Faszinierende Figuren: Sabine Leutheusser-Schnarrenberger über Hugo Preuß „Ein früher Sozialliberaler“ - wissenschaft.de
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Faszinierende Figuren: Sabine Leutheusser-Schnarrenberger über Hugo Preuß

„Ein früher Sozialliberaler“

Persönlichkeiten aus Kultur, Politik und Wissenschaft sprechen über historische Gestalten, die sie beeindruckt haben. In dieser Ausgabe: die ehemalige Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger über den Staatsrechtler Hugo Preuß.

Wann sind Sie auf Hugo Preuß gestoßen?

Sabine Leutheusser-Schnarrenberger: Ich habe einmal vor etwa zwei Jahrzehnten einen Vortrag über einen anderen Liberalen gehalten, Eugen Schiffer. Der war Anfang 1919 Finanzminister im Kabinett Philipp Scheidemanns, dem damals auch Preuß angehörte. Das war der konkrete Anlass, um mich mit ihm zu beschäftigen.

Was hat Sie an Preuß beeindruckt?

Hugo Preuß war ein sehr geradliniger Mensch. Ein Linksliberaler, der nie von seinen politischen Überzeugungen abgewichen ist und dafür auch persönliche Nachteile in Kauf genommen hat. Er war ein entschiedener Befürworter der kommunalen Selbstverwaltung, um zentralstaatliche Bestrebungen zu minimieren und ihnen eine selbstbewusste lokale Verwaltung entgegenzusetzen. Das hat sich auch in seinem Entwurf der Weimarer Reichsverfassung niedergeschlagen, den er im Auftrag Friedrich Eberts erarbeitete, der aber in diesem Punkt nicht so beschlossen wurde.

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Wo ist er in der Geschichte des Liberalismus zu verorten?

Er war ein früher Sozialliberaler. Einer, der nie selbst Sozialdemokrat war, aber als Liberaler in der Zusammenarbeit und Verbindung mit Sozialdemokraten sehr viele positive Ansätze sah. Er war damit nicht unbedingt ein typischer Vertreter des Liberalismus seiner Zeit.

Sehen Sie Parallelen zu Ihrer eigenen politischen Biographie?

Ich bin ja auch eine, die sehr offen dafür ist, den Liberalismus zusammen zu sehen mit anderen politischen Strömungen. Ampel oder Jamaika – ich habe keine Berührungsängste. Die hatte er ebenfalls nicht.

Also eine Leitfigur?

Ja, auch eine liberale Leitfigur. Er bezog klar Stellung gegen den preußischen Obrigkeitsstaat. Föderalismus war für ihn entscheidend. Das verbindet mich mit ihm. Mich beschäftigt freilich auch, dass in seinem Verfassungsentwurf die Grundrechte eine sehr untergeordnete Rolle spielen. Dagegen sehe ich in diesem Punkt eine der ganz großen Errungenschaften des Grundgesetzes. Preuß hatte wohl ein etwas anderes Verständnis der Rolle des einzelnen Menschen.

Sind ihm die Webfehler der Weimarer Verfassung zuzurechnen?

Ein Webfehler war sicher die starke Stellung des Reichspräsidenten. Die hatte er in seinem Entwurf schon so vorgesehen. Ich denke, dass das auch in seiner Sorge begründet war, die Parteien könnten zu viel Einfluss gewinnen. Er war aber nicht für alle Schwächen verantwortlich.

Hat er bis heute Fortwirkendes geschaffen?

Was von ihm fortwirkt, ist die auch sehr liberale Vorstellung eines Staatsaufbaus von unten her, aus den Städten und Gemeinden, wo die unmittelbare Einwirkung von Bürgerinnen und Bürgern möglich ist.


Interview: Dr. Winfried Dolderer

Sabine Leutheusser-Schnarrenberger geb. 1951, deutsche Politikerin (FDP). 1992 bis 1996 sowie 2009 bis 2013 Bundesjustizministerin. Seit 1978 Mitglied der FDP, seit 1991 im Bundesvorstand. 2000 bis 2013 FDP-Landeschefin in Bayern. Mitglied des Bundestages von 1990 bis 2013.

Hugo Preuß (1860 – 1925), Staatsrechtslehrer und Politiker. Seit 1906 Professor, seit 1918 Rektor der Berliner Handelshochschule. Seit 1895 in der Berliner Kommunalpolitik tätig. November 1918 bis Juni 1919 Innenminister der Regierungen Ebert und Scheidemann. Lieferte den Entwurf zur Weimarer Reichsverfassung.

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