Das soziale Engagement der Familie Rothschild Die soziale Verantwortung des Geldes - wissenschaft.de
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Das soziale Engagement der Familie Rothschild

Die soziale Verantwortung des Geldes

Nur freigebiger Reichtum ist ehrenwerter Reichtum – was für christliche Unternehmer und Freiherren galt, das ließen die jüdischen sich nicht zweimal sagen. So erfolgreich die Rothschilds im Profitmachen waren, so herausragend waren sie auch auf dem Non-Profit-Sektor, wie man die freiwillige Wohlfahrts- und Kulturförderung heute gern bezeichnet.

Die Jahrzehnte vor der Schaffung des Sozialstaats (in Deutschland durch Otto von Bismarck) waren die Glanzzeiten von Europas Großbürgertum. Ein zentrales Element seines liberalen Selbstverständnisses war Verantwortung für das Gemeinwesen – und die öffentliche Darstellung des daraus resultierenden gemeinnützigen Engagements. Am Beispiel der Rothschilds soll gezeigt werden, weshalb dies in besonderem Maß für jüdische Wohltäter gegolten hat.

Die Konflikte zwischen Arm und Reich sowie ein zuvor nicht gekanntes Wachstum der Städte stellten die westlichen Gesellschaften im 19. Jahrhundert vor neue Herausforderungen. Wenn wir heute „nur“ fürchten, daß Alter und Krankheit (und neuerdings auch Kinder) wieder zu Armutsrisiken werden, so war für die meisten Menschen damals das Leben an sich ein einziges Armutsrisiko. Dies änderte sich erst mit der Einführung staatlicher Sicherungssysteme. Daß der Staat auf diesem Feld Dominanz erlangen würde, war nicht von vornherein ausgemacht. Besonders im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert stellten sich auch viele Industrielle der Herausforderung und schufen Wohnsiedlungen, Krankenhäuser, Pensionskassen und Bildungseinrichtungen. Fast bekommt man den Eindruck einer regelrechten Konkurrenz zwischen staatlichem und freiwilligem Engagement.

Manche Unternehmer richteten sich dabei an eine allgemeine Klientel, andere – wie etwa Henry Ford und Alfred Krupp – vor allem an die eigenen Arbeiter, nicht zuletzt zur Schaffung von Loyalitäten. Für alle war das Engagement aber auch eine politische Stellungnahme: für ein liberales System mit niedrigen Abgaben, das den Unternehmern Luft lassen würde, soziale Probleme selbstverantwortlich anzugehen, und gegen eine staatlich verwaltete Verteilungsgerechtigkeit.

Diese Auffassung teilten die meisten der jüdischen Unternehmer – und derer gab es nicht wenige. Seit ihrer Emanzipation in Frankreich, England, Deutschland und Österreich führten die jüdischen Minderheiten ihrer Umwelt einen beispiellosen wirtschaftlichen Aufstieg vor. Das rief allgemeines Erstaunen hervor, selten Bewunderung und häufig Konkurrenzangst oder blanken Neid. Früher von den meisten Berufszweigen ausgeschlossen, waren Juden nun gleichberechtigte Bürger und in manchen der oberen Erwerbssparten schon bald überrepräsentiert.

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Die erfolgreichen Juden galten nicht nur als neureich, sondern auch als Eindringlinge in die christlich dominierte Mehrheitsgesellschaft. Vielfach verweigerte man ihnen die soziale Anerkennung, die sie sich von ihrem Erfolg versprochen hatten. Das sicherste Mittel zum Erwerb allgemeiner Anerkennung aber war (und ist) die öffentliche Wohltätigkeit. Nur wer einen ansehnlichen Teil seines Vermögens hierfür einsetzte, wurde von der etablierten Elite und den übrigen Schichten der Gesellschaft akzeptiert. Soziales Engagement war also immer zugleich ein Instrument des gesellschaftlichen Aufstiegs. Da es aber unter den Aufsteigern überproportional viele Juden gab, waren diese auch in der Wohlfahrtspflege besonders zahlreich und aktiv.

Die jüdischen Gemeinden in ganz Europa hatten schon immer über sehr effiziente eigene Sozialeinrichtungen verfügt. Das religiöse Gebot der Zedakah, der jüdischen Wohltätigkeit, verpflichtete nicht nur die Strenggläubigen. Hinzu kam: Juden hatten keinen Zugang zu den christlichen Institutionen, und sie waren zugleich darauf bedacht, daß die eigenen Armen nicht dem Gemeinwesen zur Last fielen. Mit ihrer im frühen 19. Jahrhundert beginnenden Emanzipation weiteten sie ihr Engagement aus. Die Erfolgreichsten unter ihnen gründeten und förderten viele Einrichtungen, die auf ein allgemeines Publikum zielten; häufig unterstützten sie sogar explizit christliche Krankenhäuser oder Schulen. Daneben griffen sie den Zivilgemeinden unter die Arme. So konnte etwa der Bau von Wasserleitungen in Wiens wachsenden Arbeitervierteln in den 1830ern nur mit Spenden der Bankiers Georg Sina und Salomon Mayer Rothschild in Angriff genommen werden. Sie steuerten fast das Dreifache des städtischen Anteils bei. Damit präsentierte man sich und die Gesamtheit der jüdischen Bürger als loyale Mitglieder einer modernen Zivilgesellschaft, die sich ja gerade über die verantwortliche Regelung der eigenen Angelegenheiten konstituierte. In Frankfurt zum Beispiel ging ein rundes Drittel aller gemeinnützigen Stiftungen auf jüdische Gründer zurück, bei einem jüdischen Bevölkerungsanteil von deutlich unter zehn Prozent. Sie trugen damit wesentlich zum Ruf Frankfurts als Stadt der Bürgerstiftungen bei.

Dr. Klaus Weber

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