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Eindrücke von einer Grabung in Mittelägypten

Ein Tag in Assiut

Der Roman „Götter, Gräber und Gelehrte“ von C. W. Ceram verkauft sich auch über 60 Jahre nach seinem Erscheinen noch bestens. Doch wie muss man sich den Alltag von Archäologen auf einer Grabung heute vorstellen? Eindrücke aus dem mittelägyptischen Assiut, dessen Felsnekropole seit 2003 von einem internationalen Team erforscht wird.

Es ist am frühen Morgen um 6.15 Uhr; der Wecker klingelt, automatisch funktioniert man im Halbschlaf: aufstehen, waschen, anziehen, Sachen zurechtlegen, darunter Arbeitsunterlagen, Schreibzeug, Sonnenhut, Handy, Kamera, Flasche, Brotdose und was sonst für den Tag nötig ist. Das gemeinsame Frühstück ist bereits am langen Tisch gedeckt: Weißbrot oder grobe Fladen, Käse, harte, kochendheiße Eier, Tomaten, Feigenmarmelade, Tee oder Nescafé. Wer in Kairo eingekauft hat, genießt Müsli oder Nougatcreme. Die ägyptischen Kollegen bevorzugen Bohneneintopf (foul).

7.30 Uhr: Einstieg in zwei Minibusse mit den Fahrern Sobhey und Salama sowie zwei Polizisten in Zivil, die den ganzen Tag gut gelaunt mit uns verbringen werden, ihre Pistolenhalfter unter der Kleidung. Assiut, die alte mittelägyptische „Wächterstadt“, 375 Kilometer südlich von Kairo, strategisch günstig am Nil gelegen und Ausgangspunkt der Handelsstraße „Darb el Arba’in“ in die Sahara, wacht nicht mehr selbst, sondern wird bewacht. Aufs Dach der Busse kommt das sperrige Material: Holzkisten, breite Rollen mit Zeichenfolien, Stühle, Leitern, Schaumstoff, Zement … Eiskalte Wasserflaschen werden verteilt, dann geht es los, dem Polizeiauto mit ohrenbetäubender Sirene hinterher. Außer freitags wimmelt es von Schulkindern in verschiedenen Uniformen: Die Halbwüchsigen gehen allein, die Kleineren werden gebracht, zu Fuß, per Fahrrad, Mofa, Bus oder Taxi. Jeder hupt, klingelt, ruft und drängelt. An der neuen Ampel, die rückwärts die Sekunden der Rotphase abzählt, haben sich vier Fahrspuren in eine Richtung gebildet, wo eigentlich nur zwei gedacht sind. Und der Schulbus, der seine erste Fuhre geleert hat, will mitten im Getümmel auf der Straße wenden.

Im Hintergrund erscheint der Gebel Asyut al-gharbi mit seinen zahllosen schwarzen Löchern: Im 3. Jahrtausend v. Chr. wurde er zur Nekropole im Westen der Stadt, heute noch gibt es dort weit über 1000 Gräber, darunter monumentale Anlagen der Gaufürsten (um 2150 –1850 v. Chr.). Koptische Christen lebten hier als Eremiten oder in Klöstern, ein ausgedehnter islamischer Kuppelfriedhof liegt zu Füßen der kleinen Grabkapelle von Scheich Abu Tuq. Die Straße ist nun frei. Dienstags ist hier draußen Viehmarkt, ansonsten sieht man jetzt nur noch Überlandtransporter, Kleinbusse und Eselskarren.

