Maximilian und der Aufstieg des Hauses Habsburg „Er hat viel Unbedachtes getan...“ - wissenschaft.de
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Maximilian und der Aufstieg des Hauses Habsburg

„Er hat viel Unbedachtes getan…“

Maximilian I. war ein erstaunlicher Mensch, der sich mit den bedeutendsten Künstlern seiner Zeit umgab. Von seinen hochgesteckten Zielen hat der wie ein Irrwisch durch die Lande reisende König keines erreicht, die europäische Geschichte aber hat er wie kein anderer vor und nach ihm in eine Richtung gewiesen.

Drei welthistorische Entscheidungen sind mit dem Namen und der Regierungszeit Maximilians I. verbunden: Auf ihn geht die Gründung des habsburgisch-spanischen Weltreichs zurück, das durch zwei Jahrhunderte die europäische Politik bestimmte. In seiner Zeit wurden die wichtigsten Bestimmungen gefaßt, die der Reichsverfassung bis 1806 ihre Form gaben. Und auf ihn geht die Erweiterung der habsburgischen Erblande mit Böhmen und Ungarn zurück, die dann bis 1918 die Habsburger Monarchie bildeten. Alle drei Entscheidungen sehen nach einer planmäßigen, weit ausgreifenden Politik aus. Alle drei sind jedoch das Ergebnis von geradezu unwahrscheinlichen Zufällen. Maximilian I. hatte andere Visionen und große Pläne. Wäre es nach seinen Vorstellungen gegangen, er wäre an der Spitze eines Heeres von Kreuzrittern in Konstantinopel eingezogen und hätte das oströmische Kaiserreich erneuert. Nach seinen Plänen wäre der Aufstieg Frankreichs zur wichtigsten europäischen Macht gestoppt und Frankreich in eine Reihe selbständiger Einheiten aufgeteilt worden.

Die Liste seiner Niederlagen, dreier Ehen und anderer Mißlichkeiten, ja, Blamagen ist lang und wäre sogar geeignet, ihn als komische Figur darzustellen. Sie gehen alle auf eines zurück: Maximilian konnte in der ganzen Zeit seiner Regierung kein Verhältnis zum Geld finden. Hatte er welches, so kümmerte es ihn nicht, woher es kam und zu welchen Bedingungen er es erhalten hatte. Er gab es mit vollen Händen aus, ungeachtet dessen, zu welchem Zweck es ihm gegeben worden war. Es begann schon damit, daß er für seine Brautfahrt zur reichsten Erbin seiner Zeit, der Erbtochter Maria des Herzogtums Burgund, das Geld kaum aufbringen konnte und nur deshalb in die Arme seiner Braut gelangte, weil sie ihm nach Köln, wo er festsaß, Geld entgegen schickte.

Maria war seine große Liebe. Sie schenkte ihm zwei Kinder, Philipp und Margarethe, die beide bedeutende Persönlichkeiten wurden. Als Maria nach einem Reitunfall am 27. März 1482 starb, brach für Maximilian I. eine Welt zusammen. Nur mit großer Mühe konnte er sich gegen die sehr selbstbewußten niederländischen Städte durchsetzen, die ihn sogar eine Zeitlang in Brügge gefangen setzten. Frankreich unter dem verschlagenen Ludwig XI. setzte ihm hart zu. In dem Kampf um das burgundische Erbe mußte er im Frieden von Arras 1482 darin einwilligen, seine damals drei Jahre alte Tochter Margarethe als Braut für den Dauphin, den künftigen Karl VIII. von Frankreich an den französischen Hof zu geben.

Seine zweite Ehe mit Anna, der Erbtochter des Herzogtums Bretagne, endete tragisch. Am 19. Dezember 1490 ließ sich Anna durch Prokuration (durch Bevollmächtigte) mit Maximilian trauen. Die Gefahr, auch dieses Herzogtum an den Habsburger zu verlieren, alarmierte den jungen Karl VIII. von Frankreich: Er besetzte das Land, schloß die junge Herzogin in ihrer Hauptstadt Rennes ein und zwang sie am 15. November 1491 zur Kapitulation. Maximilian, der in Ungarn Krieg führte und seine Gemahlin im Stich ließ, mußte es hinnehmen, daß Karl VIII. Anna zur Frau nahm und Maximilians Tochter Margarethe, mit der er verlobt war, zu ihrem Vater zurückschickte. Die Ehe Annas mit Karl VIII. blieb kinderlos; der König, von dem die Italiener später behaupteten, er besäße nur zwei Drittel eines normalen Gehirns, war impotent. Als er 1493 seinen großen Zug durch Italien nach Neapel unternahm, fertigten Florentiner Künstler ein Porträt von ihm an, das ihn fast mit dem Aussehen eines Neandertalers zeigte.

