Das Ende der absoluten Monarchie Die vier Tode Ludwigs XVI. - wissenschaft.de
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Das Ende der absoluten Monarchie

Die vier Tode Ludwigs XVI.

Mit Ludwig XVI. bestieg 1774 ein Monarch den französischen Thron, der zwar Gut- und Sanftmütigkeit besaß, dem aber wesentliche Tugenden eines Staatsoberhaupts in krisengeschüttelten Zeiten fehlten, wie Kraft, Mut und politische Klugheit. Am 21. Januar 1793 setzte ein denkbar knapper Mehrheitsentscheid der Mitglieder des Nationalkonvents seinem Leben ein Ende.

Ludwig XVI. starb, nachdem er bis zum Schluß seine Unschuld in einem rechtswidrigen Gerichtsverfahren beteuert hatte, auf dem Revolutionsplatz (heute Place de la Concorde) in Paris unter der Guillotine. Bevor seine letzten Worte auf einen Wink des Scharfrichters Sanson im Trommelwirbel des Exekutionstribunals erstickten, zeigte er gleichwohl Entschlossenheit. Mit dem Tod vor Augen, versuchte er ein letztes Mal, zu seinem Volk zu sprechen: „Franzosen, ich sterbe unschuldig, ich verzeihe den Urhebern meines Todes, und wünsche, daß mein Blut nicht auf Frankreich zurückfalle.“ Die öffentliche Hinrichtung Ludwigs XIV. war ein einmaliger Vorgang in der europäischen Geschichte. Ein einziges vergleichbares Beispiel, von den Revolutionären und dem im Temple internierten König aus unterschiedlichen Blickwinkeln oft herangezogen, hatte es in der englischen Geschichte gegeben. Dort war König Karl I. am 30. Januar 1649 auf Betreiben Oliver Cromwells durch einen Sondergerichtshof als „Tyrann“, der Recht und Ver-fassung Englands verraten habe, hingerichtet worden. Doch im Gegensatz zu England hat die Revolution in Frank-reich langfristig gesehen nicht nur einen König, sondern auch das Königtum eliminiert.

Wer war dieser König, dem ein derart außergewöhnliches, bis heute in mancherlei Hinsicht rätselhaftes Schicksal zuteil wurde? Louis Auguste de Bourbon wurde am 23. August 1754 in Versailles als viertes von acht Kindern des Dauphin von Frankreich geboren, der seinerseits der älteste Sohn Ludwigs XV. war. Seine Mutter Maria Josepha war die Tochter des Kurfürsten von Sachsen und späteren Königs von Polen. Der königlichen Rangfolge entsprechend, erhielt Ludwig bei seiner Geburt den Titel eines Herzogs von Berry. Aber im Alter von elf Jahren kannte er bereits sein zukünftiges Schicksal: Er sollte König werden. Kurz nachein-ander waren sein Bruder Ludwig (1761) und sein gleichnamiger Vater (1765) gestorben.

Obwohl der König sich nach Kräften bemühte, die komplizierten Staatsgeschäfte zu verstehen, ließ seine Wankelmütigkeit in der Wahl der verantwortlichen Politiker und des einzuschlagenden politischen Kurses die Katastrophe erahnen. Zerrieben zwischen den Vorstellungen einer ultrakonservativen Hofclique, den Einflüsterungen seiner Frau und den Belehrungen der Reformminister Turgut und Necker, lavrierte Ludwig bis 1789 zwischen Reform und Revolution. Von Nachteil war ebenso der wachsende Einfluß von Marie-Antoinette auf die Auswahl und Abwahl der Reformministerien. Die anfangs in Frankreich willkommene Königin geriet immer mehr in den Strudel öffentlicher Denunziation. Ihr nicht zuletzt durch die Halsbandaffäre (1785/86) ramponiertes öffentliches Ansehen schadete auf längere Sicht auch dem König und der gesamten Monarchie. Mirabeau wird sich später spöttisch äußern: „Der König hat nur einen einzigen Mann, das ist seine Frau.“ Über seinen Privatgemächern in Versailles hatte sich Ludwig ein kleines Handwerkszimmer einrichten lassen, in dem er mit großem Talent Schlösser, Schlüssel und Möbel anfertigte. Welch eine Paradoxie: Der König von Frankreich schmiedete und tischlerte, um sich sein eigenes Königreich einzurichten. Mit Vorliebe hielt er sich in den Dachetagen von Versailles auf, warf einen Blick durchs Fernrohr, um die Weite der grandiosen Gartenanlage ins Blickfeld zu nehmen, umgeben von streunenden Hunden und Katzen. So bildeten sich zuallerst der Hof, dann die Öffentlichkeit ihr Urteil über einen mittelmäßigen König, den ein einfältiger Charakter ebenso charakterisierte wie eine durchaus ehrenwerte Haltung. Der Historiker François Furet weicht in seinem Urteil nur wenig von dem der Zeitgenossen Ludwigs ab: Zu ernsthaft, zu pflichtbewußt, zu sparsam, zu keusch und in seiner letzten Stunde zu mutig. Michelet war noch einen Schritt weiter gegangen und erblickte im gelebten Königtum das Grundübel des Ancien Régime. Das eigentliche Drama des Niedergangs vollzog sich laut Michelet bereits unter Ludwig XV. Als sein Nachfolger den Thron bestieg, war die Monarchie bereits tot.

