Jean Baptiste Bernadotte. Karl XIV. Johann von Schweden Eine Karriere wie im Märchen - wissenschaft.de
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Jean Baptiste Bernadotte. Karl XIV. Johann von Schweden

Eine Karriere wie im Märchen

Als der schwedische Ständereichstag am 21. August 1810 den Fürsten von Ponte Corvo, Napoleons Marschall Jean Baptiste Bernadotte, zum Kronprinzen von Schweden wählte, erregte das Aufsehen. Fünf Jahre später prophezeite Napoleon auf St. Helena, Bernadotte werde schnell wieder verschwinden – doch da irrte der verbannte Kaiser.

Er „habe eine Laufbahn vollendet, die keiner gleicht“, soll König Karl XIV. Johann von Schweden laut Aufzeichnungen im Bernadotte-Familienarchiv kurz vor seinem Tod am 8. März 1844 gesagt und sein Leben als „Attacke“ gegen Napoleon interpretiert haben. Allerdings wurde von seinem legendären „letzten Diktat“ erst einen Monat nach seinem Tod eine – vermutlich ausgeschmückte – Reinschrift angefertigt. Und auch wenn bis heute manchmal vom „Kampf zweier Titanen“ gesprochen wird, ist dies sicherlich eine Überschätzung Bernadottes und ignoriert zudem die Einschätzung von Zeitgenossen. Napoleon hielt Bernadotte für einen mittelmäßigen Feldherrn. Allerdings behauptete er auf St. Helena, es sei Bernadotte gewesen, der den Alliierten die französische Kriegstaktik verraten habe und die Schuld an seiner Niederlage trage. Viele charakterisierten Bernadotte als Aufschneider. Metternich schmähte „sein Großsprechertum, seine Eitelkeit, seine übergroße Empfindlichkeit, seine Unaufrichtigkeit und sein Geschick, sich zu drücken“. Doch nicht nur unter schwedischen Offizieren, auch an deutschen Höfen gab es andere Stimmen. Als Marschall Napoleons habe er sich als kluger Administrator eroberter Landschaften und als erfolgreicher Organisator schneller Feldzüge profiliert. Zar Alexander I. vertraute ihm: Er übernahm 1812, als Napoleon ins Zarenreich einfiel, Karl Johanns Ratschlag, Frankreichs Kaiser in der Weite seines Landes aufzureiben. Im schlesischen Feldzug triumphierte Bernadotte noch einmal als Militärstratege. Er empfahl, die Befehlshaber der drei alliierten Armeen sollten sich immer dann zurückziehen, wenn Napoleon selbst die gegnerischen Truppen befehligte.

Zweifellos erschweren die Widersprüche in Bernadottes Charakter ein sicheres Urteil, die bewegten Zeitläufte, in die er hineingeboren wurde, taten ein Übriges. Wenig deutete darauf hin, dass der am 26. Januar 1763 in Pau (in der südwestfranzösischen Region Béarn) als Sohn eines juristischen Sachwalters am Kreisgericht gebo‧rene Jean Baptiste Bernadotte die Standesfesseln abstreifen würde. 17-jährig musste er nach dem Tod des Vaters eine Anwaltslehre abbrechen. Offenbar aus finanziellen Erwägungen meldete er sich zum Militärdienst. Spöttisch soll der selbst aus niederem Adel stammende Napoleon später darauf hingewiesen haben, dass Bernadotte aus untersten Schichten aufgestiegen sei.

Die Revolution änderte alles. Rasch wurden Offiziere auf den Feldwebel aufmerksam. Nach militärischen Erfolgen brachte er es am 22. Oktober 1794 zum Divisionsgeneral. Er erwies sich als begabter Heerführer. Frankreichs erfolgreicher Feldzug in Italien führte wenig später Bonaparte und Bernadotte zusammen. Schon bald glaubte sich der Béarner zu Unrecht von seinem Oberbefehlshaber gemaßregelt. Er selbst zeigte sich beeindruckt von dem Genie des Korsen, aber auch dieser lobte anfangs den Älteren als ausgezeichneten Heerführer.

An dem von Napoleon und anderen republikanisch gesinnten Generälen getragenen Staatsstreich des 4. September 1797 (sie wollten dem Erstarken royalistischer Tendenzen begegnen) beteiligte sich Bernadotte nicht. Er habe „nicht noch einen weiteren Säbel in dieses schon viel zu militärische Geplänkel“ tragen wollen, schrieb er Napoleon. Dass Bernadotte auch künftig nicht involviert sein wollte, verärgerte den Korsen. Bernadotte sei ein „äußerst gewöhnlicher, engstirniger Soldat“, der niemals darüber hinauskommen werde, militärische Befehle auszuführen, urteilte Napoleon gegenüber dem Direkto‧riumsmitglied Paul de Barras; ihm war wohl klar, dass er mit Bernadotte auch in den Augen des Direktoriums (der damaligen französischen Exekutive) einen Rivalen gefunden hatte.

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Im August 1798 heiratete Bernadotte Désirée Clary, die einige Jahre zuvor mit Napoleon verlobt gewesen und Schwägerin von Napoleons Bruder Joseph war. Joseph begrüßte die Verbindung; er verstand wohl, dass ihm mit dem Béarneser eine besondere Begabung zur Seite trat. Für einige Monate wurde Bernadotte im Juli 1799 Kriegsminister. Er war bereits wieder beurlaubt, als Napoleon mit dem Staatsstreich des 18. Brumaire 1799 Erster Konsul wurde und faktisch die Macht übernahm, doch polemisierte Bernadotte vernehmlich gegen diesen Coup.

Man söhnte sich aus, und kurz bevor der Senat Napoleon zum Kaiser ernannte, verlieh er Bernadotte im Mai 1804 den Titel eines Marschalls von Frankreich und ernannte ihn zum Oberbefehlshaber der Hannover-Armee und zum dortigen Generalgouverneur, eine Aufgabe, die Bernadotte souverän löste. Trotz hoher Steuerforderungen wurde er in Norddeutschland als Repräsentant einer neuen Rechtsordnung wahrgenommen. Wohl mehr aus „familiären“ Überlegungen heraus erhob ihn Napoleon 1806 zum Fürsten von Ponte Corvo, einem kleinen Staat in Süd‧italien. Ungetrübt waren die Beziehungen aber keineswegs. Es gab Missverständnisse in der Doppelschlacht von Jena und Auerstedt, und obwohl Bernadotte mit gewohnter Schnelligkeit Halle stürmte und so den Weg nach Berlin freikämpfte und Blücher bei Lübeck besiegte, schmälerte Napoleon dessen Verdienste. Dass er ihn nach dem Frieden von Tilsit 1807 zum Gouverneur der Hansestädte ernannte, war eher eine Verabschiedung in die Provinz. Neue Militäreinsätze führten immer wieder zu Auseinandersetzungen mit Napoleon. Nach der Schlacht von Wagram wurde der Bruch öffentlich, Bernadotte zog sich 1808 in sein Haus nach Paris und in den Ruhestand zurück…

Literatur: Jörg-Peter Findeisen, Jean Baptiste Bernadotte. Revolutionsgeneral, Marschall Napoleons und Schwedens König. Gernsbach 2010. Jörg-Peter Findeisen, Schweden. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Regensburg 2008.

Prof. Dr. Jörg-Peter Findeisen

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