Die österreichische Sicht auf Bismarck Eine Frage auf Leben und Tod - wissenschaft.de
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Die österreichische Sicht auf Bismarck

Eine Frage auf Leben und Tod

Nachdem Otto von Bismarck 1866 bis 1871 seine Erfolge über den habsburgischen Rivalen Preußens gefeiert und den Deutschen ihren Traum vom Deutschen Reich erfüllt hatte, faßte in Wien ein tief getroffener Dichter seine Klage in eines seiner treffsicheren Epigramme: „Ihr glaubt ihr habt ein Reich geboren, und habt doch nur ein Volk zerstört.“

Franz Grillparzer war ein gestandener Deutschliberaler, eine intellektuelle Galionsfigur der Vormärz-Opposition und der 1848-Bewegung, für die Österreichs Befreiung vom Joch des Absolutismus mit der deutschen Einheit fast selbstverständlich verbunden war. Längst hatte er sich zwar zum glühenden Österreichpatrioten gewandelt, war aber doch im Herzen ein Deutscher geblieben. Aber er war vom österreichischen Deutschen zum deutschen Österreichern geworden, mit all den tragischen und doch faszinierenden, jedenfalls für die Zukunft schicksalhaften Facetten einer nationalpolitischen Grundsatzentscheidung. Die tiefere Begründung für diesen Wandel liegt wohl in der grundsätzlichen Identifikation mit dem Projekt des mitteleuropäischen Vielvölkerstaats. Schon 1848 in der Frankfurter Paulskirche hatte sich die Mehrheit der deutschösterreichischen Abgeordneten für diesen und gegen den deutschen Nationalstaat entschieden.

Grillparzer störte aber nicht nur die nationalpolitische Komponente der deutschen Revolution, mit der sich Bismarck verband und die er zum Erfolg führte, sondern mehr noch deren Stil oder das, was er an politischer Ethik dahinter vermutete. Als sich nach der Schlacht von Sedan 1870 die Nachricht von der Gefangennahme und Internierung Napoleons III. verbreitete, soll der Wiener Dichterfürst gehöhnt haben: „Der eine ist des andern würdiger Genoss’– / Es sperrt der Dieb den Räuber ins gestohl’ne Schloss.“ Was der Spötter meinte, hat ein anderer österreichischer Bismarck-Gegner mit prophetischem Pathos, wild und haßerfüllt auf den Punkt gebracht. Ludwig von Biegeleben aus Hessen-Darmstadt war Minister in der provisorischen Reichsregierung von 1848/49 gewesen. Aus Protest gegen die kleindeutsche Wende im Frankfurter Parlament und in Deutschland ging er nach Wien und wurde als hoher Beamter des Wiener Außenministeriums unter Felix Schwarzenberg Inspirator der deutschen Politik Österreichs mit dem Ziel der Erhaltung des Deutschen Bundes. In seinen anonym in London veröffentlichten „Sonetten zu 1866“ faßte er sein Argument gegen die Auffassung Bismarcks vom „Recht der Nation“ in die Worte: „Der du das Wort Macht geht vor Recht gesprochen / ich sage Frevler dir, du wirst nicht sterben / eh Gott an dir im flammenden Verderben / die Ehre seines Ebenbilds gerochen.“ Ein völlig unromantischer Militär hat ohne Vers und Reim das Problem ähnlich beurteilt. Der österreichische Generalstabschef Hess machte seinen preußischen Kollegen auf das prekäre Verhältnis zwischen Macht und Recht aus seiner konservativen Sicht aufmerksam: „Nun ist aber die Revolution von oben durch Euch in Mode gekommen. Wehe Euch doppelt, wenn sie Euch nach hinweggespültem Rechtsgefühl in der Flut der Zeit einmal selbst ergreift.“

Bismarck selbst waren diese Argumente geläufig. Wenn er allerdings dem österreichisch-ungarischen Botschafter in Berlin erklärte, dass er es bedaure, „der Welt das große Schauspiel der Einigung durch Teilung“ geboten zu haben, dann war das nicht mehr als eine unverbindliche Floskel. Denn am Ausschluß Österreichs aus Deutschland hielt er im Interesse Preußens unverrückt fest. Was das für das Deutschtum in Österreich bedeutete, und welche Folgen die Trennung von Deutschland für die Stellung Österreich-Ungarns in Ost- und Südosteuropa bedeutete, davon hatte der „Urpreusse“ offenbar keine klare Vorstellung, und ehe er in der Folge mit den europäischen Konsequenzen konfrontiert wurde, war ihm das wohl auch gleichgültig.

Man könnte nun geneigt sein, die enttäuschten Klagen der deutschen Österreicher als sentimentale Herzensergüsse der politisch Unterlegenen abzutun, man könnte darauf verweisen, daß es sich um Wortmeldungen von romantisch-konservativen Legitimisten handelte, die den Geist der Zeit nicht erkannt und den Zug der Zeit versäumt hatten, schließlich darauf daß die österreichische Sicht der Dinge eben unzeitgemäß war. Dem ist schwer etwas entgegenzuhalten. Es ändert aber nichts daran, daß man in Wien die Dinge so gesehen und empfunden hat, und daß man im Blick gerade auf die europäische Zukunft zutiefst und nicht ohne triftige Gründe besorgt war über die Folgen des Ereignisses, das sich als „Reichsgründung“ darbot.

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Aus österreichischer Sicht war der Kampf gegen die Reichseinigungspolitik keine diplomatisch-militärische Episode mit dem Kampf gegen die nationale Programmatik der Nationalversammlung von 1848/49, mit der diplomatisch erzwungenen Rückkehr zum Deutschen Bund, mit Wortgefechten um die Verfassungsreform am erneuerten Frankfurter Bundestag und mit der verlorenen Schlacht von Königgrätz. Es war die Frage auf Leben und Tod. Der für den Augenblick erfolgreiche Neuanfang in Deutschland war für Österreich der Anfang vom Ende. Die Angst vor dem finis Austriae war deshalb so stark, weil der Kampf, der da zu einem scheinbaren Ende gekommen war, sich aus dem Bewußtsein einer langen Vorgeschichte nährte, die – so scheint es – in Wien offenbar stärker präsent war als in Berlin. Es hieße jedenfalls, die Schärfe des Problems zu verkennen, wollte man für die Beurteilung der österreichischen Sicht nur das Ringen mit Bismarck um die Lösung der Deutschen Frage als Maßstab nehmen. Für Österreich war das Kapitel Bismarck nur der letzte Akt einer langen Geschichte, und es war aus Wiener Sicht schon erkennbar, daß es noch ein spektakuläres Nachspiel auf dem europäischen Theater geben würde…

Prof. Dr. Helmut Rumpler

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