Museum Entdeckerfreuden - wissenschaft.de
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Museum

Entdeckerfreuden

Untergebracht im ehemaligen Kloster zu Allerheiligen, lädt das Museum in Schaffhausen seine Besucher ein zu einem informativen Rundgang und vielen überraschenden Abstechern.

Schon der Weg ins Museum bietet Genuss. Man schlendert durch die Schaffhauser Altstadt mit ihren gut erhaltenen Häusern und freut sich an wundersamen Häusernamen wie etwa „Zum hinteren Zitronenbaum“. Die alte Stadt am Fluss hat sehr viel mehr zu bieten als den Rheinfall, so spektakulär dieser auch ist. Das Museum greift die Geschichte von Stadt und Region auf, bettet sie aber zugleich in viel weiter gespannte Erläuterungen ein, so dass auch der nicht Ortsansässige zum faszinierten Betrachter wird. Man sollte Zeit mitbringen, denn die Vielfalt, die geboten wird, verleitet zum Schmökern wie in einem guten Buch.

Den Anfang aber sollte man sich auf keinen Fall entgehen lassen. Die erst kürzlich vollkommen neugestaltete Abteilung zu Stein- und Römerzeit schildert die in Grundzügen ja bekannte Geschichte so anschaulich und gleichzeitig so kompakt, dass sie sich nicht nur für Familien mit Kindern empfiehlt, sondern auch Erwachsenen einen neuen Zugang ermöglicht. So veranschaulicht eine große Schautafel den Zeitverlauf anhand von Generationen: Die Ahnenreihe von 40 Großmüttern reicht bereits zurück bis zur Zeit Karls des Großen, 69 Großmütter sind es bis zur Zeit Cäsars usw. Auch die Vielzahl der eingesetzten Medien sorgt für Abwechslung: So die klassische Vitrine mit gut ausgeleuchteten Originalexponaten (etwa zum Umgang mit Verstorbenen in der Bronzezeit) oder Stimmung schaffende Wandfotos, so Modelle – etwa das Modell eines Lagerplatzes steinzeitlicher Menschen oder das eines Rentierlagers, die erst vor kurzem produziert wurden und daher den neuesten Stand wissenschaftlicher Kenntnis verarbeiten – oder die Multimediapräsentation im seit langem bestehenden Diorama des Kesslerlochs: Man lernt die Nutzung dieser Höhle im Ablauf der Zeiten kennen und betrachtet fasziniert die Demonstration der Durchschlagskraft, die die neu erfundene Speerschleuder besaß. Für alle Hundefreunde: Hier fand man den Knochen, der als ältester Beleg für die Haltung von Hunden gilt. Auch Videos gibt es in großer Zahl. Sie präsentieren teils Details der ausgestellten Originalexponate, teils zeigen sie die Archäologen bei der Arbeit und führen den Besucher damit in die Ausgangssituation der Objekte zurück. Letzteres gilt auch für schlitzartig wirkende horizontale Vitrinen, in denen die typischen Fundstücke der jeweiligen Zeit zusammengeschüttet sind: Steine und Klingen aus Silex in der Jungsteinzeit, Scherben und Werkabfälle in der Bronzezeit usw. Die Einfälle der Ausstellungsmacher garantieren dem Betrachter immer neue Blicke, und die knappen, aber sehr informativen Texte stillen seinen Wissenshunger.

Die Vielfalt der Medien setzt sich in der Römerzeit fort, die Texte stellen die Exponate gekonnt in ihren jeweiligen historischen Kontext, unaufdringlich, aber informativ. Hinzu kommen Originale wie Gefäße oder ein Fußbodenmosaik aus der damaligen römische Kleinstadt Iuliomagus. Herausragend ist eine Glasschale aus Stein am Rhein, die eine Jagdszene zeigt. Auch hier ermöglicht es ein Video, Details zu studieren; gleichzeitig erläutert es die Technik, die zur Herstellung der Schale verwandt wurde.

