Erläuterungen zum Heft-Artikel „Indiens Bauern fordern Gentechnik“ - wissenschaft.de
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Erläuterungen zum Heft-Artikel „Indiens Bauern fordern Gentechnik“

Nutzen und Risiken der Gentechnik werden kontroves diskutiert. Deshalb stellt hier der „bild der wissenschaft“-Autor und Molekukarbiologe Ludger Weß zusätzliche Erläuterungen zu seinem Heft-Beitrag „Indiens Bauern fordern Gentechnik“ zur Verfügung.

Die Menschheit verändert das Genom von Pflanzen seit Jahrtausenden durch Zucht und hat dabei immer wieder massiv in deren Genom eingegriffen. Dabei wurden nicht nur einzelne Gene oder Genkassetten verändert, sondern ganze Chromosomen oder Chromosomensätze vervielfältigt, neu kombiniert und sogar verschiedene Arten miteinander verschmolzen. Weizen ist eine Kombination aus mindestens drei verschiedenen Arten, Reis war ursprünglich keine Wasserpflanze und Mais ein unscheinbares Gras. Alle Kohlsorten gehen auf den Wildkohl zurück. Daraus sind so unterschiedlich aussehende und schmeckende Pflanzen wie Kohlrabi, Rosenkohl, Blumenkohl, Wirsing und Grünkohl entstanden.

Diese züchterischen Veränderungen konnten sich zunutze machen, dass Pflanzen sich sehr rasch genetisch verändern, durch Mutationen ebenso wie durch mobile genetische Elemente. Im 20. Jahrhundert kam dann die Beschleunigung der natürlichen Mutationsrate durch mutagene Chemikalien oder Bestrahlung („atomic gardens“) hinzu. Gegen Ende des 20. Jahrhunderts schließlich wurde entdeckt, wie Bakterien Pflanzen genetisch verändern. Die Entdeckung führte zu Techniken, die diesen natürlichen Mechanismus ausnutzten, um neue Gene in Pflanzen einzuschleusen („grüne Gentechnik“) – etwas, das auch in der Natur vorkommt. Seit etwa einem Jahrzehnt werden – ebenfalls in Bakterien entdeckte Mechanismen – ausgenutzt, um einzelne Gene gezielt zu verändern oder um an genau vordefinierten Stellen Gene einzufügen („genome editing“).

Insofern ist es schwer zu verstehen, warum zwar drastische, dem Zufallsprinzip überlassene Eingriffe ins Genom akzeptiert sind, geplante und gezielte Eingriffe jedoch als Hochrisiko gesehen werden. Auch die neuerdings wieder viel genannten „Auskreuzungen“ an verwandte Arten sind ein Einwand, der nicht nachzuvollziehen ist. Jede neue Eigenschaft kann – vollkommen unabhängig davon, wie sie entstand – potenziell an verwandte Arten weitergegeben werden. So war die entscheidende Mutation auf dem Weg zum Brotweizen eine genetische Veränderung, die dazu führte, dass die Körner nach der Reife in der Ähre verbleiben, sodass sie bei der Ernte nicht verloren gehen. Hier würde eine „Auskreuzung“ an verwandte Gräser dazu führen, dass deren Reproduktionserfolg erheblich eingeschränkt würde. Beobachtet wurde dieses Phänomen, das theoretisch nach wie vor denkbar ist, seit mehreren tausend Jahren jedoch nicht.

Die u.a. kritischen Anmerkungen beziehen sich also auf die Pflanzensorten und ihre Eigenschaften. Sie haben mit der Technik, mit der diese Pflanzen gezüchtet wurden, nichts zu tun und sind auf alle Pflanzen(sorten) anwendbar, auch solche, die durch Zuchtverfahren ohne Gentechnik, etwa durch Mutationszüchtung oder das Einkreuzen von Genen aus Wildpflanzen resistent gegen Pflanzenkrankheiten und Schädlinge gemacht wurden. Näheres zur Resistenzproblematik habe ich anderswo aufgeführt.

