Die Religion der Etrusker Familien, beim Totenmahl vereint - wissenschaft.de
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Die Religion der Etrusker

Familien, beim Totenmahl vereint

Anders als Griechen und Römer glaubten Etrusker, den Götterwillen nicht nur erkennen, sondern auch beeinflussen zu können. Typisch für ihre religiöse Vorstellung ist zudem die Überzeugung, daß man nach dem Tod mit den Vorfahren vereint werde.

Die Religion ist der Bereich der Etrusker, über den wir – neben den Kunstwerken – am besten unterrichtet sind. Dies verdanken wir zahlreichen Hinweisen römischer Autoren, die besonders jene Aspekte der etruskischen Religion hervorhoben, die sich von römischen Vorstellungen unterschieden. Hier ist vor allem die „Disciplina Etrusca“ zu nennen. Die-se – ebenfalls nur bruchstückhaft durch römische Autoren wie Varro, Festus oder Cicero bekannte – Niederschrift des religiösen Wissens der Etrusker umfaßte vor allem die Bereiche der Blitzlehre, der Leber- bzw. Eingeweideschau sowie Ritualbücher. Sie war also vor allem auf die Kultpraxis konzentriert. Ihr eigentlicher Sinn war der korrekte Umgang mit dem Götterwillen, denn nach etruskischer Vorstellung standen die Götter in ständigem Kontakt mit der irdischen Welt, und ihr Einfluß erstreckte sich ebenso auf den Staat als Ganzes wie auf das Schicksal des einzelnen.

Den Götterwillen zu erkennen und zu deuten – wenn möglich sogar zu beeinflussen – war das zentrale Anliegen der etruskischen Religion. Wichtigste Medien hierfür bildeten die Sichtung und Deutung von Eingeweiden, besonders der Leber bestimmter Tiere, die Deutung des Blitzes und das auspicium, das Einholen des Götterwillens durch die Beobachtung des Vogelflugs. Es scheint einen grundlegenden Unterschied zwischen etruskischen und römischen Praktiken gegeben zu haben: Während die römischen Auguren von den Göttern nur Zeichen ihrer Zustimmung oder Ablehnung erfahren konnten – etwa anläßlich eines bevorstehenden Krieges oder der Ernennung von hohen Staatsbeamten –, besaßen die etruskischen haruspices, wie die Priester genannt wurden, die Fähigkeit, in direkte Kommunikation mit den jenseitigen Mächten zu treten: Sie konnten auf diese Weise über zukünftige Ereignisse informiert werden oder sogar mit der Götterwelt in Verhandlungen treten. So war es zum Beispiel möglich, den Tod des einzelnen um zehn oder den des Volkes um 30 Jahre hinauszuzögern. Den ersten Aufschub bewilligte Tinia, der höchste der etruskischen Götter, für den zweiten waren die noch über den Göttern waltenden Moiren zuständig, deren Namen auszusprechen den Etruskern nicht erlaubt war.

Die Vorstellung, daß das Leben vorherbestimmt begrenzt sei, war Bestandteil der Lehre von den Saecula: Wie der Mensch verschiedene Altersstufen durchlebt und im Tod endet, so ist auch die Existenz einer ganzen Nation zeitlich festgelegt und umfaßt in gleicher Weise das Wachsen, das Blühen und den Untergang. Für die Existenz des etruskischen Volkes waren acht – nach anderer Überlieferung zehn – Jahrhunderte (saecula) festgelegt. In der etruskischen Lehre bestand ein Saeculum nicht, wie später in Rom, aus 100 Jahren, sondern reichte vom Ende des vorausgehenden Saeculums bis zu dem Zeitpunkt, an dem der letzte derer verstarb, die zu Beginn des Saeculums am Leben gewesen waren. Da sich dies nicht durch einfaches Zählen feststellen ließ, konnte das Ende eines Saeculums nur durch göttliche Zeichen, wie Blitze, festgestellt werden. Laut Varro, einem römischen Schriftsteller zu Beginn des 1. Jahrhunderts v. Chr., dauerten die ersten vier Saecula jeweils 100 Jahre, das fünfte war 123 Jahre lang, das sechste und das siebte dauerten 119 Jahre, das achte war zur Zeit der Aufzeichnung gerade im Gang, ein neuntes und ein zehntes stünden noch bevor, und nach deren Ablauf sei auch das Ende der etruskischen Nation gekommen.

Der Schematismus eines solchen Systems ist evident, doch lohnt der Hinweis, daß die aus der Saecula-Lehre errechenbaren Daten der Realität durchaus nahe kommen. Für das Ende des etruskischen Volkes läßt sich daraus etwa das Jahr 100 v. Chr. ermitteln: Geht man von acht Saecula aus, so errechnet sich der Beginn der etruskischen Geschichte auf etwa um 1000, geht man von zehn Saecula aus, ergibt sich eine Existenzdauer der Etrusker von etwa 1200 bis 100: Nach heutigem Kenntnisstand stehen beide Zeiträume zur Diskussion.

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Die etruskische Religion ist eine Offenbarungsreligion wie das Chri-stentum oder der Islam, das heißt, der göttliche Willen bzw. das Wissen über das Göttliche wurde den Menschen direkt vermittelt. Im Fall der Etrusker ist dies eng verknüpft mit dem Gründungsmythos von Tarquinia, der ältesten Stadt Etruriens. Dort soll ein Bauer namens Tarchon ein menschliches Wesen mit dem Körper eines Kleinkindes und dem Kopf eines Greises aus dem Erdboden gepflügt haben. Dieses Erdwesen, Tages genannt, soll dem herbeieilenden etruskischen lukumo (König) jene religiösen Offenbarungen übermittelt haben, die aufgezeichnet wurden und als Grundlage der „Disciplina Etrusca“ dienten. Nach Tarchon, ihrem Begründer und ersten Priester, soll die Stadt Tarquinia ihren Namen erhalten haben. Auf diesen Gründungsmythos spielt offensichtlich ein etruskischer Spiegel aus Tuscania an. Er zeigt einen haruspex in Aktion, umgeben von Göttern und Priestern – darunter auch einen gewissen Avl Tarchunies, offensichtlich Tarchon –, die gebannt der Weissagung folgen…

Prof. Dr. Friedhelm Prayon

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