Den Übergang ins Frühmittelalter begleiten zeitgenössische Zitate. Im Kontext der Völkerwanderungszeit wird etwa Salvian von Marseille (um 400–480) zitiert: „Einst waren die Römer die Stärksten, jetzt sind sie ohne Kraft“. Ambrosius von Mailand (339–397) meinte gar: „Das Ende der Welt hat uns erreicht.“ Das Museum ist verwinkelt gebaut, nicht zuletzt, weil es immer wieder auch originale Teile des Klosters zu Allerheiligen in den Ausstellungsrundgang integriert, etwa die Johanneskapelle aus der Zeit des ersten Klosterbaus (1049–1064) mit ihren romanischen Fresken im Chorgewölbe. Dies weckt Neugier und eröffnet zudem Ausblicke in die anmutigen Innenhöfe, die sich beim Weitergehen auftun: in einem blickt man das frühere Wohngebäude des Abts und den mit romanischen Säulchen gesäumten offenen Gang in der ersten Etage, der die Wohnräume des Abts mit denen seiner Gäste verband; oder man erhascht einen Blick auf den Kreuzgang, an den sich ein historischer Kräutergarten anschließt, in dem man sich, wie in den anderen Innenhöfen, bei schönem Wetter allzu gern aufhält. In der ebenfalls in den Rundgang integrierten Eberhardskapelle vom Ende des 12. Jahrhunderts lassen sich Wandmalereien bewundern. Vor allem aber sind hier Grabmäler aufgestellt, die 1921 als spektakulärer Fund unter dem Bretterboden des Kirchenschiffs entdeckt wurden, wo man sie 1750 versenkt hatte. Sie zählen zu den frühesten Grabmälern mit lebensgroßen Figurenund erinnern an zwei Nellenburger Grafen. Diese sind in zeittypische Gewänder gehüllt. Der ältere, Eberhard (1010/15–1078/79), der Stifter des Klosters, trägt ein Kirchenmodell; der jüngere, Burkhart, hält ein Bäumchen mit Wurzelballen in den Händen als Symbol für die Eigentumsübertragung, denn die Nellenburger Grafen verzichteten 1080 auf die Besitzansprüche am Kloster und schenkten diesem die Stadt Schaffhausen samt all ihren Rechten.

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Am Beispiel Schaffhausens werden dann die Entwicklung und Probleme von Städten und ihren Einwohnern vom 10. bis zum 14. Jahrhundert nachvollzogen: Der Erwerb des Münzrechts, die allmähliche Emanzipation der Stadtgemeinde vom Kloster im 13./14. Jahrhundert, aber auch das Verhalten gegenüber Juden; in Schaffhausen durfte sich im 14. Jahrhundert eine jüdische Familie ansiedeln, bereits 1401 aber nach einem Ritualmordvorwurf ausgelöscht. Das gesamt erste Stockwerk ist „Schaffhausen im Fluss“ gwidmet. Es handelt sich um eine kulturhistorische Dauerausstellung zur Geschichte von Stadt, Region und Kloster – beginnend mit einem kompakten Überblick über die 1000-jährige Geschichte anhand von Modellen, Skizzen, Filmen und natürlich auch Originalexponaten. Große Aufmerksamkeit erhalten zum einen die Zünfte, zum anderen die Entwicklung Schaffhausens zur Industriestadt im 19. Jahrhundert. Hier wird etwa eine technische Meisterleistung: die Abdämmung des Wassers, um das Wasserkraftwerk am Rhein bauen zu können – anschaulich am Modell vorgeführt.