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Zum Thema Gentechnik sind zahlreiche Darstellungen in Umlauf, die von gentechnikkritischen Initiativen wie dem genet(h)ischen Netzwerk, dem Verein Testbiotech e.V. oder der Seite www.keine-gentechnik.de betrieben und von Organisationen finanziert werden, die Gentechnik strikt ablehnen und Biolandbau propagieren. Meist finden sich dort starke Thesen zur Gefährlichkeit von Gentechnik, jedoch nur in wenigen Fällen Links zu wissenschaftlichen Studien, mit denen sich die Behauptungen belegen lassen. Es handelt sich bei den weiterführenden Links vorwiegend um Verweise auf Zeitungsberichte und graue Literatur von Organisationen, die Gentechnik in der Landwirtschaft ebenfalls ablehnen. Literatur mit peer review findet sich praktisch nicht darunter. Daher entsprechen die Publikation dieser Seiten nicht den Anforderungen, die ein Wissenschaftsmagazin an seine Quellen stellen sollte.

Häufige zitierte Behauptungen

Zu den wichtigsten Behauptungen im Zusammenhang mit gentechnisch veränderter Baumwolle:

„Ca. 64 % der weltweit angebauten Baumwolle war 2016 gentechnisch verändert. Meist handelt es sich um Bt-Baumwolle. Bt steht für Bacillus thuringiensis: ein Gen dieses Bakteriums wird in die Baumwollpflanze eingebaut. Dadurch produziert sie ein Gift, die die Larven des Baumwollkapselbohrers töten soll. Dafür treten jedoch vermehrt Sekundärschädlinge auf: Ist der Baumwollkapselbohrer bekämpft, freuen sich Blattläuse und Stinkwanzen und vermehren sich prächtig. Außerdem währt auch der Schutz gegen den Baumwollkapselbohrer nicht ewig. Seit 2008 werden vermehrt Resistenzen gegen das Bt-Gift festgestellt.“ (Quelle: keine-Gentechnik.de)

1. „freuen sich und vermehren sich prächtig“ ist nicht nur polemisch (freuen sich die Schädlinge wirklich?), sondern ein Strohmann-Argument. Niemand behauptet, dass die Bt-Baumwolle gegen alle Schädlinge wirkt: So wie die Masernimpfung nur gegen Masern, nicht aber gegen Kinderlähmung und Rotaviren schützt, wirkt das hoch spezifische Toxin der Bt-Baumwolle nur auf den Baumwollkapselbohrer, nicht auf andere Schädlinge wie Blattläuse und Stinkwanzen. Die Zunahme der Populationen von bestimmten anderen Baumwollschädlingen ist auch auf den verminderten Einsatz von Insektiziden zurückzuführen (Science, 2010). Eine Übersicht zur Bt-Toxin-Spezifität finden Sie hier.

2. Resistenzen gegen die Bt-Baumwolle, die in Indien beobachtet wurden, sind auf schlechtes Resistenzmanagement zurückzuführen (Crop Protection, 2018). In Australien beispielweise wurden Resistenzen bei Bt-Baumwolle wegen rigorosen Resistenzmanagements nicht beobachtet (CSIRO). Die Produktion von Giftstoffen gegen Schädlinge ist übrigens in der Natur häufig zu beobachten: so produzieren Kartoffelpflanzen das Insektizid Solanin. Auch hier gibt es bereits resistente Insekten, darunter den Kartoffelkäfer und die Kartoffelmotte. Polemisch zugespitzt: Das Konzept der Evolution bzw. der Kartoffel, Schädlinge mit hoch giftigen Insektiziden zu bekämpfen, hat versagt. Biologisch gesprochen: Resistenzentwicklung ist ein normaler evolutionärer Vorgang und wird auch in der konventionellen Pflanzenzucht, etwa bei virusresistent gezüchteten (Bio-)Obstsorten beobachtet. Bei Nutzpflanzen muss daher Resistenzmanagement betrieben und weitergezüchtet werden. Dass Resistenzmanagement bei Bt-Pflanzen erfolgreich sein kann, belegt z. B. diese Studie.

