Die Folgen des Wiener Kongresses Erfolgreiches Krisenmanagement - wissenschaft.de
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Die Folgen des Wiener Kongresses

Erfolgreiches Krisenmanagement

Der Wiener Kongress leitete eine 100-jährige Ära des Friedens in Europa ein. Konflikte gab es zwar weiterhin, doch entwickelten sie sich nicht zu einem den ganzen Kontinent erfassenden Flächenbrand. Dieser Erfolg hatte aber auch eine Kehrseite: die Verweigerung demokratischer Reformen im Inneren der Staaten.

Der Wiener Kongress versuchte nicht, das alte Europa wiederherzustellen. Er legitimierte vielmehr dessen Untergang und schuf eine neue europäische Ordnung. Sie beendete eine kriegsmächtige Epoche, die neue Ideen für eine bessere Zukunft erprobt und damit zugleich unsägliches Leid über die Menschen gebracht hatte. Diese Ideen ließen sich nicht mehr aus der Welt schaffen. Der Wiener Kongress suchte der explosiven Kraft, die von ihnen ausging, ein Europa entgegenzustellen, dessen Staaten sich in ihrem territorialen Bestand anerkennen, um die Gefahr einer erneuten gesamteuropäischen Erschütterung durch Krieg und Revolution zu bannen.

Dies zu verwirklichen gelang in einem erstaunlichen Maß. Mit dem Wiener Kongress begann eine 100-jährige Friedensära, die zwar weiterhin begrenzte Kriege in Europa, aber bis zum Ersten Weltkrieg keinen großen europäischen Krieg mehr sah. Selbst in den Revolutionen von 1830 und 1848 behauptete sich auf Seiten der Monarchen, aber auch bei den neuen Eliten, die nun die Schalthebel der staatlichen Macht ergriffen, der Wille zum europäischen Frieden. Das alte Europa war in Revolution und Krieg versunken, das neue Europa zeigte sich fähig, daraus zu lernen. Die fünf Großen – Russland, Großbritannien und die Habsburgermonarchie, Frankreich und Preußen – schufen ein Krisenmanagement, das den Krieg als Instrument staatlicher Politik sogar in revolutionären Zeiten wirksam begrenzte.

Dieser bedeutenden historischen Leistung steht eine Politik der Verweigerung demokratischer Reformen gegenüber, die das Kongresseuropa, das 1815 entstand, in einen Gegensatz zum Mitsprachewillen wachsender Teile der Bevölkerung brachte. Beide Seiten sind miteinander verschränkt; wer nur eine betrachtet, wird der neuen Ordnung nicht gerecht. Sie war international wie im Inneren der Staaten auf Stabi-lität angelegt: die Kräfte der Bewegung unter Kontrolle halten, nur begrenzte Veränderungen zulassen, damit keine unkontrollierbare Dynamik entsteht, die Europa erneut mit Krieg und Revolution überzieht.

Zur stärksten Herausforderung wuchs der gesellschaftliche Wille zum demokratischen Nationalstaat heran. Auf ein Europa der Nationen und der Demokratie war das Europa des Wiener Kongresses nicht vorbereitet. Sein Fundament hieß monarchische Legitimität, nicht nationale Souveränität. Doch das Kongresseuropa unter der Dominanz der fünf Großmächte lernte es, diese beiden Prinzipien, die sich auszuschließen schienen, zu verbinden, sofern die politische Stabilität des europäischen Kontinents nicht gefährdet wurde. Territoriale Unversehrtheit garantierte die europäische Ordnung des Wiener Kongresses nicht. Neue Staaten entstanden, indem bestehende getrennt oder zusammengefügt wurden. Staatsbildung ist stets mit Staatszerstörung verbunden. Das gilt auch für die Nationalstaaten, die im Europa des 19. Jahrhunderts entstanden.

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Auf dem Willen der Großmächte, diesen mi‧litärisch erzwungenen Veränderungen erneut Stabilität abzuringen, beruhte die erstaunliche Dauer der europäischen Friedensordnung des Wiener Kongresses. Sie überdauerte in ihren Grundzügen fast ein Jahrhundert, weil sie sich als anpassungsfähig erwies. Sie widerstand den Revolutionen von 1830 und 1848, weil damals keine der Großmächte versuchte, die Schwäche der anderen dazu zu nutzen, den eigenen Einflussbereich auszuweiten. Später verkraftete diese Ordnung sogar, dass Mitglieder des europäischen Fünferklubs der Macht gegeneinander Krieg führten…

Prof. Dr. Dieter Langewiesche

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