Krankheit und Tod des Kronprinzen und späteren Kaisers Friedrich III. Ein deutsch-englischer Ärztestreit - wissenschaft.de
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Krankheit und Tod des Kronprinzen und späteren Kaisers Friedrich III.

Ein deutsch-englischer Ärztestreit

Als Kaiser Friedrich III. am 9. März 1888 seine Regierung antrat, war er bereits ein sterbenskranker Mann. Um die Behandlung des Monarchen stritten deutsche und englische Ärzte verbissen miteinander.

Am 22. März feierte Kaiser Wilhelm I. seinen 90. Geburtstag. Nicht allein das hohe Alter des Mon?archen, vor allem auch gelegentlich auftretende Herzbeschwerden deuteten auf das absehbare Ende seiner Regierungszeit hin. Reichskanzler Otto von Bismarck erwog für diesen Zeitpunkt seinen Rücktritt, weil er die Last seines Amtes unter den dann veränderten Bedingungen nicht weiter tragen zu können glaubte. Konservative Beobachter fürchteten, daß mit dem Tod des Kaisers eine Epoche enden würde, die bislang ihre Interessen begünstigt hatte. Auf seiten der Liberalen aber war mancher der Hoffnung, daß Kronprinz Friedrich, der mit der ältesten Tochter der englischen Königin Victoria verheiratet war, einen offeneren und freiheitlicheren Regierungsstil einführen würde.

Seine Frau „Vicky“, wie die Kronprinzessin im familiären Kreis meist genannt wurde, hatte seit ihrer Eheschließung 1858 mit wachsender Ungeduld den Tag erwartet, an dem sie als Frau des Deutschen Kaisers auf den Thron gelangen würde. Sie war – argwöhnisch von Bismarck beobachtet – der festen Überzeugung, daß sie Deutschland den besten Dienst leisten würde, wenn sie auch hier die Ideale des englischen Liberalismus verwirklichte. So schien es ihr möglich, „ohne jede Erschütterung den alten aris?to?kratischen Staat und die aristokratisch gegliederte Gesellschaft in die modernen Lebensformen schrittweise zu überführen“. Diese Vorliebe für England, die die Kronprinzessin häufig und durchaus nicht immer diplomatisch zu erkennen gab, hatte wesentlich zu ihrer Unpopularität in Preußen und Deutschland beige?tragen. Es bestand also bereits eine Konfrontation zwischen den Befürwortern der englisch-liberalen und der preußisch-konservativen Richtung, als Kronprinz Friedrich schwer erkrankte.

Im Januar 1887 war beim Kronprinzen eine anhaltende Heiserkeit aufgefallen, deren Behandlung zunächst sein Leibarzt Dr. August Wegner übernahm. Als sich keine Besserung einstellen wollte, wurde im März Professor Carl Gerhardt, Chef der II. Medizinischen Klinik der Charité, herangezogen, der nach einer Untersuchung die Diagnose stellte: „Stimmlippengeschwulst links mit Schluckbeschwerden“. Gerhardt ging die Geschwulst mit einem Platinglühdraht an, aber nach einer kurzzeitigen vermeintlichen Besserung zeigte sich, daß die Wundfläche nicht heilen wollte und daß unter dem Ätzschorf das Gewebe weiter wucherte.

Erste Bedenken, daß es sich um eine bösartige Neubildung handeln könnte, wurden als allzu schwarzseherisch zurückgedrängt; man bewog den Kronprinzen, zur Kur nach Bad Ems zu fahren. Nach der Rückkehr Mitte Mai fand eine erneute Untersuchung durch Gerhardt statt, deren Ergebnis zu den schlimmsten Befürchtungen Anlaß gab.

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Auf Empfehlung beider Ärzte wurde der Chirurg Professor Ernst von Bergmann, ebenfalls von der Charité, beigezogen. Er bestätigte die Diagnose einer bösartigen Geschwulst und empfahl zur Entfernung des Tumors einen äußeren Kehlkopfschnitt, mit dem er das erkrankte Stimmband und die anstoßenden Schleimhautanteile entfernen wollte. Dieser Eingriff sei unerläßlich, auch wenn die Stimme des Kronprinzen danach auf Dauer rauh und heiser klingen werde. Zur weiteren Absicherung der Diagnose wurde der Berliner Kehlkopf-Spezialist Professor Adelbert Tobold beigezogen, außerdem stellte das Ärztekonsortium eine Dreierliste der bedeutendsten ausländischen Kehlkopf-Spezialisten zusammen. Schließlich entschieden die deutschen Ärzte einstimmig, noch Dr. Morell Mackenzie aus London beizuziehen, der telegraphisch nach Berlin gebeten wurde.

Es ist später unterstellt worden, daß die Kronprinzessin direkt oder indirekt auf Wegners Empfehlung, Mackenzie zu wählen, Einfluß genommen hätte. Dieser Verdacht konnte jedoch niemals bestätigt werden – aber natürlich ist es verständlich, daß die Wahl des englischen Arztes der Kronprinzessin sehr entgegenkam. Daher entwickelte sich bald auch ein sehr enges Vertrauensverhältnis zwischen „Vicky“ und Mackenzie, das nicht zuletzt auch Auswirkungen haben sollte auf ihre Haltung gegenüber den deutschen Ärzten. Diese hatten an der Diagnose eines Krebses und an der Notwen-digkeit einer sofortigen Operation keinen Zweifel mehr. Im Berliner Schloß wurde ein Operationszimmer vorbereitet.

So war alles für den Eingriff am 21. Mai vorbereitet, man wartete nur noch auf Mackenzie, der am Abend des 20. Mai eintraf und sofort den Kronprinzen untersuchte. Zur großen Überraschung aller Beteiligten äußerte Mackenzie, daß er keine bösartige Neubildung erkennen könne, er halte die Geschwulst für einen gutartigen Polypen. Auf den heftigen Widerspruch der deutschen Ärzte hin einigte man sich darauf, zur Abklärung des Befundes ein kleines Gewebe?stückchen zu entnehmen und dieses von dem führenden Pathologen der Zeit, Professor Rudolf Virchow, beurteilen zu lassen. Nach der ersten Untersuchung erklärte dieser, daß er daraus noch keine sichere Folgerung ableiten könnte. Weitere Untersuchungen in den folgenden Tagen ließen Virchow dann zu der Diagnose einer dickhäutigen Warze kommen; allerdings schränkte er ein, daß „dieses Urteil nicht für die gesamte Erkrankung berechtigt sei“.

Prof. Dr. med. Dieter Sassa

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