Die ersten Stadtbeschreibungen St. Petersburgs Ein Weltwunder, auf Menschenknochen gebaut? - wissenschaft.de
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Die ersten Stadtbeschreibungen St. Petersburgs

Ein Weltwunder, auf Menschenknochen gebaut?

Die Wißbegier des europäischen Publikums war groß: Wie sah die neue Hauptstadt aus, die das wachsende Machtbewußtsein Zar Peters spiegelte? Verläßliche Kunde erreichte den Westen aus deutschen Federn. Man rühmte das grandiose Projekt, erzählte aber auch von den zahllosen Opfern.

Das erste Buch, das je über Petersburg geschrieben wurde, erschien zehn Jahre nach der Grundsteinlegung in deutscher Sprache. Erst 1860 wurde der Text ins Russische übersetzt. Der umständliche Titel entsprach dem Stil der Zeit: Exacte Relation von der von Sr. Czaarischen Majestät Petro Alexiowitz (cum tot. tit.) an dem großen Newa Strohm und der Oost-See neu erbaueten Vestung und Stadt St.Petersburg wie auch von dem Castel Cron Schloß und derselben umliegenden Gegend. Ferner Relation von den Uhralten Rußischen Gebrauch der Wasser Weyh und Heiligung, nebst einigen besonderen Anmerckungen von H. G. – Leipzig Verlegts Nicolaus Förster 1713. Daß sich der Verfasser hinter Initialen verbarg, war bei Themen dieser Art nicht ungewöhnlich. Erstaunlicher ist, daß sich sein wirklicher Name noch immer nicht entschlüsseln läßt. Manches spricht für Heinrich Huyssen aus Essen, einen vielbegabten, auch für delikate Aufträge verwendbaren Mann, der (mit dem russischen Baronstitel versehen) Hofmeister des unglückseligen, 1718 in den Kasematten der Peter-Pauls-Festung zu Tode gefolterten Thronfolgers Alexei Petrowitsch war. Aber sicher können wir nicht sein. Wer immer dieses „klein Tractätgen“ (von etwas mehr als hundert Seiten) schrieb: An Selbstbewußtsein hat es dem Autor nicht gefehlt. Emphatisch versprach er „der curieusen Welt, mit Accuratesse und Fleiß“ zu berichten – „mit fluider, kurtz und auffrichtiger Feder, ohne weitläufftige Vorrede, Censur oder Approbation“. Verläßliche Kunde über die neue Haupt- und Residenzstadt Rußlands hatte es bis dahin nicht gegeben. Auf Landkarten vom nordischen „Kriegstheater“ war Sankt-Petersburg noch nicht zu finden. Erst 1718, als eine überarbeitete Fassung unter verändertem Titel herauskam (Eigentliche Beschreibung der an der Spitze der Ost-See neu-erbaueten russischen Residentzstadt…), lag auch ein Stadtplan bei, so daß sich von der Topographie des Orts eine erste Vorstellung gewinnen ließ. Ergänzt und revidiert kehrte der Text samt Karte in dem umfänglichsten Rußlandbuch des 18. Jahrhunderts wieder, als Sonderkapitel des 1721 erschienenen äußerst gehaltvollen Buchs „Das Veränderte Rußland, In welchem die ietzige Verfassung Des Geist- und Weltlichen Regiments; der Krieges-Staat zu Lande und zu Wasser; Wahre Zustand der Rußischen Finantzen… vorgestellet werden“. Den anonymen Autor zu entschlüsseln, war nicht schwer: Das Werk stammte von einem Diplomaten, von Friedrich Christian Weber, der von 1714 bis 1719 den hannöverschen Kurfürsten und britischen König in Petersburg vertreten hatte. Schon 1723 bzw. 1725 wurde es ins Englische und Französische übersetzt, eine russische Ausgabe ließ bis 1872 auf sich warten. In keinem anderen Buch dieser Zeit wird über die Petersburger Zustände bunter berichtet als in diesem von Dokumenten, Nachrichten und Tagebuchnotizen überquellenden Kompendium. Die Stadt, die Weber anfangs mit einer Menge zusammengeschobener Dörfer verglich, galt ihm wenige Jahre später mit ihren Festungs- und Werftanlagen, Uferpalästen und Lustorten als ein Wunder der Welt. Die genannten Stadtbeschreibungen zeigen ein erstaunliches Maß an Übereinstimmung. Keinem der Autoren mangelte es an Respekt vor der Majestät des ingeniösen Zaren, doch keiner ließ sich auf panegyrische Ergüsse oder plumpe Schmeicheleien ein. Einvernehmen gab es darüber, daß Petersburg ohne den Herrscher nicht zu denken sei: Petersburg ist Peters ureigene Erfindung. Die nach dem Apostel Petrus, dem Schutzheiligen des Zaren, genannte Stadt war ein leuchtendes Symbol dafür, daß Moskowien von seiner bisherigen Geschichte Abschied genommen habe: Mit gutem Bedacht (so heißt es in der „Exacten Relation“) habe der Autor „sich des Worts Moscowiter nicht gebrauchet, sondern sich des Worts Russe bedienet. Weiln es im Lande bräuchlicher und besser, wenn man saget: ein Russe von Rußland, gleich wie man spricht: ein Spanier von Spanien, und nicht ein Madriter, Ein Engelländer von Engelland, und nicht ein Londonnenser, Ein Teutscher von Teutschland, und nicht ein Wiener oder Hamburger etc.“…

Prof. Dr. Dietrich Geyer

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