„Andere Gentechik-Baumwoll-Sorten sind resistent gegen die Pflanzengifte („Roundup Ready“) der Gentechnikfirmen. Zwar kann durch die neuen Eigenschaften der Pestizid-Verbrauch kurzfristig gesenkt werden, längerfristig steigt er jedoch wieder an, weil auch die Unkräuter unempfindlich gegen das Gift werden“ (Quelle: Keine-Gentechnik.de).

Auch das ist wieder ein Problem des Resistenzmanagements. Zu den sogenannten „Superunkräutern“ mit Glyphosatresistenz existieren zahllose Paper, die zu diesem Schluss kommen.

„Auch anderen Problemen, beispielsweise extreme Trockenheit oder zu viel Regen, können die Gentechnik-Pflanzen nicht trotzen“ (Quelle: Keine-Gentechnik.de).

Das ist ein Strohmann-Argument, denn eine solche Eigenschaft wird nirgendwo versprochen. Die Bt-Baumwolle ist resistent gegen den Baumwollkapselbohrer, nicht zugleich resistent gegen Trockenheit und Hitze.

„Um den zwangsläufig auftretenden Resistenzen Herr zu werden, wird die Baumwollpflanze mittlerweile gleich mehrfach gentechnisch manipuliert. Diese sogenannten gestapelten Merkmale sorgen dafür, dass die Baumwollpflanze sowohl ihr eigenes Bt-Gift produziert als auch resistent gegen die Spritzmittel der Gentechnikkonzerne ist.“ (…)
„Neben den USA und China ist Indien das Haupt-Anbauland für Baumwolle. Als die Bt-Baumwolle 2002 auf den Markt kam, waren die Erwartungen groß: Mehr Erträge und weniger Pestizideinsatz wurden versprochen. Millionen von indischen Bauern stellten um auf Gentechnik-Baumwolle. 2007 wurden auf über 70% der Baumwollfelder gentechnisch veränderte Pflanzen angebaut (ca. 7 Millionen ha). Doch die Erwartungen wurden nicht erfüllt und die Situation der Bauern ist prekär: In Indien ist gentechnisch verändertes Saatgut teils viermal so teuer wie konventionelles. Die ohnehin armen Bauern müssen mehr Geld ins Saatgut investieren und sind verschuldet, wenn die Ernte schlecht ausfällt. Die Abhängigkeit von Großkonzernen wird dadurch verstärkt, dass Saatgut durch Lizenzverträge immer wieder nachgekauft werden muss und nicht aus der eigenen Ernte gewonnen werden kann. (Quelle: Keine-Gentechnik.de)

Doch wo sind die Belege? Saatgut wird in Indien zumeist auf lokalen Märkten und z. T. von fliegenden Händlern verkauft. Niemand zwingt die Bauern, hochpreisiges, gentechnisch verändertes Saatgut zu kaufen oder sich gar für mehrere Ernteperioden zu einer Abnahme zu verpflichten. Wenn die Landwirte tatsächlich schlechte Erfahrungen mit Gentechnik-Saatgut machen, warum weichen sie dann nicht auf das wesentlich preiswertere konventionelle Saatgut aus oder züchten selbst?

„Außerdem fallen die Weltmarktpreise für das einst als „weißes Gold“ gepriesene Produkt beständig: Die hoch subventionierte Gentechnik-Baumwolle aus den USA und (konventionelle) aus Europa drückt die Verkaufserlöse. Viele Bauern begehen Selbstmord, weil sie aus ihrer schwierigen Lage keinen Ausweg sehen. Nicht allein die Gentechnik ist daran schuld – jedoch werden die Probleme der Landwirte durch den Anbau von Gentechnik-Pflanzen teilweise noch schlimmer. Denn der Anbau in Monokulturen fördert auch das Hungerproblem. Wurden früher gleichzeitig Gemüse und Früchte angebaut, muss heute erst die Baumwolle verkauft werden, um Nahrungsmittel zu kaufen. Dass die gentechnisch veränderte Bt-Baumwolle heute so weit verbreitet ist, führen Kritiker vor allem auf das aggressive Marketing der Konzerne und auf die Verdrängung traditioneller Sorten zurück.

