Wirtschaft und Finanzen im Goldenen Zeitalter Ein unlösbarer Berg von Problemen - wissenschaft.de
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Wirtschaft und Finanzen im Goldenen Zeitalter

Ein unlösbarer Berg von Problemen

Auf den ersten Blick erscheint es paradox: Trotz der gewaltigen Einkünfte aus den Kolonien in Übersee konnte Spanien in seinem „Goldenen Zeitalter“ das Problem des ewigen Staatsdefizits nicht lösen. Die gewaltigen Aufgaben überdehnten den Haushalt immer mehr.

Das „Goldene Zeitalter“ (siglo de oro) war eine Zeit kultureller Blüte, wie sie Spanien nie wieder erleben sollte. Mit dieser Epoche sind die großen Namen in der Geschichte der Malerei und der Literatur des Landes verbunden. Die Mode des spanischen Hofs wurde stilbildend für Europa, die spanische Sprache war unter Politikern und Gelehrten weit verbreitet, spanisches Staats- und Völkerrecht von großer Bedeutung. Spanien entwickelte damals eine weltumspannende Kultur, eine Synthese, die weit über ein Jahrhundert lang die westliche Hemisphäre prägte.

Politisch gilt das 16. Jahrhundert unter national orientierten Historikern zugleich als „große Epoche“ der spanischen Geschichte mit dominierenden Herrscherpersönlichkeiten wie den „Katholischen Königen“ Ferdinand und Isabella, Karl V. (als König von Spanien Karl I.) und Phil-ipp II. sowie heldenhafter Großtaten wie der Eroberung Lateinamerikas. Zugleich aber wurde die wirtschaftliche und finanzielle Situation des Landes in dieser vermeintlichen Glanzzeit immer prekärer.

Im 16. Jahrhundert führten die Bindung der spanischen Politik an die Politik im Heiligen Römischen Reich und die Eroberung großer Gebiete in Übersee dazu, dass die spanische Wirtschaft von zwei gegenläufigen Tendenzen geprägt wurde: Auf der einen Seite stand die wachsende Finanzlast der stets kostspieligeren Machtpolitik in Europa, auf der anderen das Edelmetallpotential des amerikanischen Kolo‧nialreichs. Zur Finanzierung der politischen und militärischen Unternehmungen sowohl Karls V. als auch Philipps II. wurde, nachdem zuerst die italienischen Kronländer und die Niederlande einen Großteil der Verpflichtungen getragen hatten, von den 1540er Jahren an Spanien selbst verstärkt herangezogen. In Anbetracht der hartnäckigen Abwehrhaltung der aragonesischen Ständeversammlung (Cortes) fiel die finanzielle Hauptlast auf Kastilien, und hier (wegen der spezifischen Steuerstruktur) nahezu ausschließlich auf die abgabenpflichtigen Bürger, nicht auf Adel oder Geistlichkeit. Trotz des zunehmenden Steuerdrucks stieg die Verschuldung der Krone kontinuierlich an. Dies gilt bereits für die Spätphase der Regierungszeit Karls V.: Seit 1542 standen Karl als König von Spanien jährlich Einkünfte von rund eineinhalb Millionen Dukaten zu; bei ausländischen Bankhäusern musste er jedoch außerdem Darlehen in Höhe von 39 Millionen Dukaten aufnehmen, für die er die erwarteten Silberlieferungen aus Amerika oder die Steueraufkommen der jeweils folgenden Jahre verpfändete. Trotzdem führte die Haushalts‧politik wiederholt zur Zahlungsunfähigkeit der Krone, da diese vor allem in Karls späteren Jahren festverzinsliche Schuldverschreibungen ( juros) ausgab, für deren Zinsen schließlich etwa 65 Prozent des ordentlichen Aufkommens ausgegeben werden mussten.

