Gerhard Mercator und sein Weltatlas Die Welt als Buch - wissenschaft.de
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Gerhard Mercator und sein Weltatlas

Die Welt als Buch

Vor 500 Jahren wurde der Kartograph Gerhard Mercator geboren. Sein „Atlas der Welt“ wurde von den Zeitgenossen als Sensation empfunden. Und er ist nicht nur ein kartographisches, sondern auch ein ästhetisches Meisterwerk. Im Münchner Faksimile Verlag ist die „Editio principissima“ jetzt als originaltreue Faksimile-Ausgabe erschienen.

Im Oktober 1532 schloss Gerhard Kremer (lateinisch: Mercator) sein Grundstudium an der Universität Löwen in Flandern ab. Dieses Grundstudium umfasste traditionell die Sieben Freien Künste („septem artes liberales“). Dazu gehörten Grammatik, Rhetorik, Dialektik, Arithmetik, Geometrie, Musik und Astronomie. Erst nach dieser allgemeinen Einführung begannen Studenten der frühen Neuzeit ihr eigentliches Studium der Theologie, der Rechtswissenschaften oder der Medizin. Doch Mercator tat nichts dergleichen. Stattdessen ging er nach Antwerpen und wandte sich in der Folge mit Begeisterung der Kosmographie, der Beschreibung der Erde und des Weltalls, zu. Sein Großonkel Gisbert Kremer, der dem jungen Gerhard das Studium ermöglicht hatte, dürfte darüber wenig begeistert gewesen sein. Er hatte gehofft, dass aus seinem Schützling einmal ein bedeutender Domherr würde. Doch was den Großonkel grämte, wurde der Kosmographie zum Segen.

Gerhard Mercator bzw. Kremer wurde am 5. März 1512 im flandrischen Rupelmonde geboren. Dieser Geburtsort war eher Zufall, denn seine Eltern stammten aus dem rheinischen Gangelt und waren damals bei dem schon erwähnten Gisbert Kremer zu Besuch. In Gangelt verbrachte Gerhard die ersten Jahre seiner Kindheit, doch 1518 reiste die Familie neuerlich nach Rupelmonde, dieses Mal nicht, um den Onkel zu besuchen, sondern um sich dauerhaft dort niederzulassen. Nach dem frühen Tod seiner Eltern kam Gerhard in die Obhut seines Großonkels, der ihn zunächst auf das Kollegium der Brüder vom Gemeinsamen Leben nach ’s-Hertogenbosch schickte. Auf der Universität sollte er seine Ausbildung dann fortsetzen.

Als – modern gesprochen – Studienabbrecher musste sich Gerhard Mercator eine berufliche Basis schaffen, um seinen Lebensunterhalt verdienen zu können. Zumal er 1536 die Löwener Bürgertochter Barbara Schellekens heiratete und im Jahr darauf das erste Kind zur Welt kam. Die junge Familie ließ sich in Löwen nieder, wo die Kosmographie in großer Blüte stand. Mit der praktischen Anwendung dieser Wissenschaft ließ sich gutes Geld verdienen. Karten, Globen oder mathematisch-astronomische Instrumente waren damals höchst populär.

Mercators kartographisches Erstlingswerk war eine sechsblättrige Karte des Heiligen Landes, die 1537 erschien. 1538 folgte eine erste Weltkarte („Orbis Imago“); zwei Jahre später legte Mercator seine „Sehr genaue Beschreibung von Flandern“ vor. Auf der 123 mal 96 Zentimeter großen Karte brachte er dank platzsparender Schreibweise in einheitlicher Kursivschrift mehr als 1000 Ortsbezeichnungen unter. Zur Anwendung der Kursivschrift verfasste Mercator sogar ein Handbuch. Die Kursivschrift, die Mercator in seinem „Weltatlas“ auf ihren Höhepunkt führen sollte, konnte sich bald gegen die Fraktur durchsetzen und bestimmte den Kartenstil der folgenden Jahrhunderte.

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In großen Stückzahlen stellte Mercator in seiner Werkstatt Erd- und Himmelsgloben her. Die mit Kupferstichen beklebten Kugeln wurden stets als Paare in Holzgestellen angeboten. Der Ruf Mercators drang bis an den Kaiserhof. So fertigte er für Karl V. „sehr viele mathematische Instrumente mit größter Kunst“. Doch selbst sein Ansehen schützte Mercator nicht vor der Inquisition. Franziskaner aus Mecheln beschuldigten ihn 1544 der „Lutherey“. Mercator wurde festge‧nommen und erst nach sieben Monaten wieder auf freien Fuß gesetzt. Diese wenig erfreuliche Erfahrung und die Berufung eines Konkurrenten auf den Lehrstuhl für Mathematik in Löwen mögen bei Mercator zu dem Entschluss geführt haben, im März 1552 in das Jülicher Land zurückzukehren, von wo seine Eltern einst nach Flandern ausgewandert waren. So ließ sich der Kartograph in Duisburg nieder, das damals zu den Vereinigten Herzogtümern Jülich-Kleve-Berg gehörte. Herzog Wilhelm V. hatte viele Humanisten an seinen Hof gezogen und versuchte, in den Glaubensstreitigkeiten seiner Zeit einen vermittelnden Kurs einzunehmen.