Im zweiten Obergeschoss bewundert der Besucher in einigen Räumen Kunstwerke vor allem des 19. Jahrhunderts (darunter die Maler Ferdinand Hodler, Giovanni Segantini, Albert Welti und Hans Thoma) und entdeckt dann imKreuzsaal sakrale Kunst. Wunderbar sind etwa die Holzfiguren der Heiligen Sebastian und Rochus aus dem 15. Jahrhundert. Allerdings, und auch dies gehört zur Geschichte der Stadt: In Schaffhausen fiel fast aller in den Jahrhunderten zuvor als Teil der Jenseitsfürsorge gestiftete Kirchenschmuck der Reformation zum Opfer. Die ausgestellten Figuren und Tafelgemälde sind daher alle auswärtiger Herkunft. Ein weiteres Highlight in diesem Saal sind die großen Standesscheiben, die Ende des 16. Jahrhunderts für das Schaffhauser Rathaus erbeten worden waren. Die großen Glasfenster zeigen die Ehrenwappen von Zürich, Luzern, Uri, Schwyz, Unterwalden und Zug; alle anderen sind verloren gegangen.

Interessant sind zwei ganz aus Holz gebaute Klosterzellen, die quasi als Kabinette in den Ausstellungsrundgang integriert sind. Die Zelle aus dem Kloster St. Agnes bezaubert durch die Flachschnitzereien am eingebauten Eckschrank sowie den Fries mit Pflanzenornamenten. Sie stammt aus dem 15. Jahrhundert und gehört damit zum Neubau des bereits 1080 von Burkhard von Nellenburg für seine Mutter Ita gestifteten und wenig später dem Abt von Allerheiligen unterstellten Benediktinerinnenklosters, das im14. Jahrhundert durch einen Brand zerstört und im gotischen Stil wiederaufgebaut worden war. Ein ebenfalls ganz in Holz ausgekleidetes gotisches Stübchen – original sind noch die spätgotisches Decke mit ihren halbrunden bemalten Föhrenbalken und die Türe – ist auch mit einem grünen Kachelofen von 1663 und bleigefassten Fenstern ausgestattet. Viel ließe sich zu den in diesem Stockwerk versammelten Schätzen noch erwähnen, verpassen darf der Besucher aber keinesfalls den berühmten Schaffhauser Onyx, eine römische Kamee (einen Schmuckstein, aus dem eine Gravur als erhabenes Relief herausgearbeitet wurde und der einen deutlich repräsentativen Charakter besaß) aus der ersten Hälfte des 1. Jahrhunderts n. Chr.. Die Kamee zeigt eine römische Göttin zeigte. Ihre Prunkfassung in Gold, Silber, rund 60 Edelsteinen und 20 Perlen entstand um 1240, also in staufischer Zeit; gezeigt werden Adler- und Löwenfiguren. Eine Inschrift auf der Rückseite nennt den einstigen Besitzer: einen Grafen Ludwig von Frohburg. Vermutlich brachte eine Angehörige dieses Grafengeschlechts den Onyx als Mitgift in das Kloster Paradies, ein Klarissenkloster; von dort gelangte er nach der Reformation und der Säkularisation des Klosters in den Besitz der Stadt Schaffhausen. Im Kreuzsaal lassen sich mit aller Drastik die Folgen des Schaffhauser Bildersturms beobachten: beschädigte oder später wieder entdeckte Skulpturen, denn Mitte des 16. Jahrhunderts mussten auf Anordnung des Rats der Stadt Bilder von den Altären und Skulpturen aus den Kirchen usw. entfernt werden und wurden oft zerstört. Eine im frühen 15. Jahrhundert geschaffene Sandsteinskulptur der Madonna, die in einer Nische im Turm der Kirche St. Johann stand, entging diesem Schicksal; sie wurde zugemauert (dabei allerdings auch leicht beschädigt). Bei einer Kirchenrestaurierung im Jahr 1900 hat man sie wiederentdeckt. Eine Gipskopie lässt sich heute im Museum bewundern, der Blick durch ein im selben Raum aufgestelltes Fernglas holt auch das Original von ihrem luftigen Standort im Kirchturm in die Schausammlung.

