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Die neolithische Revolution: Grundlage der modernen Zivilisation

Ernten, wo man nicht gesät hat?

In der jüdisch-christlichen Religion lebte der Mensch am Anfang seines Daseins im Paradies. Könnte diese Vorstellung, so wird neuerdings diskutiert, einen realen Kern haben? Was aber haben wir uns dann unter Paradies vorzustellen? Und was kam danach?

Seit der berühmte Prähistoriker Gordon Childe 1925 den Begriff der Neolithischen Revolution prägte, beherrscht dieses „Ereignis“ die Diskussion um die Veränderungen der menschlichen Lebensweise in der Zeit um die Wende von der letzten Eiszeit zur jetzigen Warmzeit. Man kann sich zwar fragen, ob Veränderungen als „Revolution“ bezeichnet werden können, wenn sie sich über mehrere Jahrtausende erstreckten. Doch der Begriff der Neolithischen Revolution ist inzwischen so im Gedankengebäude der Urgeschichtswissenschaften verankert, daß er nicht mehr wegzudenken ist.

Entstanden ist er zunächst als Parallelbezeichnung zur Industriellen Revolution der Neuzeit. Auch hier handelt es sich ja nicht um eine Revolution im Sinn eines plötzlichen Umsturzes, sondern um tiefgreifende Wandlungen der menschlichen Lebensweise, die sich auf alle Bereiche unserer Existenz auswirken – Wandlungen, die bei genauer Betrachtung noch nicht abgeschlossen sind und deren volle Auswirkungen vermutlich ebenfalls erst aus dem Abstand weiterer Jahrtausende wirklich zu beurteilen sein werden. So gesehen ist es sicherlich richtig, wenn wir die Vorgänge, die unter dem Begriff Neolithische Revolution zusammengefaßt sind, aus heutiger Sicht zu einem wichtigen Entwicklungsschritt bündeln und ihn als eine Art Revolution betrachten.

Auch aus der umgekehrten Blickrichtung erscheint der Begriff „Revolution“ hier durchaus angebracht: Rund zwei Millionen Jahre lang lebten frühe Menschen als Jäger und Sammler, ohne daß sich in diesem unvorstellbar langen Zeitraum ihre Lebensweise grundlegend verändert hätte. Mit dem Ende der letzten Eiszeit setzten dann vor etwas mehr als 12 000 Jahren in rascher Folge die Wandlungen ein, die die existentiellen Grundlagen unserer heutigen Lebensform hervorgebracht haben. Auf die Entstehung der geplanten Nahrungsproduktion folgte die Seßhaftigkeit und damit die kontinuierliche Weiterentwicklung der Architektur. Aus der Nutzung von Feuer zum Heizen und für die Zubereitung der Nahrung entwickelte sich eine regelrechte Pyrotechnologie – zuerst zum Brennen von Keramik, aber bald auch zum Erschmelzen und Formen von metallischen Werkstoffen.

Die Auswirkungen dieser Veränderungen auf die menschliche Gesellschaft – Entstehung von Dörfern, Städten, Staaten und differenzierten Hierarchien – sollen hier nur angedeutet werden. Wandlungen, die ursächlich auf der Neolithischen Revolution basieren, folgten Schlag auf Schlag bis in die heutige Zeit, und ein Ende ist nicht abzusehen. Insofern begann mit der Neolithischen Revolution tatsächlich eine fundamentale Umwälzung der menschlichen Lebensweise. Das Interesse von Urgeschichtswissenschaft und aufgeschlossener Öffentlichkeit an den Ursachen dieser Entwicklung ist daher nur allzu verständlich.

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Das Zusammenfallen der Neolithischen Revolution mit dem Ende einer Eiszeit läßt naturgemäß an einen ursächlichen Zusammenhang denken. Aber ganz so einfach ist es nicht: Auch vorher hatte die Menschheit schon solche starken Klimaänderungen erlebt, ohne daß sie zu revolutionären Veränderungen ihrer Lebensweise angestachelt worden wäre. Man wird annehmen dürfen, daß auch die physische und geistige Entwicklung des Menschen eine Rolle gespielt hat. Zwar gab es den „anatomisch modernen Menschen“ – wie man heute den Homo sapiens im Gegensatz zum Neandertaler oder zu anderen Frühmenschen meist bezeichnet – auch schon zur Zeit des vorletzten Wechsels von einer Eiszeit zu einer Warmzeit vor rund 120 000 bis 130 000 Jahren. Aber damals lebte er noch ausschließlich im tropischen Afrika, wo sich der Klimawandel sicher weniger bemerkbar machte als im sogenannten Fruchtbaren Halbmond, wo mehr als 100 000 Jahre später die Neolithische Revolution stattfand.