Eine im Sommer 2012 viel beachtete Studie der Universität Göttingen, derzufolge Gentech-Baumwolle indischen Bauern 50% mehr Einkommen beschert habe, hatte nach Ansicht von Greenpeace-Experten und indischen Aktivisten gravierende Mängel. So sei der Anstieg bei der Baumwoll-Ernte auf die Jahre vor der Markteinführung der Gentech-Pflanzen zurückzuführen, während die Erträge in den letzten Jahren, in denen Gentechnik dominierte, stagnierten. Gleichzeitig seien jedoch die Ausgaben der Bauern für teureres Saatgut und Pestizide drastisch gestiegen. Die Göttinger Studie hatte jedoch nur die „guten Jahre“ bis 2008 beachtet.“ (…)  (Quelle: Keine-Gentechnik.de)

Belege für die Behauptung fehlen leider. Die in der Quelle angeführten Broschüren von Greenpeace bzw. indischen Anti-Gentechnik-Gruppen sind von 2006 bzw. 2012.
Eine Statistik für die Erträge (kg/ha) findet sich hier.  Danach konnten die durch die Einführung der Bt-Baumwolle drastisch gestiegenen Erträge auch nach 2008 auf dem hohen Niveau gehalten werden. Die Erträge der Jahre 2009 bis 2012 lagen nur wenig unter denen des Jahres 2008; 2013 wurde sogar eine bislang unerreichte Rekordernte erzielt. Einbrüche gab es in den Jahren 2015 und 2018.

Die Baumwollernte ist dabei von zahlreichen Faktoren abhängig. Im Jahr 2018 etwa brach die Ernte aufgrund ausbleibenden Monsunregens massiv ein. Zu den komplexen Ursachen der wiederkehrenden Krisen in der indischen Landwirtschaft hier eine Übersicht der Bundeszentrale für politische Bildung. Autor ist der indische Journalist und Agrarexperte Devinder Sharma.
Zum Einfluss der Grünen Revolution s. diese Studie (PNAS, 2012).

Zu den Bauernselbstmorden: Seit Ende der 1990er Jahre haben sich (bis 2017) etwa 3,5 Millionen Menschen in Indien das Leben genommen, darunter etwa 270.000 indische Landwirte, die meisten Kleinbauern. Die Selbstmordrate unter indischen Bauern (erst seit 1995 gibt es eine nach Berufsgruppen aufgeschlüsselte Statistik) ist im internationalen Vergleich in etwa durchschnittlich, aber sie ist innerhalb Indiens nicht gleichmäßig verteilt. Es gibt eine Häufung in fünf der 28 indischen Bundesstaaten. (Quelle: Journal of Developing Areas, 2014; The Economist). Die Gründe dafür waren Gegenstand zahlreicher Untersuchungen: Danach ist Überschuldung eine wichtige Ursache. Sie hängt ihrerseits mit der Struktur der indischen Landwirtschaft zusammen. (Finanz)politische Entscheidungen und Korruption tragen ebenso dazu bei wie das indische Bankenwesen, das Wetter und die Preisentwicklung von Saatgut, Pflanzenschutzmitteln und landwirtschaftlichen Produkten.

Wesentlicher Faktor waren die Mitte der 1990er Jahre einsetzenden Finanzreformen, die Investitionen in produktivere ökonomische Aktivitäten als in die Landwirtschaft lenken sollten. Viele Banken begannen daraufhin, Kredite für Landwirte zu verteuern oder zu verweigern. Es gab Regionen, in denen Kleinbauern mit ein bis zwei Hektar Land keine Kredite bei Banken mehr erhielten, so dass sie sich an private Geldverleiher wenden mussten, die sehr hohe Zinsen verlangen. Bauern mit mehr Land erhielten zwar Geld von den Banken, mussten aber oft höhere Zinsen zahlen als andere Geschäftsleute. In diesen Bundesstaaten stieg die Selbstmordraten; in Bundesstaaten, in denen die Lokalregierungen beispielsweise über die Ausgabe von Kreditkarten an Bauern einen leichten Zugang zu Krediten ermöglichten, blieben die Selbstmordraten niedrig. (IFPRI Discussion Paper 2008)

