Herbert von Karajan wird Chefdirigent der Berliner Philharmoniker Ekstase aus der Perfektion - wissenschaft.de
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Herbert von Karajan wird Chefdirigent der Berliner Philharmoniker

Ekstase aus der Perfektion

Am 3. März 1955 berief der Berliner Senat Herbert von Karajan zum Chefdirigenten auf Lebenszeit des Berliner Philharmonischen Orchesters. Der von den Medien gefeierte Star der Klassik war ein Klangmagier, ein uner?bittlicher Perfektionist, der die Berliner Philharmoniker zu einem immer fulminanteren Orchestersound führte.

Berlin, 22. Februar 1955: Im Foyer des Konzertsaals der Musikhochschule spielt sich eine filmreife Pressekonferenz ab. Die Hauptakteure: Herbert von Karajan, lässig an einen Konzertflügel gelehnt, und der Kultursenator West-Berlins Joachim Tiburtius. Statisten: die geladene Presse, im Halbkreis um die Hauptakteure postiert. Listig fragt der Politiker den Musiker: „Sind Sie bereit, die Philharmoniker im Geiste Furtwänglers zu leiten?“ Karajan antwortet in dieser vorweggenommenen Krönungsszene pathetisch: „Mit tausend Freuden!“ Daß Karajan die Philharmoniker indes in seinem eigenen Geiste führte, haben die folgenden Jahrzehnte gezeigt. Dabei war die Frage, ob der Vertrag nach Wunsch des Dirigenten wirklich „auf Lebenszeit“ gelten sollte, das eigentliche Problem der Verhandlungen gewesen. Obwohl sich das renommierte Orchester bereits 14 Tage nach dem Tod Wilhelm Furtwänglers am 30. November 1954 für Karajan als Nachfolger ausgesprochen hatte, wurde der – übrigens nie veröffentlichte – Vertrag mit Karajan erst am 25. April 1956 unterzeichnet. „Mehr oder weniger auf Lebenszeit“, antwortete Tiburtius vieldeutig auf Nachfragen.

Erster kultureller Höhepunkt für den zukünftigen Pultstar des Jet-Set-Milieus war wenige Tage nach der besagten Pressekonferenz eine noch mit Furtwängler vereinbarte Amerika-Tournee der Berliner Philharmoniker. Für Karajan war es die erste Orchesterreise in die Neue Welt. Doch kaum waren der Dirigent und seine Musiker auf dem Flug?hafen Tempelhof in zwei Pan-American-„Super Six Clippers“ gestiegen, da wurden in den USA Proteste gegen den Dirigenten wegen seiner zwiespältigen Rolle im „Dritten Reich“ laut. Organisiert wurde der Protest von den Musiker-Gewerkschaften in den USA, allen voran den Veteranen der Anti-Furtwängler-Kampagnen 1936 in New York und 1948 in Chicago. Das erste Konzert der Berliner Philharmoniker fand am 27. Februar 1955 in Washington statt, wo es noch nicht zu Zwischenfällen kam. In New York indes wurde das Orchester von Streikposten und mit Plakaten wie „No Harmony with Nazis“ empfangen. Im Konzertsaal aber erklang stürmischer Beifall beim Auftritt der Musiker. Karajan sei zwar nicht der „beste Dirigent Europas“, wie viele behaupteten, doch „bemerkenswert begabt“, meinte immerhin der führende Musikkritiker der „New York Times“, Howard Taubman, nach dem Konzert.

Ob Karajan, wie sein einzigartiger Erfolg aus der Rückschau nahelegen könnte, der „größte Dirigent“ des 20. Jahrhunderts war, ist wie jeder Superlativ in künstlerischen Fragen bestreitbar. Allein der Blick auf jenes legendäre Gruppenfoto von 1929, aufgenommen in der italienischen Botschaft in Berlin anläßlich eines Gastspiels von Arturo Tosca?nini, ruft in Erinnerung, daß noch weitere Namen als „Jahrhundertdirigenten“ gelten dürfen: Bruno Walter, Arturo Toscanini, Erich Kleiber, Otto Klemperer und Wilhelm Furtwängler. Als das Foto entstand, war der 21jährige Karajan gerade erst Kapellmeister in Ulm. Doch schon bald folgte der kometenhafte Aufstieg des ehrgeizigen Dirigenten, der zu Spannungen mit Furtwängler führen sollte. Mit 27 Jahren und damit als jüngster Generalmusikdirektor in Deutschland wurde er 1935 nach Aachen berufen, was auch in Berlin nicht unbeachtet blieb. Drei Jahre später schon leitete Karajan, der geschickt auf ein Engagement bei den kleineren „Dienstagskonzerten“ der Berliner Philharmoniker verzichtet hatte, eines der „großen“ Konzerte der Philharmoniker. Der Erfolg war sensationell. Der mächtige Generalintendant Heinz Tietjen, der damals mit Furtwängler im Streit lag, ermöglichte Karajan nunmehr die Übernahme des „Fidelio“ und des „Tristan“ in der Staatsoper.

Nach der „Tristan“-Premiere am 21. Oktober 1938 erschien in der „Berliner Zeitung am Mittag“ der legendäre Artikel des Musikkritikers Edwin von der Nüll mit der Überschrift: „Das Wunder Karajan“. Der Artikel läßt die elektrisierende Wirkung spüren, die der 30jährige Dirigent in Berlin auslöste. Besonders pikant: Der junge Mann aus der Provinzstadt Aachen wurde explizit den „fünfzigjährigen Dirigenten“ – also Furtwängler – als Beispiel hingestellt. Der Artikel hat Karajan sicher geholfen; seinem Verfasser hat er geschadet: Wenige Monate später erhielt von der Nüll die Einberufung; aus dem Krieg zu?rückge?kehrt ist er nicht. Bei seiner „Entnazifizierung“ hatte sich Furtwängler später gegen den Vorwurf einer Mitverantwortung an der Einberufung von der Nülls zu wehren. Erst zwei Jahre später habe er Goebbels diesen Fall im Kontext weiterer Presseangriffe gegen ihn vorgetragen. Dies immerhin wird durch das Tagebuch des Reichspropagandaministers bestätigt. Unter dem 22. Dezember 1940 heißt es: „Krach Furtwänglers gegen Karajan. Karajan läßt sich zu sehr anhimmeln in der Presse. Darin hat Furtwängler recht. Schließlich ist er eine Weltgröße. Ich stelle das ab.“

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Wer Aufnahmen Karajans aus jener Zeit hört, versteht, mit welcher Verve, mit welchem vorwärtsdrängenden Ton der junge Mann in das von Furtwängler dominierte Berlin eingedrungen ist. Dvor·?áks Symphonie „Aus der neuen Welt“ mit den Berliner Philharmonikern ist da zu nennen (1940), mit ebendiesem Orchester auch Tschaikowskys „Pathétique“ (1939) oder Beethovens „Eroica“ mit der Preußischen Staatskapelle (1944).

Prof. Dr. Wolfgang Sandberger

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