Bereits vor dem Höhepunkt der letzten Eiszeit vor 18 000 bis 20 000 Jahren hatte der moderne Mensch nicht nur die Arabische Halbinsel erobert, sondern auch längst in ganz Europa Fuß gefaßt, soweit es damals eisfrei war. Er hatte Südasien und die Inselwelt zwischen Indischem und Pazifischem Ozean einschließlich Australiens erobert und sich im gemäßigten Teil Ostasiens bis zur Ostspitze des Kontinents ausgebreitet, von wo aus er damals gerade dabei war, die beiden amerikanischen Kontinente zu bevölkern. Der letzte große Klimawandel betraf das menschliche Leben also nicht nur in engbegrenzten Regionen, sondern auf breiter Front und in den unterschiedlichsten geographischen Gebieten, welche die Erde zu bieten hat. Wäre die Neolithisierung daher allein durch den Klimawandel ausgelöst worden, dann hätten sich die anschließenden Veränderungen unmittelbar in einem viel größeren Gebiet auswirken müssen.

Um zu erkennen, welche weiteren Umweltfaktoren an der Neolithischen Revolution beteiligt waren, muß man sich genauer damit auseinandersetzen, was diese Umwälzung im einzelnen bewirkt hat: Sie ließ aus Jägern und Sammlern Ackerbauern und Viehzüchter werden. Wobei der Ackerbau mit einer eng begrenzten Auswahl von Nutzpflanzen begann und die Viehzucht sich auf nur zwei Tierarten beschränkte: Bei den Pflanzen waren dies neben Hülsenfrüchten ein paar Getreidearten, bei den Tieren waren es das Schaf und die Ziege. Wenn man sich die natürlichen Verbreitungsgebiete dieser Pflanzen- und Tierarten vor der Zeit ihrer Kultivation und Zähmung ansieht, so überlappen sie sich in genau jenem Areal, das man heute als Fruchtbaren Halbmond bezeichnet. Da Wildschaf und Wildziege aber auch in einem weit darüber hinausgehenden Gebiet vorkommen, kann man nur die Verbreitungsgebiete der Wildformen früh kultivierter Pflanzen für die enge Begrenzung der Gegend verantwortlich machen, in der die Neolithische Revolution ihren Anfang nahm.

Man darf annehmen, daß frühe Menschen schon lange vor dem Ende der letzten Eiszeit herausgefunden hatten, daß die Samenkörner mancher Gräser eßbar sind. Wo immer sie diese Körner fanden, werden sie sie als Nahrungszusatz verwendet haben – und wenn an manchen Standorten größere Mengen davon zu finden waren, konnte man eine Weile dort bleiben und hatte eine Nahrungsbasis, die man mit der weniger verläßlich zu erwartenden Jagdbeute anreichern konnte. Umfangreiche Hinweise auf die Nutzung verschiedenster Wildpflanzen fanden sich in Israel, im Südwestzipfel des Fruchtbaren Halbmonds, schon für die Zeit kurz nach dem Kältemaximum der letzten Eiszeit, so für die stärkereichen Körner der Wildgetreide und für die Früchte wilder Hülsenfrüchte…

Thesen zur Entstehung von Landwirtschaft Wir wissen heute nicht, warum die Jäger und Sammler sich zu Viehzüchtern und Ackerbauern wandelten, obwohl der dabei erforderliche Einsatz an Arbeitskraft ja deutlich höher war: Der Boden mußte bestellt und für die Tiere das Futter für die kalte Jahreszeit beschafft und gelagert werden. Könnte also der Zwang zu Ackerbau und Viehzucht von einer Klimaverschlechterung ausgegangen sein? Dann aber sollte man vermuten, daß der Übergang zu den neuen landwirtschaftlichen Methoden sich in Anatolien gleichförmig ausbreitete – was jedoch nicht der Fall war.

Die Forschung vermutet alternativ einen Bevölkerungsanstieg als Auslöser: Für eine wachsende Bevölkerung in den auf Dauer angelegten Dorfgemeinschaften könnten der Anbau von Feldfrüchten und die Viehhaltung die einzigen Möglichkeiten gewesen sein, die Nahrungsversorgung dauerhaft zu sichern.

Prof. Dr. Hans-Peter Uerpmann

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