Ein Zusammenhang mit der Einführung gentechnisch veränderter Baumwolle, der oft behauptet wird, besteht dagegen nicht. In den Bundesstaaten Madhya Pradesh und Karnataka, die zu den wichtigen Baumwollanbaugebieten zählen, sank die Selbstmordrate nach der Einführung der Bt-Baumwolle. In Gegenden, in denen die Selbstmordrate hoch blieb, wurde dagegen keine Baumwolle angebaut (Quelle : IFPR ebd.; Journal of Developing Areas, 2014). Zu den Selbstmorden und dem unterstellten Zusammenhang zur Bt-Baumwolle hier eine Auswahl von Studien: https://rss.onlinelibrary.wiley.com/doi/full/10.1111/j.1740-9713.2014.00719.x
http://casi.sas.upenn.edu/iit/rherring
https://www.tandfonline.com/doi/abs/10.1080/00220388.2010.492863

„Weniger als 1% der Baumwolle weltweit kommt aus ökologischem Anbau (Stand 2012). Die Vorteile der Bio-Baumwolle liegen jedoch auf der Hand. Wer Bio-Baumwolle anbaut muss eine Fruchtfolge einhalten, um so die Schädlinge besser in Schach zu halten. Nach einem Jahr Baumwolle werden im nächsten Jahr Bohnen, Erbsen oder eine andere Nahrungsfrucht angebaut. So können sich die Böden erholen und gleichzeitig produzieren die Bauern ihre eigenen Lebensmittel. Außerdem bleibt Dünger im Boden.“ (Quelle: Keine-Gentechnik.de)

Der „Informationsdienst Gentechnik“ ist, wie Untertitel („Kritische Nachrichten zur Gentechnik in der Landwirtschaft“) und Domain-Name schon sagt, keine verlässliche Quelle und dass die Vorzüge der Bio-Baumwolle hier in rosigen Farben geschildert werden, verwundert nicht. Die Webseite wird von Organisationen betrieben und finanziert, die die Anwendung von Gentechnik in der Pflanzenzucht strikt ablehnen und stattdessen Lobbyismus für den Biolandbau betreiben. Dazu gehören mehrere anthroposophische Einrichtungen (Demeter, GLS, IG Saatgut), die magische Praktiken bei Anbau und Pflanzenzucht propagieren: Eurythmie, homöopathische Potenzierungen und kosmische Kräfte, die über den Winter „gesammelt“ werden.

Mag sein, dass die Bio-Baumwolle auf den Feldern für mehr Biodiversität sorgt; sie hat hingegen den gravierenden Nachteil, dass für den gleichen Ertrag wesentlich mehr Fläche benötigt wird, da die Ernten z. T. um 29% unter den Erträgen konventionell angebauter Baumwolle liegen. Global betrachtet würde das zu einer erheblichen Ausweitung der Anbaufläche führen müssen – zu Lasten von bislang landwirtschaftlich anders oder nicht genutzten Flächen (PLOS ONE, 2013). Die im indischen Bundesstaat Sikkim 2010 angeordnete Umstellung der gesamten Landwirtschaft auf Bioanbau, einschließlich des Verbots von synthetischen Pflanzenschutzmitteln und Mineraldünger, ist aus eben diesen Gründen gescheitert, und das, obwohl Sikkim ohnehin ein Agrarstaat ist, in dem die Landwirtschaft mit sehr viel Handarbeit auf kleinen Parzellen betrieben wird. Die Regierung, die diese Umstellung anordnete, wurde abgewählt. Die neue Regierung hat die Zwangsmaßnahmen beendet  (Hindustan Times). Der Anbau von Bio-Baumwolle in Indien stagniert vor allem wegen des Preisverfalls (Indian Farming, 2019)