In der ehemaligen Michaelskapelle, einem Raum aus dem 13. Jahrhundert, kann sich der Besucher begleitet von Mönchsgesang von sakraler Bauplastik faszinieren lassen; auf Augenhöhe präsentiert, lassen sich die ausdrucksstarken Skulpturen sehr viel genauer studieren, als wenn sie sich noch an ihren Standorten in der Kirche befänden. Zum genauen Studium bietet sich auch eine romanische Terrakottaplatte aus dem 12. Jahrhundert an, deren zartes Relief Szenen aus dem Leben Jesu zeigt, denn sie ist einerseits hervorragend ausgeleuchtet und wird andererseits vergrößert an der Wand gezeigt und inhaltlich erläutert.

Nicht verpassen darf der interessierte Besucher die Abteilungen zum 19. und 20. Jahrhundert. Besonderes Augenmerk wird auf Veränderungen in den Arbeitsverhältnissen gelegt, die infolge der Industrialisierung neuen Lebenstaktungen folgten. Filmszenen aus einer Stahlgießerei (von 1953) veranschaulichen diese Lebenswelt. Ausgezeichnete Fotos erzählen von der städtischen Lebenswelt um 1900. Viele Besucher werden amüsiert die Filmsequenzen eines Kinderfests am Anfang der 30er Jahre verfolgen. Hochinteressant ist ferner die Hörstation, die Themen der Arbeiterbewegung am Beispiel Marie Hamburgers (1876–1948) anspricht.

Die Lage Schaffhausens knapp hinter der deutschen Grenze brachte es mit sich, dass die Stadt stärker als die Städte der neutralen Schweiz in den Zweiten Weltkrieg einbezogen wurde. So wurde sie am 1. April 1944 infolge eines Navigationsfehlers Angriffsziel von US-Bomberstaffeln; auf alten Holzklappstühlen sitzend ist der Besucher eingeladen, an diesem Ereignis und der Beerdigung der Opfer teilzunehmen. Mit dem teils zweifelhaften Verhalten der Schweizer Behörden gegenüber Flüchtlingen aus dem Deutschen Reich setzen sich Berichte über das Schicksal zweier junger Frauen auseinander. Die eine aus Bad Ems wurde aufgenommen, die andere, eine Berlinerin, zwar im Februar 1943 von der Gendarmerie zurückgewiesen, aber – zu ihrem Glück – wenigstens nicht den deutschen Behörden übergeben; es gelang ihr, bis zum Kriegsende im Verborgenen zu leben.

Stimmungsvoll erlebt der Besucher in der Nachkriegszeit den wirtschaftlichen Aufschwung und ein neues Konsumverhalten: Elvis Presley singt, ein alter Bosch-Kühlschrank, Fernseher und Plattenspieler sowie türkisfarbene Barhocker werden bei älteren Besuchern Reminiszenzen wecken und jüngere schmunzeln lassen. Zu guter Letzt lockt dann ein Abstecher ins ehemalige Refektorium, das 1496 beim Aufstocken der Mönchsklausur entstanden ist. Die Wände aus Föhrenholzbalken sind teils noch original, ebenso die Holzdecke mit ihren Schnitzereien sowie die viergliedrige Fensterfront. Nach der Aufhebung des Kloster 1529 wurde das Refektorium Schule, 1848 hat man den großen Raum in Wohnungen unterteilt. Als traditionelles städtisches bzw. Regionalmuseum versammelt das Museum zu Allerheiligen Kunst und Kultur, Volks- und Naturkunde unter einem Dach. Wobei sich ein Gang durch die interessant gestaltete naturkundliche Abteilung sehr anbietet. Auf anschauliche Art und Weise bietet sie zahlreiche Informationen, nicht zuletzt über die Entstehung von Schwarzwald und Rheinfall bzw. über die Rheinablenkungen vor 200.000, vor 120.000 und vor 17.000 Jahren, als durch den Rückgang des Rheingletschers infolge der Erwärmung der heutige Flusslauf entstand. Vielleicht wagt der Besucher dann sogar noch einen Abstecher in die Sammlung Ebnöther im Nachbargebäude; sie präsentiert bemerkenswerte archäologische Fundstücken aus der Alten und der Neuen Welt und gehört ebenfalls zum Museum Allerheiligen.

Dr. Marlene P. Hiller

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