sein Handeln widersprüchlich: Obwohl er selbst ein Mann Stalins war, stieß er 1956 auf dem XX. Parteitag mit seiner „Geheimrede“ Stalin vom Sockel und leitete das innenpolitische Tauwetter ein. Unter ihm wurden Löhne und Renten auf ein neues Mindestniveau angehoben, der Wohnungsbau forciert; 1957 versprach er, die USA in der Milch- und Fleischproduktion zu überholen. Von seiner USA-Reise brachte er die Idee mit, flächendeckend Mais anzubauen, was ihm den Spitznamen „Kukurusnik“ (russisch kukuruza = Mais) einbrachte. Aber wie viele seiner Maßnahmen war auch diese unausgereift. Am Ende stand eine Verknappung von Lebensmitteln, die Unzufriedenheit der Bevölkerung entlud sich 1962 in Revolten, die blutig niedergeschlagen wurden. 1963 griff die Sowjetunion ihre Goldreserven an, um im Westen Getreide einzukaufen.

Doch würde man es sich zu einfach machen, Chruschtschows impulsives, scheinbar unkontrolliertes Verhalten allein auf seinen Charakter zurückzuführen. Für sein Auftreten vor der UNO waren zwei Faktoren wesentlich, die vielleicht den Vorfall nicht hinreichend erklären können, ihn aber zumindest verständlich machen und in den richtigen Kontext stellen: der ausgeprägte Minderwertigkeitskomplex der Sowjetunion im allgemeinen und Chruschtschows im speziellen sowie das kulturelle Mißverständnis zwischen Ost und West, wie ein Parlament bzw. eine Organisation wie die UNO funktionieren sollte.

Seit Peter I. (1672–1725) Ende des 17. Jahrhunderts durch Europa gereist war, seinen Staat nach westlichem Vorbild geformt und seinem Adel westliche Manieren befohlen hatte, maß sich Rußland am Westen: Erst waren es nur die Zaren, später auch die studierten Eliten und im 20. Jahrhundert zunehmend breite Schichten der Bevölkerung. Das Nachdenken darüber, ob man modern, fortschrittlich, westlich oder bäuerlich, rückständig, asiatisch sei, deutet auf einen Komplex, der wie kein anderer das Selbstwertgefühl vieler Russen bis heute beherrscht.

Stalin hatte in den 1930er Jahren das „Einholen und Überholen“ des Westens zur Staatsphilosophie gemacht und dafür gesorgt, daß die gebauten Staudämme, Kraftwerke und Metallkombinate ihre Vorbilder im Westen bei weitem übertrafen. Nach dem Krieg und mit dem Aufstieg der Sowjetunion zur Supermacht war eine der größten Ängste Chruschtschows, die UdSSR könne nicht respektiert werden. Dies zeugt nicht nur von der historischen Zerrissenheit des Landes, sondern auch von einer persönlichen Unsicherheit. Stalin hatte seinen Gefolgsleuten immer wieder zu verstehen gegeben, wenn es ihn nicht mehr gäbe, „werden die imperialistischen Mächte euch wie Hühnern die Hälse umdrehen“.

Sehr sensibel reagierte Chruschtschow daher auf alles, was als Unterlegenheit der Sowjetunion interpretiert werden konnte. So empfand er es als Blamage, daß die anderen Delegationen 1955 in Genf in viermotorigen Flugzeugen eintrafen, während er auf dem Rollfeld nur eine zweimotorige Maschine zur Schau stellen konnte. Ein solches Mißgeschick wollte er kein zweites Mal erleben. Ein Jahr später sorgte er dafür, daß seine Delegation nach England in der neuesten Konstruktion, der Tu-104, flog – ein voller Erfolg; sogar die Queen interessierte sich für das Flugzeug. 1959 wiederholte er diesen Coup, indem er die ebenfalls neue Tu-114 benutzte. Mit Genugtuung registrierte er, daß man in den USA keine Rolltreppe in ausreichender Höhe dafür fand…

Susanne Schattenberg

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