Faszinierende Figuren: Peter Prange über Josef Ganz „Erfinder des Urkäfers“ - wissenschaft.de
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Faszinierende Figuren: Peter Prange über Josef Ganz

„Erfinder des Urkäfers“

Persönlichkeiten aus Kultur, Politik und Wissenschaft sprechen über historische Gestalten, die sie beeindruckt haben. In dieser Ausgabe: der Schriftsteller Peter Prange über den Konstrukteur und Journalisten Josef Ganz.

Wer war dieser Josef Ganz?

Peter Prange: Ein Autokonstrukteur in den 1920er Jahren, der in Frankfurt ein Büro unterhielt, praktisch alle Hersteller von Rang beraten hat und zugleich Chefredakteur der damals sehr einflussreichen Fachzeitschrift „Motorkritik“ war.

Wie und wann sind Sie auf ihn gekommen?

Vor vier Jahren bei den Recherchen für meinen Roman „Eine Familie in Deutschland“, der die Geschichte des Nationalsozialismus vom Tag der Machtergreifung bis zur Kapitulation erzählt. Ganz wichtig in dem Zusammenhang ist die Geschichte des Volkswagens. Jedermann denkt, das sei das Produkt Ferdinand Porsches. Das ist auch nicht falsch. Es hat aber einen Vorläufer gegeben, der den Ur-VW, den „Urkäfer“, erfunden hat, das war Josef Ganz. Für mich eine überraschende Entdeckung.

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Und eine nachhaltig beeindruckende?

Dieser Josef Ganz propagierte bereits in den 1920er Jahren das Konzept eines „Volkswagens“. Das Auto müsse wie in den USA ein erschwingliches Allgemeingut werden, forderte er. Auch wie ein solches Fahrzeug auszusehen und was es zu leisten habe, beschrieb er in einem Manifest mit dem Titel „Das Auto des Kleinen Mannes“: niedriger Verbrauch, Anschaffungspreis von 1000 Reichsmark, heckgetrieben, windschlüpfrige, also treibstoffsparende Karosserie, Viersitzer als Familienauto. Er entwickelte und baute einen Prototyp, den er wegen seiner handlichen Form bereits „Maikäfer“ nannte und auf der Automobilausstellung in Berlin im Februar 1933 präsentierte.

Mit welchem Erfolg?

Das Verrückte an der Sache war: Josef Ganz war Jude. Bei der Ausstellung in Berlin zwei Wochen nach der Machtübernahme der Nazis erlebte er, wie der neue Reichskanzler Adolf Hitler in einer Rede genau wie er selbst das „Auto für jedermann“ forderte und dabei Kriterien nannte, die aus seinem Manifest hätten stammen können. Das hatte zur Folge, dass der jüdische Konstrukteur Ganz den Judenhasser Hitler zunächst wie einen Messias begrüßte. Das ist es, was mich an dieser Figur fasziniert, diese unglaubliche Verblendung. Ganz glaubte tatsächlich, die Reichskanzlei werde ihn mit der Entwicklung des „Volkswagens“ beauftragen. Stattdessen stellte die Gestapo sein Büro auf den Kopf, beschlagnahmte seine Papiere und trieb ihn mit absurden Anschuldigungen ins Exil.

Was wurde aus den Unterlagen?

Das wissen wir nicht. Ich will nicht sagen, dass Ferdinand Porsche die Aufzeichnungen und Entwürfe des Josef Ganz benutzt hätte. Dafür spricht nichts. Aber es war ja transparent, was Ganz gebaut hatte. Er hatte das fertige Auto schon vorgestellt.


Interview: Dr. Winfried Dolderer

Peter Prange geb. 1955, deutscher Schriftsteller, Autor von Sachbüchern und historischen Romanen. Werke unter anderem „Eine Familie in Deutschland“ (2018), „Die Rose der Welt“ (2016).

Josef Ganz (1898 – 1967), Ingenieur und Journalist, geistiger Vater des Volkswagens. Entwickelte bis 1933 rund 30 Kleinwagen für verschiedene Hersteller. Im März 1934 Emigration in die Schweiz, seit 1951 in Australien (im Bild mit seiner Naturalisierungsurkunde Anfang der 1960er Jahre). Bis zu seinem Lebensende für die Autoindustrie tätig.

 

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