Die Wehrmacht am Ende des Zweiten Weltkriegs Ein Kampf bis zum Äußersten? - wissenschaft.de
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Die Wehrmacht am Ende des Zweiten Weltkriegs

Ein Kampf bis zum Äußersten?

Zuerst Goebbelsche Endsieg-Propaganda, dann zusammenbrechende Fronten ungehinderter Luftkrieg über Deutschland, das verzweifelte Aufgebot von Kindern und älteren Männern – nicht nur im Rückblick bestand lange vor dem April 1945 kein Grund mehr für Hoffnung. Warum wurde der Krieg nicht beendet? Was bezweckte die deutsche Führung?

Als die Vertreter des Oberkommandos der Wehrmacht zu später Nachtstunde am 8. Mai 1945 in Berlin-Karlshorst vor den Befehlshabern der Alliierten Streitkräfte und dem sowjetischen Oberkommando die Urkunde der bedingungslosen Kapitulation unterzeichneten, stellten sie den Totenschein für eine Armee aus, mit der das NS-Regime sechs Jahre lang Europa mit Krieg überzogen hatte. Lange zuvor war dessen Ausgang in strategischer Hinsicht entschieden. Und mit dem näherrückenden Zusammenbruch wurde die Ausweglosigkeit der Niederlage für jedermann praktisch erfahrbar. Die nationalsozialistische Herrschaftsordnung zerfiel lange bevor die Wehrmacht endlich die Waffen streckte. Warum kämpfte die Wehrmacht in aussichtsloser Lage teils bis über die Kapitulation hinaus weiter? Der Vergleich mit dem Ende des Ersten Weltkriegs verdeutlicht die Relevanz dieser Frage: Nach dem Scheitern eines letzten operativen Befreiungsschlags im Frühjahr 1918 gab die militärische Führung in ihrer Ratlosigkeit selbst den Anstoß zu Waffenstillstandsverhandlungen. Daß das Militär in der Folgezeit die politische Verantwortung für den Ausgang des Krieges der Politik in die Schuhe schob, ändert an dieser Feststellung nichts. Der ‚verdeckte Militärstreik‘ Tausender deutscher Soldaten 1918 wurde zum Dolchstoß der revolutionären Heimat in den Rücken des vermeintlich unbesiegten Heeres uminterpretiert. 1944/45 war den militärischen Befehlshabern die Erinnerung an die Auflösungserscheinungen, die sie als jüngere Truppenoffiziere erlebt hatten, nur allzu präsent. Eine Vorstellung davon, wie man den Krieg im Rahmen eines gesamtstrategischen Konzepts noch gewinnen könnte, war der deutschen Führung schon abhanden gekommen, als im Spätsommer 1942 der zweite deutsche Ostfeldzug scheiterte und die 6. Armee am Ende des Jahres in Stalingrad verblutete. Mehr noch: Hitler war keineswegs in der abgeschlossenen Welt seines Hauptquartiers im ostpreußischen Rastenburg oder später im Bunker unter der Reichskanzlei der Wirklichkeit entrückt. Für die Bewertung der eigenen Lage besaß er durchaus Realitätssinn. Nach dem Krieg gab der engste militärische Berater Hitlers, der Chef des Wehrmachtführungsstabes Generaloberst Jodl, zu erkennen, daß beiden zur Jahreswende 1942/43 klar war, daß man keinen Sieg mehr würde erringen können. Defensive hieß die Strategie, die fortan das ratlose Planen Hitlers und der militärischen Führung beherrschte. Im Mittelpunkt ihres Denkens stand nicht der ‚Endsieg‘, selbst wenn der Propagandaapparat Goebbels‘ diese Parole in die Köpfe der Deutschen einzupflanzen versuchte. Hitler ging es vielmehr um die Inszenierung eines möglichst geschichtsmächtigen Untergangs, so die provokante These des Hamburger Historikers Bernd Wegner. Sein Umfeld, das begierig nach jedem Strohhalm griff, mochten die Tischplaudereien des ‚Führers‘ vielleicht Endsieg-Illusionen geben. Doch im Inneren drehte sich bei Hitler alles um die Choreographie eines gewaltigen Abgangs von der Weltbühne. Ein wesentlicher