Faszinierende Figuren: Sabine Weiß über Madame Tussaud „Ein PR-Genie, bevor es den Begriff gab“ - wissenschaft.de
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Faszinierende Figuren: Sabine Weiß über Madame Tussaud

„Ein PR-Genie, bevor es den Begriff gab“

Persönlichkeiten aus Kultur, Politik und Wissenschaft sprechen über historische Gestalten, die sie beeindruckt haben. In dieser Ausgabe: die Schriftstellerin Sabine Weiß über Madame Tussaud.

Wie sind Sie auf Madame Tussaud gekommen?

Sabine Weiß: Durch einen Roman des französischen Autors Jean-François Vilar. Er erzählt darin eine Geschichte, die im Pariser Palais Royal spielt. Dort hatte Madame Tussaud ihr Kabinett, und dort waren die Totenmasken der Hingerichteten zu sehen, die sie während der Französischen Revolution angefertigt haben soll. Ich kannte Madame Tussaud bis dahin nur als Marke, nicht als historische Person. Ich habe dann angefangen, mich mit ihrer Biographie zu befassen, und festgestellt, dass es damals sehr wenig darüber gab. Abgesehen von ihrer Autobiographie, die aber stark geschönt ist.

Sie hat sich die Mühe gemacht, ihre Erinnerungen zu schreiben?

Sie hatte einen Ghostwriter. Madame Tussaud war ein PR-Genie, bevor es überhaupt den Begriff gab. Wenn Sie später Besucher durch ihr Kabinett führte, sagte sie zum Beispiel: Hier sehen Sie Königin Marie Antoinette, bei der habe ich in Versailles neun Jahre am Hof verbracht. Stimmte aber nicht, in den Archiven von Versailles findet sich kein Hinweis. Ihre Biographin Gabrielle Wittkop meinte, dass frühe Kränkungen, die sie erfahren habe, in ihr das Bedürfnis geweckt hätten, sich selbst in umso glänzenderem Licht erscheinen zu lassen. So erklären sich wohl die Memoiren.

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Was beeindruckt Sie an ihr?

Ihr Lebensweg, den sie trotz der Herkunft aus einem geächteten Milieu – der Großvater war Scharfrichter gewesen – erfolgreich meisterte und der sie in Kreise führte, wo sie mit gekrönten Häuptern zu tun hatte. Sie hat unbestreitbar sehr viel geleistet. Während der Französischen Revolution hatte ihr Wachsfigurenkabinett fast die Aktualität einer Zeitung. Es gab Karikaturen, in denen es hieß: Nach den jüngsten Ereignissen müssen wir die Köpfe der Figuren auswechseln. Sie hat sehr viele Widrigkeiten bewältigt: die Trennung von ihrem spielsüchtigen Mann, den unfreiwilligen Wechsel nach England. Sie wollte sich dort nur einige Monate aufhalten, konnte wegen der Kontinentalsperre aber nicht mehr zurück. Einer ihrer beiden Söhne blieb in Frankreich. Sie ist dann allein über 30 Jahre auf Tournee gewesen, in England, Irland und Schottland.

War sie erfolgreich?

Als sie in hohem Alter starb, besaß sie mittlerweile das Wachsfigurenkabinett in London und hatte dieses schon ihren Söhnen überschrieben. Das war eine bekannte Adresse, Madame Tussaud war berühmt. Ich nehme an, dass sie zuletzt sehr wohlhabend war.

Ihre wichtigste Leistung?

Sie hat die Zeitgeschichte massentauglich gemacht. Und den Grundstein gelegt zu einem Unterhaltungsimperium, das bis heute Millionenumsätze macht.

Alleinerziehende Mutter, Unternehmerin – ein emanzipatorisches Rollenmodell?

Das denke ich schon. Ob sie sich das alles immer so ausgesucht hat, ist schwer zu sagen. Ich kämpfe mich da jetzt alleine als Frau durch – das war nicht unbedingt ihre eigene Entscheidung. Die Umstände haben sie dazu gezwungen. Sie hat sich nicht unterkriegen lassen. In diesem Sinne ist sie ein Vorbild.

Interview: Dr. Winfried Dolderer

Sabine Weiß geb. 1968, deutsche Schriftstellerin, Autorin von historischen Romanen und Kriminalromanen. Werke unter anderem „Die Wachsmalerin“ (2008), „Das Kabinett der Wachsmalerin“ (2010).

Marie Tussaud (geb. Grosholtz, 1761 – 1850), Begründerin des Londoner Wachsfiguren‧kabinetts. Von 1795 bis 1809 mit dem Ingenieur François Tussaud verheiratet. Lernte die Kunst der Wachsbildnerei von dem Arzt Philippe Curtius, bei dem ihre Mutter beschäftigt war und dessen Wachsfiguren sie 1794 erbte. Seit 1802 in Großbritannien. 1835 Eröffnung des Museums in London.

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