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Ein Spiegel seiner Zeit

Das Leben Wilhelms II. war ein ständiger Balanceakt zwischen Tradition und Fortschritt, zwischen „Säbelraßler“ und „Friedenskaiser“

1859 Am 27. Januar wird Prinz Friedrich Wilhelm Viktor Albert von Preußen als Sohn von Kronprinz Friedrich und Kronprinzessin Victoria, einer Tochter der britischen Königin Victoria, in Berlin geboren. 1866–1879 Bis 1877 wird Wilhelm von dem Privatlehrer Georg Ernst Hinzpeter unterrichtet, den er später als freudlos, pedantisch und herb charakterisiert. Ab?itur macht er dann aber am Gymnasium in Kassel-Wilhelmshöhe. Danach studiert er zwei Jahre Rechts- und Staatswissenschaften in Bonn. 1870/ 71 Nach dem Sieg im Deutsch-Französischen Krieg wird Wilhelms Großvater König Wilhelm I. am 18. Januar 1871 in Versailles zum Deutschen Kaiser ausgerufen. Bei der Siegesparade in Berlin reitet der kleine Wilhelm auf einem Pony mit. 1881 Heirat mit Prinzessin Auguste Viktoria von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Augustenburg. Aus der Ehe gehen sieben Kinder hervor. 1888 „Dreikaiserjahr“: Am 9. März stirbt Kaiser Wilhelm I., und sein Sohn, Friedrich III., besteigt den Thron. Er stirbt nach nur 99 Tagen Herrschaft. Am 15. Juni folgt ihm der 29jährige Wilhelm als Deutscher Kaiser und preußischer König nach. 1890 Wilhelm II. läßt zwei sozialpo?litische Erlasse trotz Bismarcks Ablehnung veröffentlichen. Daraufhin bittet der Kanzler um seine Verabschiedung. Der Kaiser entspricht der Bitte am 20. März und ernennt Leo Graf von Caprivi zum neuen Reichskanzler, dem im Oktober 1894 Chlodwig Fürst zu Hohenlohe-Schillingsfürst folgt. 1896 Als in der Burenrepublik Transvaal ein Umsturzversuch unter Führung des britischen Offiziers Jameson („Jameson Raid“) militärisch niederge?schlagen wird, gratuliert Wilhelm schriftlich dem südafrikanischen Präsidenten, Paul „Ohm“ Krüger. Die englische Öffentlichkeit ist über die Parteinahme des Kaisers empört. 1897 Wilhelm schürt im Verbund mit Flottenadmiral Alfred von Tirpitz eine „Flottenbegeisterung“, die weite Teile der Bevölkerung erfaßt. Ein Jahr später stimmt der Reichstag einer massiven Vergrößerung der Flotte zu. 1898 Wilhelm besucht Jerusalem. Im selben Jahr wird der Bau der „Bagdadbahn“ zum Persi?schen Golf beschlossen. Beide Vorgänge lösen Irritationen bei Russen und Briten aus. 1900 Wilhelm ernennt Bernhard von Bülow zum neuen Reichskanzler. Nach dem „Boxer-Aufstand“ chinesischer Rebellen gegen die Kolonialmächte hält Wilhelm seine „Hunnenrede“, in der er ein rücksichtsloses Vorgehen fordert. 1904 England und Frankreich schließen die Entente cordiale, in der sie sich über koloniale Fragen einigen. März 1905 Wilhelm besucht auf Initiative Bülows die marokkanische Stadt Tanger und versucht so, die französischen Ansprüche auf Marokko zurückzuweisen. Doch in einer internationalen Konferenz stellen sich Rußland, Großbritannien, die USA und Italien 1906 hinter Frankreich. Juli 1905 Wilhelm und Zar Nikolaus II. schließen auf einer Jacht nahe der finnischen Insel Björkö ohne Rücksprache mit ihren Beratern ein Verteidigungsbündnis. Aufgrund massiver Widerstände in den Auswär?tigen Ämtern beider Länder wird der Vertrag annulliert. 1907 Im August tritt Rußland der Entente bei, die damit zur Triple-Entente wird. Das Deutsche Reich und Österreich-Ungarn sind nun isoliert. 