Die Rothschilds als Bankiers und Industrielle Ein Motor der Industrialisierung - wissenschaft.de
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Die Rothschilds als Bankiers und Industrielle

Ein Motor der Industrialisierung

Seit mehr als zwei Jahrhunderten betätigen sich Mitglieder der Familie Rothschild als Bankiers, Spekulanten, Unternehmer und Großindustrielle. Trotz vieler Krisen spannten sie im 19. Jahrhundert ein mächtiges Finanznetz innerhalb Europas und über die Grenzen des Kontinents hinaus, das seinesgleichen suchte.

Stellen Sie sich eine Bahnreise durch Europa vor: durch den Tunnel von England nach Frankreich zur Pariser Gare du Nord, dann viel- leicht nach Süden zu den besten Weinbergen des Bordelais und weiter zu den Quecksilber- und Kupferminen in Spanien. Oder nach Osten, durch die Gebiete der ehemaligen Doppelmonarchie Österreich-Ungarn, vorbei an den Eisenwerken von Witkowitz, den Salzwerken von Venedig, den Ölraffinerien von Rijeka bis zu den Ölfeldern Aserbeidschans. Diese Eisenbahnstrecken und Industrieunternehmen gehen alle auf die Familie Rothschild zurück. Und alle Länder, in denen Sie reisen, nutzten die Rothschilds als Financiers. Wie kam es, daß eine Familie so großen Anteil an der Wirtschaftsentwicklung zur Zeit der Industrialisierung hatte?

Die Geschichte der Familie Rothschild begann im jüdischen Ghetto von Frankfurt am Main mit der Geburt des Gründers der Dynastie, Mayer Amschel Rothschild (1744–1812). Auch wenn dieser bereits im Alter von zwölf Jahren beide Eltern verlor und unter den strikten Einschränkungen leben mußte, welche die städtischen Behörden Juden privat wie geschäftlich auferlegten, gelang es Mayer Amschel, zu einem außergewöhnlich erfolgreichen Geschäftsmann aufzusteigen. In das kleine Geldwechselgeschäft der Familie brachte er seine selbsterworbene Kenntnis der Münzkunde ein und baute durch den Handel mit seltenen Münzen und Medaillen einen weiteren Geschäftszweig auf. So wurden wohlhabende Sammler wie Wilhelm, der spätere Kurfürst von Hessen und Mayer Amschels wichtigster Kunde, auf ihn aufmerksam. Er weitete das Unternehmen auf den Handel mit Rohstoffen und auf das Bankgeschäft aus, insbesondere auf die Diskontierung der Wechsel, die ausländische Mächte dem Kurfürsten dafür zahlten, daß er seine Untertanen als Soldaten verkaufte: Mayer Amschel übernahm die noch nicht fälligen Wechsel und zahlte den Kurfürsten unter Abzug der Zinsen vorzeitig aus.

Die Napoleonischen Kriege eröffneten Mayer Amschel und seinen Söhnen ganz neue Möglichkeiten. Als besonders lukrativ erwies sich, daß sie einen größeren Teil der Subsidien abwickelten, mit denen Großbritannien seine europäischen Verbündeten unterstützte, allen voran Preußen, Rußland, Mecklenburg, Hessen-Kassel sowie den zurückgekehrten französischen König Ludwig XVIII. Die Brüder waren in der Lage, von ihren guten Kontakten zu Ministern und Regierungsvertretern zu profitieren. Sie hatten Verbindungen zu den mächtigsten und einflußreichsten Persönlichkeiten, darunter dem österreichischen Fürsten Metternich, dem Salomon und Carl Rothschild auf dem Aachener Kongreß von 1818 begegneten, auf dem sich Vertreter der aus den Befreiungskriegen siegreich hervorgegangenen Staaten trafen. Die Familie Rothschild hatte Fürsten und Staaten zwar bereits eine Reihe von Krediten gewährt; in einer Zeit, in der die Länder Europas stark verschuldet aus dem Krieg hervorgingen, erhielt jedoch ein neuentwickeltes Finanzierungsinstrument Bedeutung, die es ein Jahrhundert lang behalten sollte: die „Rothschild-Anleihe“.

Die Anleihen dienten erfolgreich zur Mobilisierung des internationalen Privatkapitals, um Regierungen rund um den Globus Kapital zur Verfügung zu stellen – wobei der Name Rothschild als Garantie für ihre Sicherheit stand. Die erste wichtige Anleihe organisierte Nathan Mayer Rothschild 1818 – gemeinsam mit seinen Brüdern – in London für die preußische Regierung. Als die ersten Verhandlungen aus unerfindlichen Gründen publik wurden, war besonders das diplomatische Geschick Salomon Mayers gefordert. Das große Netzwerk, über das die Brüder verfügten, half ihnen, die Anleihen überall in Europa zu plazieren.

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1820 gelang Salomon ein weiterer Coup: Mit großem Erfolg organisierte er zwei Anleihen der österreichischen Staatslotterie – eine äußerst profitable Transaktion, durch die Salomon gleichzeitig seine Bedeutung für die österreichische Regierung demonstrierte. Er beschloß, sich in Wien niederzulassen, und gründete dort 1821 die Firma S M von Rothschild. In Österreich durften Juden kein Eigentum an Grund und Boden besitzen und unterlagen vielen weiteren Einschränkungen, die, anders als in weiten Teilen Deutschlands, nie durch das napoleonische Intermezzo gemildert worden waren. Salomon umging diese Gesetzgebung ostentativ, indem er im „Römischen Kaiser“, dem ersten Hotel am Platz, jedes Zimmer belegte. Erst 1843 machte man ihn zum Ehrenbürger, als einziger unter seinen Glaubensgenossen besaß er nun die Freiheit, Grundstücke und Häuser zu erwerben. Sofort kaufte er sein Hotel, das damit zum einzigen Bankhaus Wiens wurde, das eine Ausschanklizenz für Alkohol besaß, sowie eine Reihe prächtiger Häuser und Landsitze, darunter Schillersdorf in der heutigen Tschechischen Republik. Innerhalb weniger Monate war er einer der größten Grundbesitzer des Kaiserreichs geworden…

Caroline Shaw

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