Bestandteil war die Erfüllung einer langgehegten Mission: War schon in den ersten fünf Monaten des Ostfeldzugs über eine halbe Million jüdischer Menschen ermordet worden, so radikalisierte sich die Vernichtungspolitik in der zweiten Hälfte des Krieges noch. Der Genozid wurde zur Triebfeder für die Verlängerung des Krieges. Das NS-Regime riß damit zugleich alle Brücken hinter sich ab und verstellte den Weg zu einem Kompromißfrieden. In den Sommermonaten 1944 wandelte sich die latente Bedrohung der NS-Herrschaft in eine unmittelbare. In den Morgenstunden des 6. Juni begann die alliierte Invasionsstreitmacht in der Normandie den Sturm auf die ‚Festung Europa‘. Wenige Tage später eröffnete die Rote Armee ihre lang vorbereiteten Offensiven im Mittelabschnitt der Ostfront. Im Juni und Juli wurde zuerst die Heeresgruppe Mitte zertrümmert, dann die Heeresgruppe Nord im Baltikum abgeschnitten und im August schließlich Rumänien am südlichen Ende der Front zum Friedensschluß gezwungen. Die alliierten Truppen brachen zügig aus ihren Landeköpfen aus und rollten, unterstützt durch eine Invasion an der französischen Mittelmeerküste, das deutsche Westheer regelrecht auf. Im Osten zeigte sich, daß die Rote Armee von der deutschen Operationskunst gelernt hatte: In großen Kesselschlachten wurden ganze Armeen vernichtet und in einem atemraubenden Tempo erreichten die sowjetischen Angriffsspitzen Mitte August erstmals die ostpreußische Grenze. Die Übergriffe auf die ostdeutsche Bevölkerung lösten endlose Flüchtlingstrecks aus. Im Herbst 1944 stabilisierte sich die Kriegslage kurzzeitig. Die Rote Armee hatte ihre Operationsziele erreicht. Im Westen verlangsamten die Alliierten ihren Vormarsch und legten an der Reichsgrenze vor allem als Folge von Nachschubschwierigkeiten eine Pause ein. In Aachen, aber auch im Hürtgenwald entwickelten sich wochenlange Kämpfe, die den Charakter eines Stellungs- und Abnutzungskrieges annahmen. Zur Überraschung der Alliierten bäumte sich die deutsche Kriegsmaschine zum Jahreswechsel 1944/45 in den Ardennen noch einmal kurz auf. Illusionäre Operationsziele, die Unzulänglichkeit der Mittel und die gegnerische Luftherrschaft ließen diese letzte zusammenhängende größere Operation schnell zusammenbrechen. Im Januar 1945 war weder der Westwall noch im März der Rhein ein ernstzunehmendes Hindernis für die alliierten Truppen, die in immer machtvolleren Stößen in das Innere Deutschlands vordrangen. Die sowjetische Winteroffensive zu Jahresbeginn 1945 schnitt innerhalb kürzester Zeit Ostpreußen vom Reich ab und spülte die Trümmer der Ostfront an die Oder. Mitte April ließ sich bei Seelow der Sturm der Roten Armee auf Berlin nur noch um ein paar Tage verzögern, bei immensen eigenen Verlusten. In einem immer schmaler werdenden Schlauch wurde die Wehrmacht von den Gegnern förmlich zerrieben. Der Eindruck von einem ‚Abflachen‘ der Kriegsereignisse zum Ende hin, trügt. In der neun Monate währenden Zeitspanne zwischen Sommer 1944 und der Kapitulation verzeichnete die Wehrmacht genauso viele tote Soldaten wie in den vorangegangenen Jahren des Krieges. In der zweiten Jahreshälfte 1944 lösten sich die Divisionen des Feldheeres zu Dutzenden in nichts auf. Im Juli fielen fast 350000 Soldaten. Und in jedem Monat der sogenannten Endkämpfe überstiegen die Verluste den so erinnerungsmächtigen Untergang der Stalingrad-Armee bei weitem. Mit 450000 toten Soldaten war der Januar 1945 der verlustreichste Monat des gesamten Krieges…

Andreas Kunz

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