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Maximilian I. heiratete ein drittes Mal. Diesmal war es Bianca Maria Sforza, die Nichte des Herzogs Ludwig (Ludovico) von Mailand, den man Il Moro nannte. Bei dieser Ehe ging es Maximilian nur um die Mitgift von 300000 Gulden. Die arme Frau, die Maximilian nicht für ebenbürtig hielt, rührte er nie an. Die 300000 Gulden hatte er angeblich bereits ausgegeben, als die Trauung vorgenommen wurde.

Nicht viel besser erging es ihm mit den vielen Kriegen, die fast seine ganze Regierungszeit andauerten. Im Kampf gegen Frankreich ging es ihm um das burgundische Erbe sowie um das zum Reich gehörende Herzogtum Mailand. In Ungarn kämpfte er erst gegen den Böhmen-König Matthias Corvinus, dann gegen dessen Nachfolger Wladislaw und schließlich gegen die Türken. Gewinn zog er aus diesen vielen Kriegen kaum, wenn man von dem Landshuter Erbfolgekrieg 1504 absieht, bei dem er für Tirol Kufstein und Rattenberg sowie die Landvogteien Ortenau und Hagenau gewann.

Dabei war Maximilian I. ein umsichtiger Feldherr. Seine Feldzüge waren klug geplant. Auf ihn geht die Ausbildung der deutschen Landsknechte zu einer kampfstarken Truppe zurück. Er wußte die Artillerie gut einzusetzen. Er hatte sehr wohl erkannt, daß mit Ritterheeren kein Krieg mehr zu gewinnen war, eine Erkenntnis die außer acht gelassen zu haben seinem Schwiegervater Karl dem Kühnen das Leben gekostet hatte. Was Maximilian immer wieder in Verlegenheit brachte war, daß er auch beim Kriegführen nicht mit Geld umgehen konnte. In entscheidenden Augenblicken konnte er seinen Soldaten den Sold nicht zahlen und seine Heere lösten sich auf, bevor der Sieg errungen war. 1508 bei der Belagerung von Padua spielte ihm das listenreiche Venedig den Streich, durch Zahlung des ausstehenden Solds seine Armee abzukaufen, so daß der Kaiser Hals über Kopf fliehen mußte, um nicht in venezianische Gefangenschaft zu geraten. Seiner Tochter Margarethe gestand er die Blamage mit den denkwürdigen Worten ein: „Da fernerhin die Truppen nicht sonderlich geneigt waren, zu kämpfen, hatten wir uns entschlossen, die Belagerung aufzugeben.“ Der venezianische Bankier Girolamo Priuli kommentierte dies anders: „Er hat viel Unbedachtes getan in seinem Leben, aber unverzeihlicher hat er sich nie gegen sein Ansehen versündigt als mit diesem Entschluß.“ Mit seinen Kriegen gegen Frankreich um das burgundische Erbland und um das Herzogtum Mailand begründete er das, was später die Erbfeindschaft mit Frankreich genannt wurde.

1508, nachdem alle Versuche, Geld für einen Romzug zu erhalten, gescheitert waren, verzichtete Maximilian auf die Kaiserkrönung und nahm den Titel „Erwählter Römischer Kaiser“ an. Papst Julius II., froh, den Kaiser nicht in Rom krönen zu müssen, stimmte dieser Proklamation zu. Alle seine Nachfolger – bis auf seinen Enkel Karl V., der sich 1530 in Bologna von Papst Clemens VII. krönen ließ – verfuhren ebenso. Wen verwundert es, daß dieser merkwürdige Mann, der 1510 Witwer geworden war, 1511, als Papst Julius II. schwer erkrankte, ernsthaft erwog, sich zum Papst wählen zu lassen…

Prof. Dr. Karl Otmar Freiherr von Aretin

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