Soldaten in den friderizianischen Kriegen „Einen Kerl zu dressiren...“ - wissenschaft.de
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Soldaten in den friderizianischen Kriegen

„Einen Kerl zu dressiren…“

An Mythen, Legenden und Klischees über die Armee Friedrichs des Großen ist kein Mangel. Glorifizierung steht dabei neben scharfer Kritik. Doch wie verlief das alltägliche Leben der Soldaten des 18. Jahrhunderts wirklich?

Politik, Strategie und Kriegskunst Friedrichs des Großen sind in ihren Grundzügen allgemein bekannt und gerade deswegen immer wieder Gegenstand gelehrter Kontroversen. War der Krieg im „Zeitalter des Absolutismus“ begrenzt, das Heer ein kontrolliertes politisches Instrument, das zum Erreichen definierter Ziele eingesetzt wurde? Oder ist die von Friedrich selbst formulierte Vorstellung, „der friedliche Bürger bleibt in seiner Behausung ruhig und ungestört und merkt gar nicht, daß sein Land Krieg führt, würde er es nicht aus den Kriegsberichten erfahren“, eine blauäugige Wunschvorstellung, wenn nicht gar geradezu zynische Verharmlosung angesichts der horrenden Menschenverluste des eigentlichen „ersten Weltkriegs“, als welcher der Siebenjährige Krieg schon bezeichnet wurde?

Erst recht hat „die preußische Armee“ ihren festen Platz im Geschichtsbild. Preußen sei nicht ein Staat mit einer Armee, sondern eine Armee mit einem Staat, war bereits ein Bonmot des 18. Jahrhunderts. Daß das Heer der Hohenzollern-Monarchie unter Friedrich dem Großen zu einer der auch zahlenmäßig stärksten Armeen von Europa heranwuchs, ist bekannt. Das Bild vom „deutschen Sonderweg“ ist unauflöslich mit der preußischen Kriegsmacht verbunden. Im Kaiserreich und bis 1945 galt die Armee als das Element, das Preußen und schließlich Deutschland groß gemacht und zum Staat geformt habe: die „Erziehungsschule der Nation“. Neuere, kritische Historiker entdeckten dann im Preußen des 18. Jahrhunderts die Ursprünge des preußisch-deutschen Militarismus, der zielgenau in die Katastrophen des 20. Jahrhunderts geführt habe. Bereits damals sah man die „typisch preußische“ Mixtur aus Untertanengeist und militärischem Kadavergehorsam sich herausbilden – mit den bekannten Folgen.

Aber was wissen wir eigentlich von den vielen Tausenden von Männern, die als Soldaten in Reih und Glied unter den preußischen Fahnen standen, was von ihrer Mentalität und Lebenswirklichkeit? Lange hat es sich die Geschichtsschreibung leichtgemacht: War der Soldat des 18. Jahrhunderts bei „konservativen“ Schreibern der zeitlose Landser mit Zopf, erscheint er in liberalen Darstellungen als erbärmlicher, in die Uniform geprügelter Hungerleider, aus der „Hefe des Volkes“ stammend, von der bürgerlichen Gesellschaft verachtet. Das positive wie das negative Klischee waren ebenso eingängig wie wirkungsmächtig. Schaut man etwas genauer hin, sucht den festen Boden zeitgenössischer Quellen und liest manch bekannte Darstellung gegen den Strich, verändert sich das aus bunt gemischten Vorurteilen gewonnene Geschichtsbild vom Soldatenleben des 18. Jahrhunderts.

Auch wenn die Quellen nicht gerade reichlich fließen, was sie aber fast nirgends tun, wenn es um die einfachen Menschen in der vorindustriellen, auf Landwirtschaft und Handwerk basierenden Welt geht, läßt sich doch heute ein neues Bild des Solda?tenlebens in Krieg und Frieden jener Zeiten zeichnen. Wichtig ist es, sich stets darüber im klaren zu sein, daß das Militärwesen nur im Rahmen der Kultur, der gesellschaftlichen Strukturen und Mentalitäten einer Epoche verstanden werden kann.

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In den meisten Aspekten war die preußische Armee kein Sonderfall. Sehr vieles läßt sich also auf die Heere der anderen europäischen Potentaten übertragen. Als Kriegsherren geboten die Herrscher der Epoche über „stehende Söldnerheere“. „Stehend“ bedeutet, es handelte sich um eine Militärorganisation, die grundsätzlich auch im Frieden bestehenblieb; bis in die zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts waren Truppen nur für den Krieg aufgestellt und dann wieder komplett aufgelöst worden. „Söldnerheere“ heißt, daß es sich um Berufsarmeen handelte, in denen Soldaten ganz unterschiedlicher Herkunft dienen konnten. Söldner wurden überall in Europa angeworben – im Prinzip freiwillig und für eine vertraglich vereinbarte Zeit. Tatsächlich bestand ein erheblicher Teil der Heere aus „Ausländern“, manche von weit her, viele aus nahe gelegenen Regionen. So bestand ja das Alte Reich aus rund 300 verschiedenen selbständigen Herrschaften, die oft aus vielen verstreuten Gebieten zusammengesetzt waren; „Ausländer“ war man oft schon vor den Toren der Heimatstadt oder im benachbarten Dorf, wenn dies einer anderen Herrschaft zugehörte.

Anwerben ließen sich Männer aus den verschiedensten Gründen: Abenteuerlust war seit jeher ein Motiv, ein Entkommen aus beengenden Verhältnissen, Flucht vor Strafverfolgung, materielle Notlagen. Das Leben der Menschen in der frühen Neuzeit war vom Mangel gekennzeichnet; nicht nur die untersten Schichten waren bei Mißernten und anderen wirtschaftlichen Krisen unmittelbar in ihrer Existenz bedroht. Schon das Handgeld, das die Werber boten, erschien manchem als kleines Vermögen, und für großgewachsene „Mustersoldaten“ wurden tatsächlich erhebliche Summen geboten. Der Soldatenberuf bot ein bescheidenes, aber immerhin sicheres Auskommen. Die Nachfrage nach Soldaten überstieg allerdings das Reservoir an Freiwilligen fast zu jeder Zeit; das verschärfte sich im Krieg, wenn die Heere enorm vergrößert wurden und außerdem Verluste auszugleichen hatten. Diesen unersättlichen Hunger der Armeen konnten weder hohe Handgelder noch die vielbeschriebenen Praktiken der Soldatenwerber stillen, die auch mit List, Betrug und Gewaltanwendung arbeiteten. So war die freie Werbung nur ein Standbein der Kriegsmacht; alle Heere wurden zusätzlich mit einheimischen Rekruten versorgt, die auf der Grundlage ihrer Untertanenpflicht zur Landesverteidigung eingezogen wurden. Hier hatte in Preußen bereits König Friedrich Wilhelm I. (1713–1740), der „Soldatenkönig“, ein besonders effektives System entwickelt: Jedem Regiment – der militärischen Basiseinheit von (bei der preußischen Infanterie) etwa 1500 Soldaten – war ein fester Bezirk, der sogenannte Kanton, zugewiesen worden, aus dem es geeignete junge Männer für den Dienst rekrutieren konnte. Bereits als Jugendliche wurden sie in Listen eingetragen und erhielten eine Halsbinde und den Hutpuschel des Regiments als Zeichen ihrer Zugehörigkeit…

Daniel Hohrath

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