Das „stille Örtchen“ in der römischen Antike Entspannung auf der Gemeinschaftstoilette - wissenschaft.de
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Das „stille Örtchen“ in der römischen Antike

Entspannung auf der Gemeinschaftstoilette

Nach erfolgtem Geschäftsabschluß ist ein gutes gemeinsames Essen auch heute noch üblich. Daß Geschäftspartner aber gemeinsam die Toilette aufsuchen, um dort entspannt zu plaudern, ist dagegen unvorstellbar. Anders im antiken Rom!

So etwas sagt man nicht; darüber spricht man nicht. Schließlich handelt es sich um eine sehr diskrete, für viele Menschen gar immer noch peinliche Angelegenheit. Gewiß, es ereilt jeden – hoffentlich – täglich, aber man verschwindet heimlich, schließt sich ein und würde es als äußerst ungehörig ansehen, von anderen auf den „Erfolg“ der Maßnahme angesprochen zu werden. Mögen wir auch das Zeitalter der Kommunikation eingeläutet haben, zur Toilette geht der zivilisierte Mensch weiterhin allein.

Szenenwechsel. Es geht um Handel und Geschäft im alten Rom. Der steinreiche Freigelassene Secundus hat sich in die Hafenstadt Ostia begeben, wo gerade seine Handelsschiffe aus Massilia, dem heutigen Marseille in Südfrankreich, eingelaufen sind. Die Ware, gallische Schinken, Käse und Olivenöl, aber auch Geschirr aus terra sigillata, muß an den Mann gebracht werden. Der Handelsherr wird schon von seinen Stammkunden erwartet. Und schließlich sollen die Schiffe, beladen mit Amphoren italischen Weins nach Ägypten weiterfahren, wo sie Getreide für die annona, die stadtrömische Versorgungsbehörde, aufnehmen werden. Hektische Betriebsamkeit ist angesagt. Am Ende des Vormittags sollen die Geschäfte abgeschlossen sein. Man wird sich einig, man ist zufrieden. Und dann gehen alle, Käufer und Verkäufer, erst einmal gemeinsam aufs Klo, um sich nach dem Streß der Verhandlungen im wahrsten Sinne des Wortes zu „erleichtern“.

Der gemeinsame Toilettengang leitete, vor allem unter Geschäftsleuten, das nachmittägliche otium, die Zeit der Ruhe, der geistigen und körperlichen Wiederherstellung, der Entspannung und Unterhaltung ein. Das war eine nicht unkomplizierte Abfolge aus Reinigung, Bad und Massage, begleitet oder gefolgt von Lesungen, musikalischem Vortrag oder auch dem Vergnügen mit einer hübschen Sklavin, die am Ende im triclinium bei einer ausgiebigen Mahlzeit mit Kollegen und Freunden ihren Abschluß fand. Das alles stand unter dem Gebot des mens sana in corpore sano (ein gesunder Geist in einem gesunden Körper), weshalb die Zeit des otium ganz selbstverständlich mit dem erleichternden Gang zur latrina, der großen Gemeinschaftstoilette in den römischen Thermen, begann. Und so wie man gemeinsam badete, die vielfältigen Unterhaltungen genoß und anschließend zu Tische lag, so saß man auch in Gesellschaft auf der Toilette. Gerade in Ostia, der nie zerstörten, sondern wegen der Malaria in der Spätantike verlassenen Hafenstadt Roms, kann man sich heute noch ein Bild von den Gemeinschaftstoiletten der Römer, den Prachtlatrinen, wie sie Richard Neudecker genannt hat, machen. Und es waren in der Tat wahre Paläste, in denen man sich für die täglichen Bedürfnisse niederließ. Mosaikfußböden, Wände aus Marmor oder mit aufwendigen Malereien geschmückt, erwarteten den Besucher. Hier pinkelte niemand nervös und eilig in eine dunkle Ecke, hier saß man entspannt beieinander, redete über Geschäft und Alltägliches. Heutige Ärzte können über diese entspannte Art, den langen Verdauungsvorgang abzuschließen, nur ehrfürchtig staunen…

Explosion inklusive Die römischen Latrinen waren zwar – zusammen mit der Abwasserentsorgung – eine Wohltat für die öffentliche Hygiene in den ausgedehnten antiken Städten, sie waren aber auch Gefahrenherde. Denn in Latrinen und Kanalisation konnten sich durch die Fäulnis- und Fermentationsprozesse in den Fäkalien Gase bilden, insbesondere Schwefelwasserstoff und Methan. Zusammen mit dem Sauerstoff der Luft bildeten sie ein brennbares und explosionsfähiges Gemisch. Zwar enthalten menschliche Fäkalien vergleichsweise wenig Methan, doch muß in antiken Städten von der Größe Roms auch mit einer großen Menge an tierischem Kot gerechnet werden. Bereits Luftgemische mit fünf bis 15 Prozent Methan sind explosiv, wenn sie mit einer Zündquelle in Kontakt geraten – etwa einer zu Boden fallenden Fackel oder Öllampe. Zum Vergleich sei darauf hingewiesen, daß aus London zahlreiche Toilettenexplosionen überliefert sind, seit man 1842 begann, Erfahrungen mit einer modernen städtischen Kanalisation zu machen. Ähnlich könnte dies auch im antiken Rom der Fall gewesen sein, zumal Sperrventile und Schleusen in der Kanalisation noch unbekannt waren. Brände in der Stadt kamen jedenfalls häufig vor, weshalb Kaiser Augustus 22 v.Chr. in Rom die erste „staatliche“ Feuerwehr einrichtete, die „cohortes vigilium“, die bald 7000 Mann umfaßten.

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Dr. Wolfgang Metternich

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