Die Auswirkungen des wachsenden Zustroms amerikanischer Edelmetalle sind in der historischen Forschung wiederholt Gegenstand ausführlicher Erörterungen gewesen. In einem Teil der Literatur wird der spanische Niedergang im 17. und frühen 18. Jahrhundert in einen engen Zusammenhang mit dem Silber aus der Neuen Welt gebracht, da die inflationäre Preisentwicklung des 16. Jahrhunderts auf die Silberladungen aus Amerika zurückzuführen sei und die weitere Entwicklung bestimmt habe. Diese The‧se hat Widerspruch hervorgerufen; verwiesen wurde darauf, dass Spanien damals aus unterschiedlichen Wirtschaftsräumen bestand und Andalusien etwa vom 16. Jahrhundert an einen wirtschaftlichen Aufschwung erlebte, da Oliven (Jaén), Wein (Tal des Guadalquivir), Tuche (Córdoba) und Seide (Granada) begehrte Exportartikel waren. Auch einige Wirtschaftszweige Mittel- und Nordspaniens erlebten Exportaufschwünge: etwa die Eisenindustrie des Baskenlands und die Wollproduktion der (inzwischen auf zehn Millionen geschätzten) Merinoschafe.

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Unbestritten sind allerdings die Finanzpro‧bleme der Krone: Spaniens imperiale Politik führte zur Zerrüttung der Staatsfinanzen. In dem gleichen Jahr 1557, in dem Spanien einen bedeutenden militärischen Sieg über Frankreich erzielte, durch den seine Hegemonialstellung in Europa bis zum Dreißigjährigen Krieg (1618 –1648) festgeschrieben wurde, musste das Land aufgrund der Erschöpfung seiner finanziellen Ressourcen zum ersten Mal den Staatsbankrott erklären. Später sah sich Philipp II. während seiner Regierungszeit (1556–1598) noch mehrfach gezwungen, die Zahlungen an seine Gläubiger einzustellen; kurz‧fristige Lösungen bestanden immer wieder darin, die Außenstände in Schuldverschreibungen umzuwandeln und die zu erwartenden Einkünfte der Krone im Vorhinein an die Kreditgeber, in- und ausländische Banken, zu verpfänden.

Außerdem ließ der Monarch nichts unversucht, die Staatseinkünfte zu erhöhen: Die Kirche musste Beiträge (subsidios) leisten, die Abgaben der Kommunen (encabezamiento) wurden bis an die Grenze der Belastbarkeit Kastiliens erhöht, der Verkauf von Ämtern und Herrschaftsrechten nahm zu; vor allem aber war es das amerikanische Silber aus den 1545 entdeckten Minen von Potosí (im heutigen Bolivien), das die Beibehaltung der teuren militärischen Infrastruktur und die Fortführung der imperialen Politik ermöglichte, durch die Spanien zusehends in die französischen Religionskriege und in die Auseinandersetzungen mit England verstrickt wurde. Trotzdem überschritten die jährlichen Ausgaben von rund zwölf Millionen Dukaten deutlich die Einnahmen, die maximal zehn Millionen erreichten.

Eigentlich verfügte Kastilien über eine harte Währung; die Münzen aus dem Königreich zählten zu den besten in Europa. Schon die „Katho-lischen Könige“ hatten Ende des 15. Jahrhunderts eine Politik der starken Währung betrieben, als sie das Münz- und Feingewicht für sämtliche Münzen festlegten. Karl und Philipp konnten auf ebendiese Stärke der spanischen Währung hinweisen, als sie bei deutschen und später bei genuesischen Bankiers Anleihen zur Finanzierung der gewaltigen Staatsausgaben und der militärischen Aktivitäten aufnahmen…

Literatur: Walther L. Bernecker, Spanische Geschichte. Von der Reconquista bis heute. Darmstadt 2002. Walther L. Bernecker / Horst Pietschmann, Geschichte Spaniens. Von der Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart. Stuttgart 2005. Ramón Carande, Carlos V y sus banqueros. Barcelona 1987. Fernand Braudel, Das Mittelmeer und die mediterrane Welt in der Epoche Philipps II. Frankfurt am Main 1990. Antonio Miguel Bernal, La financiación de la Carrera de Indias (1492 –1824). Dinero y crédito en el comercio colonial español con América. Sevilla 1992.

Prof. Dr. Walther L. Bernecker

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