1908 Am 28. Oktober veröffentlicht der „Daily Telegraph“ Auszüge aus einem Gespräch mit Wilhelm, der erklärt, seine militärischen Ratschläge hätten zum Sieg Großbritanniens im Burenkrieg geführt. Die Mehrheit der Deutschen sei antibritisch eingestellt und er der einzige Freund der Briten im Reich. Die Äußerungen werden von vielen Briten als beleidigend empfunden. Auch die deutsche Öffentlichkeit reagiert empört; die Kritik zieht sich durch alle Parteien. Neuer Reichskanzler wird 1909 Theo?bald von Bethmann Hollweg. 1912 Nach der Erklärung Großbritanniens, sich im Fall eines europäischen Konflikts hinter Frankreich zu stellen, spricht sich Helmuth von Moltke, der Chef des Generalstabs, für einen Präventivkrieg aus. 1914 Am 28. Juni werden der österreichische Thronfolger Franz Ferdinand und seine Gemahlin in Sarajevo ermordet. Wilhelm ermuntert Österreich-Ungarn zum Krieg gegen Serbien, erwartet aber dessen territoriale Beschränkung auf den Balkan. Ende Juli/Anfang August beginnen die Kampfhandlungen, die sich schnell zum Ersten Weltkrieg ausweiten. 1918 Die Meutereien der deutschen Hochseeflotte und der politische und militärische Druck der alliierten Mächte Ende Oktober lassen die Forderung nach einer Abdankung Wilhelms immer lauter werden. Als sich die revolutionäre Bewegung ausweitet, gibt Reichskanzler Prinz Max von Baden ohne Wilhelms Wissen am 9. November die Nachricht von dessen Abdankung als Deutscher Kaiser bekannt. Wilhelm flieht in die neutralen Niederlande. Am 11. November unterzeichnet Matthias Erzberger den Waffenstillstandsvertrag. 1919 Die Entente-Mächte fordern von den Niederlanden die Auslieferung Wilhelms, die 1920 abgelehnt wird. Kronprinz Wilhelm folgt als einziges Kind seinem Vater in das niederländische Exil, kehrt aber 1923 wieder zurück. 1921 Im April stirbt Wilhelms Frau Auguste Viktoria. Wilhelm heiratet bereits im November des darauffolgenden Jahres Hermine von Reuß, ältere Linie, verwitwete Prinzessin von Schönaich-Carolath. 1926 Das vormalige Königshaus und die preußische Staatsregierung einigen sich über das Vermö?gen der Hohenzollern: Ihnen verbleiben 39 Schlösser und sonstige Gebäude sowie 50000 Hektar Land. Die finanzielle Entschädigung wird auf 15 Millionen Reichsmark festgesetzt. 1931–1933 Seit seiner Flucht aus Deutschland wird Wilhelms bis dahin eher latent vorhandener Antisemitismus immer ausgeprägter. Er erhofft sich von den Nationalsozialisten zunächst die Wiedereinführung der Mo?narchie in Deutschland. Doch nach antiroyalistischen Äußerungen Hitlers macht sich bald Ernüchterung breit. 1941 Wilhelm II. stirbt am 4. Juni 82jährig und wird im Mausoleum in Doorn beigesetzt.

Literatur: Christopher M. Clark, Wilhelm II. Harlow 2000. Wolfgang J. Mommsen, War der Kaiser an allem schuld? Wilhelm II. und die preußisch-deutschen Machteliten. München 2002. John C. G. Röhl, Kaiser, Hof und Staat. Wilhelm II. und die deutsche Politik. München 2002 (1. Auflage 1988). John C. G. Röhl, Wilhelm II. Die Jugend des Kaisers 1859–1888. München 1993. John C. G. Röhl, Wilhelm II. Der Aufbau der Persönlichen Monarchie 1888–1900. München 2001. Christian Graf von Krockow, Kaiser Wilhelm II. und seine Zeit. Biographie einer Epoche. Berlin 1999. Friedrich Wilhelm Prinz von Preußen, „Gott helfe unserem Vaterland“. Das Haus Hohenzollern 1918–1945. 2. Auflage, München 2003. Günther Drommer, Im Kaiserreich. Alltag unter den Hohenzollern 1871–1918. Ein Fotobuch, Leipzig 2003.

Jens Potschka

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