„Weil sich Schädlinge an das Gift der Gentechnik-Baumwollpflanzen anpassen, verzeichnen indische Bauern niedrigere Ernten. Zusammen mit Unternehmen und Forschungsinstituten hat die Regierung daher offenbar beschlossen, einheimische Baumwollsorten zu fördern. Wie die Nachrichtenagentur Press Trust of India (PTI) letzte Woche meldete, will das Agrarministerium den Anbau von altbewährter „Desi“-Baumwolle wieder populär machen. Vor Einführung gentechnisch veränderter Varianten – die meisten stammen vom US-Saatgutriesen Monsanto und sondern ein Insektizid ab – wuchs sie auf rund einem Viertel der Baumwollflächen. Nun sollen sie ein Comeback feiern dürfen. In einigen Bundesstaaten des Subkontinents beginnt im April die Baumwoll-Aussaat, andere folgen mit dem Einsetzen des Monsuns im Juni, so PTI. Zwar falle die Ernte bei den heimischen Sorten laut Agraroffiziellen etwas niedriger aus – dafür könnten die Bauern aber an Pestiziden sparen und das Saatgut für das folgende Jahr aus der eigenen Ernte gewinnen. Beim patentierten Gentechnik-Saatgut ist das verboten.“ (Quelle: Keine-Gentechnik.de)

Solche Entwicklungen sind das Schicksal aller Sorten, die durch Züchtung gegen Schädlinge oder Erkrankungen resistent gemacht wurden. Deshalb müssen Sorten weitergezüchtet und immer wieder neu angepasst werden. Was belegt das zum Thema Gentechnik? Bedeutet die Verbreitung antibiotikaresistenter Bakterien, dass die moderne Medizin gescheitert ist und im Umkehrschluss, dass Homöopathie wirkt? Burkina Faso, das die Bt-Baumwolle wieder abschaffte (obwohl sie erfolgreich war, wie diese Studie und dieser Buchbeitrag darlegen), diskutiert inzwischen über deren erneute Wiedereinführung, nachdem die Erträge dramatisch gefallen sind (Aouaga.com).

Auch Wissenschaftler wie der Direktor des Central Institute for Cotton Research (CICR), K.R. Kranthi, empfehlen eine Rückkehr zu heimischen Baumwoll-Sorten. Die Kosten pro Hektar seien seit Einführung der Gentech-Varianten stark gestiegen, schrieb der Experte letztes Jahr: von 16.000 Rupien pro Hektar im Jahr 2002 auf über 70.000 Rupien neun Jahre später. Er ist kein ausgemachter Gentechnik-Gegner – noch 2012 hatte er sich zur Bt-Baumwolle (Bt steht für die eingeführte Bakterien-DNA, die für die Giftproduktion sorgt) positiv geäußert.
Schon seit zwei oder drei Jahren fragten Bauern verstärkt nach den heimischen Desi-Baumwoll-Sorten, so Kranthi im Juli 2015. Allerdings gebe es zu wenig Saatgut auf dem lokalen Markt. Staatliche Züchtungsinstitutionen müssten daher die Produktion steigern. Viele indische Saatgutproduzenten sind in den letzten Jahren von Konzernen wie Monsanto oder Bayer aufgekauft worden – diese können dadurch auch Konkurrenz für ihr eigenes, gentechnisch verändertes Saatgut aus dem Weg räumen.“ (Quelle: Keine-Gentechnik.de)

„Die Baumwollfarmer in Texas und anderen Bundesstaaten im Süden der USA könnten in diesem Jahr große Probleme mit dem Baumwollkapselbohrer bekommen, warnt Insektenforscher David Kern von der texanischen A&M-Universität. Denn der Nachtfalter mit seinen gefräßigen Raupen wird zunehmend immun gegen die Gifte der gentechnisch veränderten (gv-) Baumwollpflanzen. Die in den USA angebaute gv-Baumwolle produziert Bt-Toxine, das sind Insektengifte, die die Raupen der Falter töten. Bt steht für Bacillus thuringiensis, der diese Gifte produziert. Die erste Generation dieser Baumwoll-Pflanzen, etwa Bollguard I von Monsanto, beschränkte sich auf ein Toxin, Cry1Ac genannt. Da immer mehr Kapselbohrer dagegen resistent wurden, brachten Monsanto und die Mitbewerber neue Pflanzen auf den Markt, die zusätzlich Cry 2 – Toxine produzierten.

