1802 – Grotefend entziffert die Keilschrift Eine neue Alte Welt - wissenschaft.de
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1802 – Grotefend entziffert die Keilschrift

Eine neue Alte Welt

„Diese Striche werden … nicht errathen werden können, so lange die Welt stehet, und ich halte es für die unnützeste Zeitversplitterung, sie nur erraten zu wollen.“ Schon 25 Jahre später war Christoph Gottlieb von Murr widerlegt: 1802 entriß der Göttinger Gymnasiallehrer Georg Friedrich Grotefend der Keilschrift ihre ersten Geheimnisse.

Die Keilschrift war das verbreitetste Schriftsystem des Alten Orients. Um 3200 v. Chr. von den Sumerern im südlichen Mesopotamien, dem heutigen Irak, erfunden, wurde sie bald auf eine Vielzahl von Sprachen übertragen, von denen die bedeutendsten das Babylonisch-Assyrische und das Hethitische waren. Sie war eine Mischung aus Silben- und Wortschrift mit mehreren hundert Zeichen. Die Macht der Keile war so groß, daß sie noch der im 6. Jahrhundert v. Chr. entwickelten altpersischen Keilschrift die äußere Form gaben, obwohl sich die Schriftstruktur – eine Mischung aus Silbenschrift und Alphabet – grundlegend gewandelt hatte. Die altpersische Schrift überlebte das Achämenidenreich nicht, und die babylonische Keilschrift wurde um die Zeitenwende mehr und mehr von den aramäischen und griechischen Alphabeten abgelöst. Die griechischen und römischen Schriftsteller berichten zwar einiges über das Nachleben der babylonischen Kultur, an keiner Stelle wird jedoch eindeutig die Keilschrift erwähnt. Auch das Alte Testament und das islamische Mittelalter schweigen seltsamerweise völlig über die Keilschriften, obwohl sie zweifellos bemerkt worden sein müssen.

So war die Keilschrift spätestens seit dem 3. Jahrhundert n. Chr. verschollen – bis im 17. Jahrhundert die ersten europäischen Reisenden noch recht undeutliche Kunde von ihr nach Europa brachten. Wie unklar man sich zunächst über den Charakter des Gesehenen war, zeigten erste Vermutungen, es handele sich gar nicht um eine Schrift, sondern bloß um Zahlzeichen, Verzierungen oder gar von Würmern oder Insekten gegrabene Löcher. Erst als Carsten Niebuhr 1761 bis 1767 seine große Orienterkundungsreise unternahm und im zweiten, 1778 erschienenen Band seiner „Reisebeschreibung nach Arabien und andern umliegenden Ländern“ erstmals zuverlässige Kopien altpersischer Inschriften aus Persepolis veröffentlichte, konnten Entzifferungsversuche Aussicht auf Erfolg haben. Die ersten Bemühungen verschiedener Gelehrter erbrachten aber nur sehr magere Ergebnisse; der entscheidende Durchbruch gelang erst Grotefend, der damit den Grundstein legte für die Wiederentdeckung einer ganzen neuen „Alten Welt“: der des Alten Orients. Was für ein Mensch war dieser Grotefend? Sein Bild ist in weiten Kreisen durch den „Roman der Archäologie“ von Kurt Marek alias Ceram („Götter, Gräber und Gelehrte“) geprägt. Dort heißt es: „Dieser Mann vollbrachte in einem Geniestreich eine der erstaunlichsten Leistungen des menschlichen Geistes – um dann, keineswegs berühmt geworden, seine Lehrerlaufbahn auf bürgerlichste Art zu vollenden, ohne noch ein einziges Mal den Anlauf zu einer geistigen Tat von Rang zu finden.“ Ein grandioses Fehlurteil!