Wie konnte es einem solchen König gelingen, die sterbende Monarchie zu reanimieren? Seit 1774 und erst recht seit dem Sommer 1789 bestand eine große Diskrepanz zwischem dem was der König dachte und dem was der Zeitgeist und später die Revolution von ihm erwartete. 1775 empfing Ludwig in Reims die Königsweihe im Glauben, der Tradition genügen zu müssen. Doch drängte der aufklärerische Zeitgeist auf Reformen, denen Ludwig auch nachgab, aber er tat dies halbherzig, wankelmütig, unentschlossen.

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Typisch für Ludwig waren Fehleinschätzungen der neuen Lage ab 1787. Der König berief die Notabelnversammlung nach Versailles, zwei Jahre später die Generalstände, aber nach dem Modus der alten Monarchie von 1614: getrennte Sitzungen und Abstimmungen, mit politischen Vorrechten der beiden privilegierten Stände von Klerus und Adel gegenüber dem Dritten Stand. Die ganze Widersprüchlichkeit der Situation spiegelt ebenso das Verhalten des Königs. Er mißtraute zutiefst der Aristokratie, um den Preis, dem Dritten Stand Flügel zu verleihen. Aber er konnte sich nichts als die aristokratische Ordnung vorstellen. Damit gab er dem Dritten Stand die Steigbügel in die Hand. Dieser erklärte sich alsbald zur Nationalrepräsentation und isolierte die beiden bislang herrschenden Stände. Für Ludwig fiel lediglich die Rolle des Sündenbocks ab.

Im metaphorischen Sinn ist Ludwig vom Juni 1789 bis zum Januar 1793 insgesamt viermal gestorben. Zwischen Mai und Oktober 1789 wurde er von den Revolutionären Schritt für Schritt in die moralische und politische Isolation ge-trie-ben. Der König wurde mehr oder weniger gezwungen, den von der Nationalversammlung getroffenen Entscheidungen zuzustimmen. Als das Volk von Paris Anfang Oktober 1789 die Königsfamilie unter Schmähungen von Versailles nach Paris zurückführte, begann die Phase der Einsamkeit. Ohne Hof, ohne politische Freunde, vom Volk abgeschnitten, starb der König den „einsamen Tod“. Die mißglückte Flucht des Königs im Juni 1791 zerriß den Schleier der Loyalität des Königs zur Revolution. Unter dem Makel des Verrats am Vaterland starb er als Gefangener in den Tuilerien den „politischen Tod“. Der Sturm auf die Tuilerien am 10. August 1792 bedeutete zugleich das Ende der Monarchie. Indem sich der König unter die Obhut der Nationalver-sammlung begab, starb er, seiner Königswürde entkleidet, den „symbolischen Tod“. Dem König, von den Revolutionären abschätzig in den bürgerlichen Namen Louis Capet umgetauft, wurde vom Oktober 1792 an als Gefangener im Temple der Prozeß gemacht. Nach der Urteilsverkündung starb er am 21. Januar 1793 seinen letzten, den „physischen Tod“…

Prof. Dr. Erich Pelzer

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