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Leuthen 1757

Eine Schlacht und ihr Mythos

Der preußische Sieg bei Leuthen gegen die fast doppelt so starken Österreicher im Dezember 1757 galt als taktische Meisterleistung Friedrichs des Großen, als Synonym für Willenskraft und Entschlossenheit. Fatale Folgen sollte dieser Triumph im Zweiten Weltkrieg haben, in dem er als Beispiel für die Forderung herhalten mußte, auch in ausweglosen Situationen nicht aufzugeben.

Am Abend des 3. Dezember 1757 rief Friedrich II. von Preußen die Generalität und das Offizierskorps seines Heeres in dem schlesischen Dorf Parchwitz zusammen. Der König war zuvor in Eilmärschen aus Sachsen herbeigeeilt, wo er bei Roßbach eine aus Franzosen und Reichstruppen bestehende, zahlenmäßig weit überlegene Armee vernichtend geschlagen hatte; so vernichtend, daß es die westlichen Alliierten im weiteren Verlauf des Siebenjährigen Krieges nie wieder wagen sollten, sich dem König zur Schlacht zu stellen. Doch trotz dieses triumphalen Erfolges hätte die Situation an jenem Spätherbstabend in Parchwitz dramatischer kaum sein können. Denn abgesehen vom Sieg bei Roßbach war das Jahr 1757 für die Preußen alles andere als glücklich verlaufen. Im Jahr zuvor hatte Friedrich in einem folgenreichen Präventivschlag Sachsen überfallen – folgenreich bis in die Zeit des Ersten Weltkriegs hinein, als man den Angriff auf das neutrale Belgien mit dem Verweis auf diesen angeblichen Präzedenzfall zu rechtfertigen suchte – und sah sich nach diesem bemerkenswert rücksichtslosen Akt der Aggression einer übermächtigen Koalition, bestehend aus Österreich, Rußland, Frankreich, Schweden und den meisten Reichsständen, gegenüber.

Nach Lage der Dinge war er gehalten, sein Heil in der Offensive zu suchen und die Truppen der gegnerischen Koalition einzeln zu schlagen, ehe sie sich vereinigen konnten, und so zog er im Frühjahr 1757 nach Böhmen. Doch auf den so verlustreichen wie strategisch folgenlosen Sieg bei Prag Ende Mai folgte nur sechs Wochen später am 18. Juni des Königs erste große Niederlage bei Kolin. Im weiteren Verlauf des Jahres mußte das Korps des Feldmarschalls von Lehwaldt bei Groß-Jägersdorf in Ostpreußen gegen die russische Armee eine schwere Schlappe hinnehmen. Fataler noch entwickelte sich die Lage im Süden, wo sich das Korps des Herzogs von Braunschweig-Bevern mit der Aufgabe, Schlesien gegen eine gewaltige österreichische Übermacht zu decken, überfordert zeigte. Am 14. November hatte die Festung Schweidnitz fast kampflos kapituliert, acht Tage später kam es bei Breslau zur Schlacht, die mit einer preußischen Niederlage endete; nur drei Tage später fiel die Hauptstadt Schlesiens und wichtige Festung in die Hände der Österreicher. Friedrich brauchte die reiche Provinz, brauchte ihre Einkünfte, ihr erhebliches kriegswirtschaftliches Potential, ihre Einwohner als Ersatz für seine ausge?dünnten Regimenter. Er brauchte die Winterquartiere. Und so sah er sich gezwungen, zu weit fortgeschrittener Jahreszeit noch einmal anzugreifen, und zwar einen fast doppelt überlegenen Gegner: Auch nach der Vereinigung mit den verbliebenen Truppen des inzwischen in Gefangenschaft geratenen Herzogs von Bevern standen seinen rund 35000 Preußen weit über 60000 Österreicher gegenüber, ausgeruht und nach den letzten Erfolgen siegessicher.

Die „Parchwitzer Rede“, mit der Friedrich sich in dieser fast verzweifelten Situation an seine Offiziere wandte, war ein psychologisches Meisterstück in ihrer geschickten Mischung aus Eingeständnis der Gefahr, Zuspruch und Drohung: „Wir müssen den Feind schlagen oder uns von seinen Batterien begraben lassen. So denke ich, und so werde ich auch handeln. Ist der eine oder andere unter Ihnen, der nicht so denkt, der fordere hier auf der Stelle seinen Abschied. Ich werde ihm selbigen ohne den geringsten Vorwurf geben.“ Den Begriff des „sozialen Gruppendrucks“ kannte die Epoche nicht, die Sache, wie man sieht, sehr wohl, und das schlichte Soldatengemüt des Majors von Billerbeck faßte in Worte, was die meisten seiner Offizierskollegen gedacht haben mögen: „Ja, das müßte ein infamer Hundsfott sein, nun wäre es Zeit!“ Mochten die feindlichen Truppen auch überlegen sein (in welchem Maße sie es waren, wußte Friedrich nur ungefähr) – auf ein nicht nur kriegserfahrenes, sondern auch entschlossen-ergebenes Offizierskorps konnte der König auf jeden Fall zählen.

Dr. Arne Karsten

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