Das Datengerüst von Grotefends Leben ist in der Tat schnell genannt: Außerlich gesehen verlief seine Laufbahn ruhig. Geboren wurde er 1775 zu Hannoversch-Münden. Seit 1795 studierte er Theologie und Philologie in Göttingen, wurde 1797 Collaborator für den Lateinunterricht in der Unter- und Mittelstufe an der Göttinger Stadtschule und kam 1803, ein Jahr nach seinem Entzifferungserfolg, als Prorektor an das Gymnasium in Frankfurt. 1821 bewarb sich Grotefend erfolgreich um die Stelle des Direktors am Lyceum in Hannover, wo er 28 Jahre als Direktor tätig war. 1853 verstarb er.

Mehrere Zeugnisse schildern uns lebendig seine Persönlichkeit. Das ausführlichste findet sich in der hannoverschen Zeitung: „Mit seltenen Geistesanlagen, namentlich einem außerordentlichen Gedächtnisse und ungewöhnlichem Scharfsinne ausgerüstet, hat er sich schon als Knabe besonders zu den dunkleren Partien der Wissenschaft angezogen gefühlt. Noch bis in sein höchstes Alter beschäftigte er sich gern mit der Auflösung schwieriger Rätsel, der Entzifferung von Rebus [Bilderrätseln] und der Entwirrung anderer besonders vorzüglich rechnerischer Aufgaben. Dabei besaß er einen eisernen Fleiß, und die Energie seines Charakters zeigte sich sowohl in der Konzentrierung all seiner Gedanken auf den Gegenstand, dessen Erforschung ihm gerade oblag, als auch in der unermüdlichen Ausdauer, mit welcher er einmal Erfaßtes verfolgte. Daher kam es, daß er namentlich in der Zeit seiner Manneskraft in sich gekehrt, schweigsam und für alle Lebensverhältnisse, die etwa nicht von seiner Wissenschaft berührt wurden, scheinbar ohne alle Teilnahme war … Diese wahrhafte Begeisterung für alle echte Gelehrsamkeit gab sich denn auch jedes Mal zu erkennen, wenn er auf ihm am Herzen liegende Gegenstände der Wissenschaft in seiner Unterhaltung kam. Da wurde der stille, schweigsame Mann beredt, sein Auge leuchtete, und er konnte in seiner Auseinandersetzung kein Ende finden … Von kleiner, magerer, fast unansehnlicher Statur, aber dabei zäher Gesundheit, legte seinem rastlos arbeitendem Geist sein Körper fast gar keine Fesseln an. Er konnte vom frühen Morgen bis zum späten Abend geistigen Anstrengungen sich hingeben, ohne einer anderen körperlichen Erholung als der Nachtruhe zu bedürfen; noch im höheren Alter ermüdeten ihn die ausgedehnten Spaziergänge nicht. Diese seine körperliche Rüstigkeit, welche erst in seinen letzten Lebensjahren in etwas nachließ, ward von ihm durch eine bis ins kleinste gehende Regelmäßigkeit gefördert …”

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Wie war dem jungen Grotefend sein „Geniestreich“ geglückt? Es begann mit einem Streitgespräch zwischen Grotefend und seinem Freund Rafaello Fiorillo, ob der Inhalt von Schriftstücken festgestellt werden könne, deren Alphabet und Sprache völlig unbekannt sind. Grotefend, der – wie er selbst berichtet – „schon von Kindesbeinen an gewohnt war, verschlüsselte Sätze in der Muttersprache zu entziffern“, war der Ansicht, „daß das durchaus möglich sei. Als jener entgegnete, ich würde ihm das am besten beweisen, wenn es mir z. B. gelänge, eine von den Keilschriften zu deuten, sagte ich ihm das zu, falls er mich unterstützen würde durch Mitteilung der ganzen einschlägigen Fachliteratur.“ Diese bestand in erster Linie aus einem Dutzend dreisprachig – babylonisch, elamisch und altpersisch – überlieferter Inschriften der Achämenidenkönige, die von früheren Reisenden, vor allem von Niebuhr veröffentlicht worden waren. Als die wichtigsten sollten sich die von Niebuhr auf Tafel XXIV unter den Buchstaben G und B veröffentlichten altpersischen Texte erweisen…

Dr. Michael P. Streck

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kli|ma|to|lo|gisch  〈Adj.〉 zur Klimatologie gehörig, auf ihr beruhend

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