Geschichte und Religion der Nabatäer Eine ideale Stammesgesellschaft? - wissenschaft.de
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Geschichte und Religion der Nabatäer

Eine ideale Stammesgesellschaft?

Sie galten lange als geheimnisvolles Wüstenvolk, technisch begabt und fromm; über ihre Herkunft weiß man immer noch nichts. Zu ihrem Mythos mag beigetragen haben, daß sie ebenso plötzlich auftauchten wie später wieder verschwanden. Heute ist das archäologische Wissen über die Nabatäer aber beeindruckend breit.

Die Nabatäer gelten als die Weihrauchhändler der Antike schlechthin. Im 1. Jahrhundert, be-vor Rom daraus die Provincia Arabia machte, kontrollierten sie ein Herrschaftsgebiet, das von Südsyrien bis nach Nordarabien reichte. Dem Faszinosum der Nabatäer liegen mehrere Eindrücke zugrunde: Idealbilder einer Stammesgesellschaft, von den griechischen Autoren gezeichnet; eine geniale Technik, Sturzwasser in Wüstengebieten aufzufangen; eine beeindruckende Frömmigkeit; Freude an Üppigkeit mit harmonischer Einbindung in die Natur bei den monumentalen Denkmälern und vieles mehr, auch Ruinenromantik und das Flair heutigen Beduinentums. Daß die Nabatäer (die aramäische Stammesbezeichnung nabatu wurde griechisch zu nabataioi) keine Literatur hinterlassen haben und wir daher wenig über sie wissen, macht ihre Erforschung um so spannender.

Es sind die Griechen, die 311 v. Chr. das älteste Zeugnis über die Nabatäer bieten. Der Historiker Hiero?nymos von Kardia beschreibt als Beteiligter die Versuche des Diadochen Antigonos Monophtalmos (eines der Feldherren, die sich nach dem Tod Alexanders des Großen sein Weltreich teilten), bei den Nabatäern reiche Beute zu machen. Zwei Expeditionen von Phönikien aus nach „Petra“ (griechisch: Felsen) im südlichen Jordanien scheiterten, weil die nabatäischen Stammeskrieger den Plünderern die Beute wieder abjagten. Auch die zweite Erwerbsquelle der Nabatäer vermochten die Makedonen nicht an sich zu reißen: Die Nabatäer vermarkteten das aus dem Toten Meer in Blasen hochsteigende Bitumen (As?phalt). Es fand Verwendung vor allem beim Kalfatern (Abdichten) von Schif?fen, bei der Einbalsamierung, in der Medizin und in der Kosmetik.

Hieronymos, dessen Bericht in der „Bibliotheca historica“ des Diodorus Siculus aus dem 1. Jahrhundert v. Chr. überliefert ist, beschreibt nicht nur die Auseinandersetzungen mit den Nabatäern, sondern will seinen Lesern auch Informationen über das fremde Volk liefern. Er beschreibt die Nabatäer als nomadisch lebende Araber, als Züchter von Dromedaren, Schafhirten und Weihrauchhändler. Durch diesen Handel überträfen sie alle anderen arabischen Stämme an Reichtum. Als freiheitsliebende Nomaden hätten sie keinen Besitz, bauten keine Häuser, betrieben keine Landwirtschaft und tränken keinen Wein. Dieser Nomaden-Topos ist wohl bekannt, auch aus dem Alten Testament (Jeremias 35, 6–10), wird aber dem differenzierten Nomadenbild, das man heute rekonstruieren kann, nicht gerecht. Die Forschung hat herausgearbeitet, daß Hieronymos die Nabatäer idealisierend überzeichnet, um sie als Gegenbild zu den Diadochen darzustellen, die von Gier nach territorialem Besitz geleitet würden. Trotz dieser Intention sind die grundsätzlichen Aussagen des Hieronymos aber wertvoll.

„Petra“ wird bei Hieronymos als ein schwer einnehmbarer Fliehfelsen dargestellt, auf den die Nabatäer sich mit ihren Waren und den nicht wehrfähigen Leuten zurückziehen konnten. Überwiegend identifiziert man heute damit die Felshöhe Umm al-Biyara im Talkessel des heutigen Petra. Die Entfernungsangaben des Berichts sprechen jedoch eher für einen anderen Fliehfelsen weiter im Norden: Chirbet es-Sela. Die Nabatäer besaßen damals noch keine Hauptstadt, sondern nur Warenstapelplätze. Vielleicht ist der Platz nach den Ereignissen von 311 v. Chr. als zu unsicher aufgegeben worden.

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Das heutige Petra entwickelte sich erst im späten 2. Jahrhundert v. Chr. zum Zentrum der Nabatäer, hatte zuvor aber ebenfalls als Warenstapelplatz und vielleicht als Marktplatz gedient. Für die griechische Welt blieb der Ort, an dem die Nabatäer ihren Handel abwickelten und wo sie anzutreffen waren, ein Felsenort, eben „Petra“. Als die Wirtschaftsbeziehungen zwischen ihnen und den Nabatäern enger wurden, war das heutige Petra (der nabatäische Ortsname war Raqmu) längst deren wichtigste Basis.

Prof. Dr. Robert Wenning

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