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Schloß Wilhelmsthal

Eine Symphonie in sprühendem Rokoko

Wer dem Lebensstil des europäischen Adels am Vorabend der Französischen Revolution nachspüren möchte, der sollte sich das reizvolle RokokoschloßWilhelmsthal bei Kassel mit seinem exquisiten Interieur ansehen.

Nordwestlich von Kassel, nahe dem Dorf Calden, liegt Schloß Wilhelmsthal. Umgeben ist es von einem Landschaftsgarten im englischen Stil, der zwischen 1796 und 1806 von Daniel August Schwartzkopf gestaltet wurde. Anders als Schloß Wilhelmshöhe mit seinem Herkules-Monument und dem spektakulären Bergpark ist Wilhelmsthal wenig bekannt – völlig zu Unrecht, denn das um 1753 von Landgraf Wilhelm VIII. von Hessen-Kassel erbaute Jagdschloß ist eines der bedeutendsten Rokokoschlösser Deutschlands, das trotz einiger Veränderungen gegenüber dem Originalzustand den Eindruck großer Einheitlichkeit vermittelt.

Das Schloß wurde als Dreiflügelanlage nach Plänen von François de Cuvilliés, dem Münchner Hofarchitekten, errichtet. Von ihm stammt auch die Grotte im Park, eines der wenigen Relikte der ursprünglichen Anlage. Mit der Innenausstattung betraute Wilhelm den Bildhauer Johann August Nahl, einen Meister des preußischen Rokoko, dazu traten der Bildhauer Lukas Meyer, der Stukkateur Johann Michael Brühl und der Schreiner Johannes Ruhl. Im reichorna-mentierten Hauptgebäude, dem Corps de Logis, befinden sich die Appartements des Landgrafen und der Landgräfin sowie zwei Gäste-Appartements. Der bereits über 60 Jahre alte Wilhelm VIII. war beim Bau des Schlosses allerdings schon Witwer, so daß die Appartements der Landgräfin dauerhaft erst seit 1772 unter seinem Nachfolger Friedrich II. bewohnt wurden.

Die Dekoration der Räume in schwungvollem Rokoko ist zum überwiegenden Teil erhalten geblieben: Spielerisch leicht wirken die Deckenstukkaturen, die geschnitzten Verzierungen der Wandtäfelung und der Türen, die Wandleuchter, die Kamine und Konsoltischchen. Von hoher Qualität ist auch das Mobiliar, das größtenteils ebenfalls aus der Zeit des Rokoko stammt. In einigen Räumen wie den Schlafzimmern des Landgrafen und der Landgräfin fanden klassizistische Möbel und seidene Wandbespannungen aus dem Weißensteinflügel des Schlosses Wilhelmshöhe wieder Verwendung; andernorts konnte die originale Wandbespannung rekonstruiert werden. Ganz in die Anfangszeit des Schlosses versetzt kann man sich dagegen im Kabinett des Landgrafen fühlen: Es ist im Originalzustand mit Schreibkommode, Teetischchen und Sesseln möbliert. Besonders kostbar ist die „Pfauenfederkommode“, die um 1755 wohl in Paris entstand und mit einem Pfauenfedermuster aus gestanztem Silberblech geschmückt ist. Unterlegt ist das Muster mit papierdünnen Perlmuttplättchen.

Höchst reizvoll ist auch das in Zartgrün und Gold gehaltene Kabinett der Landgräfin, wo Musikinstrumente als feingeschnitzte Ornamente die Wände zieren. Das Rokokomobiliar – ein Schreibtisch, ein Toilettentisch aus der berühmten Werkstatt von David Röntgen, ein Spieltischchen sowie ein Schränkchen mit japanischer Lackarbeit – ist kunstvoll gearbeitet. Das Zimmer dient zudem als Porzellankabinett und enthält deshalb Konsolen mit wertvollen Figürchen aus der Porzellan-Manufaktur Meissen.

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Das „Papageienkabinett“ im Obergeschoß schließlich erhielt seinen Namen wegen der exquisiten Schnitzerei, mit der es geschmückt ist: Es sind Papageien und andere Vögel inmitten von Laubgirlanden. Die schönste Gestaltung aber erfuhr der in Rosa, Grün und Gold gehaltene Musensaal im Obergeschoß, in dem die Festlichkeiten stattfanden. Die meisterhafte Stukkatur zeigt in den Ofennischen Eidechsen, Vögel und Palmwedel, die wundervoll geschnitzte Wandvertä?felung Musikinstrumente und Blütenranken. Einige Zimmer wie die Garderobenräume oder die Küche im Erdgeschoß mit ihrer enormen Bratenwendemaschine ermöglichen schließlich einen Blick „hinter die Kulissen“ des höfischen Lebens.

Zur originalen Raumausstattung gehören auch die zahlreichen Gemälde des Hofmalers Johann Heinrich Tischbein der Ältere, vor allem die qualitätvollen Supraporten, über den Türen angebrachte Gemälde mit Themen aus der griechisch-römischen Götterwelt. Ein besonderes Schmuckstück des Schlosses ist auch die „Schönheitengalerie“ im Erdgeschoß, mit der der Landgraf seine Besucher überraschen konnte. Im ersten Raum befinden sich 14 zumeist von Tischbein geschaffene Porträts von schönen Damen. Anders als bei anderen Galerien dieser Art handelt es sich hier nicht um englische oder französische Schönheiten, sondern um zumindest damals namentlich bekannte Personen. Die Gestaltung der Porträtierten folgte dem damaligen Schönheitsideal und läßt alle Damen trotz der Qualität der Malerei etwas stereotyp wirken. Sie werden bei angemessenen Tätigkeiten wie Lesen, Handarbeiten oder Musizieren gezeigt, einige erscheinen im Schäferinnen- oder Jagdkostüm. Die „Schönheitengalerie“ besaß keinen frivolen Hintergrund – Wilhelm VIII. hatte wohl entgegen den Usancen der Zeit keine Mätresse.

Im zweiten Raum finden sich ebenfalls 14 Porträts von verwandten Damen und befreundeten Fürstinnen gesetzteren Alters. Hier hängen Bildnisse der 1744 verstorbenen Tochter Wilhelms VIII., Amalie Marie, seiner Lieblingsnichte Christine Charlotte sowie seiner Schwiegertochter, Marie von England. Mit seiner Galerie wollte sich Wilhelm nicht nur als Kunstkenner erweisen, sondern durch das ausschließlich auf weibliche Tugend und Schönheit festgelegte Bildprogramm einen weiblichen Hofstaat imaginieren, den er nach dem Tod seiner Gattin und seiner einzigen Tochter in der Realität nicht aufzu?weisen vermochte.

Der begeisterte Besucher kann den Kummer Wilhelms VIII. ermessen, der das Schloß nie vollendet erlebt hat. Als die französischen Truppen im Zuge des Siebenjährigen Kriegs 1757 Kassel besetzten, mußte der greise Landgraf nach Hamburg und Bremen ins Exil gehen. 1760 verstarb Wilhelm im niedersächsischen Rinteln, ohne sein Wilhelmsthal je wiedergesehen zu haben. Erst sein Sohn Friedrich II. (1720–1785) vollendete den Bau.

Dr. Heike Talkenberger

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