Die Magier und der Stern von Bethlehem Eingebettet in antike Tradition - wissenschaft.de
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Die Magier und der Stern von Bethlehem

Eingebettet in antike Tradition

Magier, die einem Stern folgen, der die Geburt eines neuen Königs anzeigt? Was aus heutiger Sicht phantastisch erscheinen mag, dürfte von den Zeitgenossen des Evangelisten Matthäus keineswegs so empfunden worden sein.

Die Weihnachtsgeschichte nach Matthäus erzählt von geheimnisvollen Sterndeutern aus dem Osten, die nach Judäa kommen, um dem neugeborenen König der Juden zu huldigen. Ein Stern führt sie nach Jerusalem zu König Herodes und weiter zum Geburtsort Jesu, dem sie wertvolle Geschenke darbringen. Inzwischen beschließt Herodes, alle neugeborenen Knaben in Bethlehem umzubringen, um seinen kommenden Widersacher zu beseitigen. Nur durch warnende Traumbotschaften an die Magier und an Josef entgeht das Jesuskind dem Massaker.

In dem um das Jahr 80 n. Chr. in Syrien entstandenen Matthäus-Evangelium dient die Geburtsgeschichte dazu, den christlichen Glauben anschaulich zu machen, indem sie das Jesuskind als den erwarteten Messias und Weltherrscher im Spannungsfeld antiker Herrschererwartungen beschreibt. Es wäre jedoch falsch, diese knapp und nüchtern erzählte Geschichte als eine erbauliche Legende ohne jeglichen historischen Wert abzutun. Die judenchristlichen Adressaten des Matthäus waren weder naiv noch ungebildet. Ohne fassbare Bezüge der Geburtsgeschichte zu bekannten historischen Ereignissen und zeitgenössischen Vorstellungen wäre der Text für seine antiken Leser unverständlich und unglaubwürdig geblieben. Tatsächlich lassen sich zentrale Aspekte der Erzählung auf ihre realen Hintergründe befragen: Wer waren die „Weisen aus dem Morgenland“? Lässt sich der „Stern von Bethlehem“ mit einem astronomischen Phänomen in Verbindung bringen? Ist der Kindermord des Herodes mehr als eine Schauergeschichte? Schon Martin Luther war klar, dass das zweite Kapitel des Matthäus-Evangeliums ursprünglich nicht von „drei Königen“ spricht. Seit seiner Bibelübersetzung (1522) ist von den „Weisen aus dem Morgenland“ die Rede. Ihre altkirchliche Deutung als „Könige“ beruht auf der Verknüpfung der neutestamentlichen Geburtserzählung mit alttestamentlichen Weissagungen (Ps 72, 10 f.; Jes 60, 3). Auch die Dreizahl wird erst später aus der Zahl der Geschenke abgeleitet; die syrische Tradition erzählt von einem Prunkzug von bis zu zwölf Männern.

Hinter den (ursprünglich namenlosen) sternkundigen „Weisen“ im griechischen Bibeltext steckt das Wort mágos. Es bezeichnet zunächst die Angehörigen einer Kaste iranisch-medischer Zarathustra-Priester und leitet sich vom altpersischen Begriff maga-van ab, was mit „Besitzer der Offenbarung“ wiedergegeben werden kann. Der antike Geschichtsschreiber Herodot (um 490 – um 425 v. Chr.) berichtet von den besonderen Aufgaben solcher Magier. Er beschreibt sie als esoterische Gruppe, die sich im Auftrag des persischen Königs um Opfer, Grabriten, Wahrsagung, Stern- und Traumdeutung kümmerte und deshalb großen Einfluss auf dessen Entscheidungen hatte. Der römische Schriftsteller Cicero (106– 43 v. Chr.) stellt sie als eine Art intellektuelle Oberschicht dar, die aus alter babylonischer Tradition schöpfte. Nach dem Zeugnis des jüdischen Philosophen Philon von Alexandria (um 20 v. – um 50 n. Chr.) gehörte die Magie im Perserreich sogar zur höfischen Ausbildung.

Viele Menschen in der griechisch-römischen Welt assoziierten mit dem fernen babylonischen Osten das Idealbild exotischer und sagenhafter religiöser Weisheit, verbunden mit der uralten Kunst, die Bahnen und Konstellationen der Gestirne zu deuten. Seit hellenistischer Zeit wurde der Begriff Magier zudem ausgeweitet auf alle möglichen Zauberer, Wundertäter und Prophetengestalten. Ganz unspezifisch galten nun auch andere Vertreter östlicher Theologie, Philosophie und Naturwissenschaft als Magier, und die Astrologie wurde zum wichtigen Teil ihres Berufsbilds.

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Laut dem römischen Universalgelehrten Plinius dem Älteren (um 23– 79 n. Chr.) gründet sich die Magie auf drei Wissenschaften: die Religion, die Pharmazie und die Astrologie. Gerade Astronomie und Astrologie (die beiden Begriffe wurden in der Antike nicht unterschieden) galten während der römischen Kaiserzeit als seriöse Wissenschaft schlechthin. Die gebildete Oberschicht, die sich vom traditionellen Götterglauben weitgehend emanzipiert hatte, betrachtete astrologische Beobachtungen und Theoriebildungen als ausgesprochen vernünftig und verband sie mit dem populären stoischen Schicksalsgedanken. An die Stelle von Priestern traten nun oft Astrologen, die den Lauf der Gestirne beobachteten, anhand von Sterntafeln deuteten und seine Entsprechungen im Weltgeschehen erklärten. Außergewöhnliche Himmelsphänomene galten als Hinweise auf besondere Geschichtsereignisse.

Auch das antike Judentum bezog den Sternenhimmel in seine Beobachtungen und Spekulationen ein. Aus der biblischen Weisheit gelangte das Interesse an astrologischen Kenntnissen in die jüdische Literatur. Die jüdischen Apokalyptiker deuteten astrale Phänomene wie Kometen, Meteore, Sonnen- und Mondfinsternisse als Vorzeichen nationaler oder kosmischer Katas-trophen. Der Geschichtsschreiber Josephus (37/38 – um 100 n. Chr.) merkt an, dass die Fehlinterpretation astrologischer Zeichen für den Ausbruch des jüdischen Krieges im Jahr 66 n. Chr. mitverantwortlich gewesen sei…

Literatur: Thomas Holtmann, Die Magier und der Stern, Marburg 2005. Michael Tilly, So lebten Jesu Zeitgenossen, Stuttgart 2008.

Prof. Dr. Michael Tilly

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ausschei|den  〈V. 207〉 I 〈V. t.; hat〉 1 ohne Hilfsmittel aus dem Körper entfernen, absondern (Harn, Schweiß) 2 〈Met.〉 aus einer Legierung lösen ... mehr

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