Insektenforscher Kern stellte nun fest, dass die von ihm untersuchten Populationen des Schädlings in den südlichen Bundesstaaten fast alle gegen das Bt-Toxin Cry1Ac resistent waren. „70 bis 75 Prozent dieser Populationen zeigen auch eine Resistenz gegenüber den Cry2 Toxinen”, sagte Kern dem Magazin Cotton Grower. Ebenso von Resistenzen betroffen seien Pflanzen mit den Toxinen Cry1Ac and Cry1F. Laut Kern ist die einzige noch wirksame Variante derzeit das Bt-Toxin Vip3A, das ebenfalls von Monsanto entwickelt und in die neueste Generation von Gentech-Baumwolle (Bollguard III) eingebaut wurde. Doch sei dieses Toxin in gv-Baumwolle weniger effektiv als im gv-Mais. Der Insektenforscher empfiehlt den Landwirten deshalb zu beobachten, ob sich der Schädling in den Feldern breit macht und ihn dann mit Pestiziden zu bekämpfen.

Wissenschaftler der australischen Risikobewertungsbehörde CSIRO warnen, dass auf die Landwirte in den USA (und anderswo) noch eine weit größere Bedrohung zukommen könnte. Denn der in Amerika heimische Kapselbohrer (Helicoverpa zea) kann sich mit der nahe verwandten und in Europa und Asien vorkommenden Baumwollkapsel-Eule (Helicoverpa armigera) paaren. Erste Hybride mit dem Erbgut beider Arten haben die Wissenschaftler in Brasilien gefunden. Helicoverpa armigera sei berüchtigt dafür, dass sie sehr schnell Resistenzen entwickle und diese auch weitergebe. Zudem könne sie weitaus mehr Pflanzenarten schädigen als der Kapselbohrer, heißt es in der Studie der Australier. Wenn sich diese Hybriden als eigene Art etablieren, würde dieser Mega-Schädling eine Bedrohung der Ernten in Amerika und darüber hinaus bedeuten. Zwei Drittel der US-Ernte könnten betroffen sein, warnte CSIRO.
Meldungen über Bt-resistente Schädlinge gibt es seit inzwischen zehn Jahren: Sie betreffen nicht nur den Baumwollkapselbohrer, sondern auch andere Arten wie den Baumwollkapselwurm, den Heerwurm oder den Maiswurzelbohrer. Schon vor zwei Jahren verkündeten deshalb Wissenschaftler der Texas A&M Universität das Ende der gentechnisch veränderten Bt-Pflanzen. „Cry-Toxine hatte ihre Berechtigung und sie werden noch eine ganze Weile angewendet werden, aber die Ära der Cry-Toxine scheint dem Ende zuzugehen.“ (Quelle: Keine-Gentechnik.de)

Wie bereits oben geschildert, ist die Entwicklung von Resistenzen ein normaler biologischer Vorgang, der durch Resistenzmanagement verzögert, aber auf lange Sicht nicht verhindert werden kann. Das betrifft auch Ökosorten, denen Resistenzen aus Wildpflanzen oder alten Sorten eingekreuzt wurden. Deswegen auf die Zucht robuster Pflanzen zu verzichten, hätte verheerende Folgen für die Welternährung und wäre ähnlich absurd wie eine Forderung nach Abschaffung aller Antibiotika und Desinfektionsmittel, weil die Erreger ohnehin resistent werden (tatsächlich existieren bereits Bakterien mit Resistenz gegen Desinfektionsmittel). Auch Biolandbau kann nicht auf die Entwicklung neuer Sorten verzichten – es sei denn, er nimmt hohe Ernteverluste in Kauf, die in schlechten Jahren auch Totalausfall bedeuten kann.

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