Auf der ersten Anhöhe des Berges warten die etwa 50 Arbeiter, die aus verschiedenen Dörfern der Gegend kommen. Alle sind froh, aus den kleinen Bussen zu klettern, sebach el-cher, Guten Morgen, die Doktoren werden mit Handschlag begrüßt. Man sortiert sich, Ahmed, der Vorarbeiter, hakt die Anwesenheitsliste ab, die Materialien werden verteilt, der Anstieg beginnt. Zunächst in dichtem Abstand und schnellen Schrittes, bilden sich auf den steilen Fußpfaden und bei bereits über 30 Grad allmählich Grüppchen: Die Wissenschaftler mit ihren Bergschuhen lassen den flinken Arbeitern mit Plastikschlappen den Vorrang. Man unterhält sich und genießt von jeder Plattform die Aussicht, die man schon so oft schweißtriefend bewundert hat. Auf halber Höhe bei der Hauptarbeitsstätte angekommen, verschafft der stetige kühle Nordwind Erleichterung; Haut und Kleider trocknen. Die Arbeiter ziehen sich um, die Wasserträger müssen mit ihren Kanistern noch einmal nach unten – nicht das letzte Mal an diesem Tag. Die Werkzeuge werden ausgeteilt, die Arbeitsgruppen bilden sich und ziehen los. Obergafir Guraim und die anderen Grabwächter haben schon damit begonnen, Tee zu kochen und die Wasserpfeife vorzubereiten, als Einzige strahlen sie größte Gelassenheit aus, während sie die Schlüssel für die gesicherten Grabanlagen ausgeben. Wie geht’s? Alle gesund zu Hause? Auch die Familie?

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Acht Uhr: Die Arbeit beginnt. Die einen leeren einen Schacht mit Seilwinde, Hacken und Körben aus Reifengummi. Die Schubkarren fahren zum Sieb, mit dem kleinere Funde entdeckt werden sollen. Im ältesten großen Grab (Siut V, um 2150 v. Chr.) der früheren Gaufürsten von Assiut ist nach vielen Kampagnen des Schuttabtragens der Felsboden erreicht, und ein bislang von den Archäologen des 19. und 20. Jahrhunderts nicht verzeichneter Schachteingang ist zum Vorschein gekommen. Im Lauf der zweimonatigen Kampagne wird er sich als Meisterwerk der Steinarchitektur herausstellen, die über zehn Meter tiefe Sargkammer enthält aber leider nur wenige Reste der einstigen Bestattung. Es finden sich tatsächlich keine Indizien auf die Anwesenheit der früheren Ausgräber, die damals in Assiut auf Beutezug für die großen Museen der Welt waren. Die jüngsten Funde in der sekundären Verfüllung dieses Schachts deuten auf Einheimi‧sche hin, die hier bereits im Mittelalter tätig waren.

Ein anderer Trupp versucht einen Eingang zum sogenannten Hundegrab freizulegen, einer riesigen unterirdischen Tierbestattungsanlage, die im 1. Jahrtausend v. Chr. begonnen wurde. Auch diese Struktur war bislang unbekannt. Die Luft in den feucht gewordenen Felskammern ist nur mit Atemmasken zu ertragen. Abertausende von Tiermumien und -skeletten, vor allem Hunde und Schakale, sind hier im Rahmen der Verehrung der lokalen Canidengötter abgelegt worden. Schon im Eingang finden sich zahlreiche Tonscherben und Papyri mit datierbaren Texten, Hundeskulpturen und auch menschliche Überreste…

„Das Asyut Project“ Das interdisziplinäre „Asyut Project“ erforscht seit 2003 mit jährlichen Feldkampagnen eine mittelägyptische Felsnekropole, die seit fast 100 Jahren weitgehend unerforscht blieb, nachdem im 19. und frühen 20. Jahrhundert zahl‧reiche Funde in die Museen der Welt, unter anderem nach Turin, gelangten. Finanziert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft, kooperieren die Wissenschaftler der Freien Universität Berlin (Prof. Dr. Jochem Kahl), der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (Prof. Dr. Ursula Verhoeven) und der ägyptischen Universität Sohag (Prof. Dr. Mahmoud El-Khadragy) mit der ägyptischen Altertümerverwaltung und einem internationalen Mitarbeiterstab.

http://www.aegyptologie-altorientalistik.uni-mainz.de/139.php

Prof. Dr. Ursula Verhoeven

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