Bereits in Duisburg erschien 1554 Mercators große Europa-Wandkarte. Wirtschaftlich ging es stetig bergauf: 1558 erwarb er in bester Lage ein zweistöckiges Wohnhaus und richtete sich darin eine Werkstatt ein. 1569 erschien auf 18 Kupferplatten die „Neue und erweiterte Darstellung des Erdkreises“. Mercator verwirklichte darin das auf seinen Globen bereits gelöste Problem des konstanten Kurses für die Schifffahrt nun auch auf dem ebenen Bild der Karte. Er verwandte dabei eine Zylinderabbildung, in der die Meridiane als parallele senkrechte Geraden, die an den Polen nicht zusammenlaufen, dargestellt werden. Die Breitenkreise hingegen haben vom Äquator gegen die Pole hin jeweils wachsende Abstände. Die Karte ist somit winkeltreu, und die schief laufenden Kurslinien, die alle Meridiane unter dem gleichen Winkel schneiden, können als Geraden dargestellt werden. Dies bedeutete für die Navigation einen enormen Fortschritt, denn damit konnten die Seefahrer den Kurswinkel auf der Karte direkt ablesen und ihr Schiff auf gleichbleibendem Kurs halten. Eine Seekarte in dieser Art der Abbildung ist aber nicht flächentreu; das heißt, es wird eine Flächenverzerrung in Kauf genommen, die sich vor allem an den Polarregionen bemerkbar macht.

Von 1569 an betrieb Mercator sein ambitioniertestes Projekt: die Beschreibung der gesamten Welt in einem fünfbändigen Werk. Darin sollten neben der Schöpfungsgeschichte auch die physischen Gegebenheiten der Erde, die Astronomie und die Geographie ihre Berücksichtigung finden. Teil dieses Projekts war ein Sammelwerk, in dem das gesamte geographische Bild der Erde in einheitlichem Format und Layout wiedergegeben werden sollte. Mercator selbst gab diesem Sammelwerk den Namen, unter dem diese Gattung bis heute zusammengefasst wird: Atlas. Diese Benennung bezieht sich auf den mythischen König Atlas von Mauretanien, der als belesen und allwissend gerühmt wurde.

Die Karten für den „Atlas“ waren das Ergebnis eines grundlegenden Studiums der vorhandenen „Cartographica“ und Reiseberichte, aus denen Mercator etwas gänzlich Neues schuf: kompakte, wissenschaftlich basierte Atlaskarten. 1585 erschien die erste von drei Lieferungen mit insgesamt 51 Karten für das Groß‧projekt. 22 weitere Kartenblätter folgten 1589. Die Vollendung seines Werks erlebte Mercator nicht mehr. Er starb am 2. Dezember 1594. Vollendet wurde der „Weltatlas“ von seinem Sohn Rumold mit der dritten Lieferung von 1595. Von dem Mer‧cator-Atlas haben sich nur wenige vollständige Exemplare erhalten; noch weniger davon sind koloriert. Zu den schönsten zählt die „Editio principissima“ in der Staatsbibliothek zu Berlin, aus der die Bilder zu diesem Beitrag stammen.

Literatur Im Faksimile Verlag (München) ist eine Faksimile-Edition der Editio principissima des Mercator-Atlas in Originalgröße (28 auf 41 Zentimeter) zum Preis von 1698,– € erschienen. Das Original des Weltatlas befindet sich in der Staatsbibliothek zu Berlin. Der auch einzeln erhältliche Begleitband zur Faksimile-Edition („Die Welt als Buch. Gerhard Mercator und der erste Weltatlas“, 24,5 auf 32,5 Zentimeter, Bertelsmann Chronik, 68,– €) enthält neben einer Einführung in Leben und Werk des Gerhard Mercator in verkleinerter Form ebenfalls alle Kartenseiten der „Editio principissima“. Darüber hinaus wird ein Einblick in die Geschichte der Kartographie vor Mercator gegeben. Der Band ist aufwendig gestaltet, die begleitenden Texte stammen von dem renommierten Historiker und Kartographen Thomas Horst. Diese bildeten auch die Grundlage für den obenstehenden Beitrag.

Faksimile Verlag, wissenmedia in der inmediaONE] GmbH, Neumarkterstraße 20, 81673 München

http://www.faksimile.de, www.wissenmedia.de

Ausstellungen zum Mercator-Jubiläum

Das Kultur- und Stadthistorische Museum Duisburg würdigt den berühmtesten Sohn der Stadt noch bis zum 2. Dezember 2012 mit der Sonderausstellung „500 Jahre Gerhard Mercator und der blaue Planet“. http://www.stadtmuseum-duisburg.de

Das Museum für Kunst- und Kulturgeschichte in Dortmund zeigt noch bis zum 10. Juni 2012 die Sonderausstellung „500 Jahre Gerhard Mercator. Vom Weltbild der Renaissance zum Kartenbild der Moderne“. http://www.mercator500.de

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