Alltag und Feste Fisch war das wichtigste Grundnahrungsmittel - wissenschaft.de
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Alltag und Feste

Fisch war das wichtigste Grundnahrungsmittel

Das Jahr der Wikinger war geprägt durch den saisonalen Rhythmus der Landwirtschaft, die kurzen Sommer für Schiffsreisen und den Thingbesuch sowie die in den Quellen gut belegten Herbst- und Julfeste.

Vor allem arabischen Augenzeugen hatten es die Feste der wikingerzeitlichen Skandinavier angetan. So berichtet der Reisende al Tartushi aus dem Kalifat Córdoba um 950 über die Stadt Haithabu: „Sie halten ein Fest, bei dem sie sich zu Ehren ihres Gottes versammeln und essen und trinken. Jeder, der ein Tier als Opfer schlachtet, hat ein Holzgestell vor seiner Haustüre und hängt das Opfertier dort auf, ob es nun Ochse oder Widder, Geißbock oder Eber ist, damit die Leute wissen, daß er ein Opfer zu Ehren seines Gottes abhält.“ Trotz ihrer Kürze enthält die Schilderung Elemente, die wir auch aus späteren Darstellungen kennen: Opferfeiern zu Ehren eines Gottes, bei denen männliche Tiere geschlachtet werden und bei denen in erster Linie gegessen und getrunken wird.

In der Sagaliteratur des 12. und 13. Jahrhunderts finden sich zahlreiche Beschreibungen. Deren Ablauf dürfte sich nicht wesentlich von wikingerzeitlichen unterschieden haben. Weitgehend unverändert und vielfach belegt ist die Sitzordnung im Langhaus: Im sogenannten Hochsitz saß der Hausherr, daneben seine ranghöchsten Vertrauten oder Freunde. An den Tischenden saßen dann die rangniedrigsten Haushaltsmitglieder. Die Gäste wurden auf der gegenüberliegenden Tischseite plaziert, wiederum der ranghöchste in der Mitte, gegenüber dem Hausherrn.

Während der Mahlzeit wurden vorübergehend Tische vor die Bänke gestellt, von denen – wie im Mittelalter üblich – mit Fingern und Messern gegessen wurde. Auch Molkereiprodukte wie das isländische „skyr“ (entrahmte Magermilch, die mit Kalbslab und Käsebakterien versetzt wird) und Suppen wurden direkt aus der Schüssel getrunken, da Löffel selten waren. Zu Gesottenem und am Spieß gerösteten Fleisch gab es Brot, Fisch und Getreidebreie.

Nach der Mahlzeit wurden die Tische wieder entfernt, bevor als Höhepunkt jeder Festivität das „ernsthafte“ Trinken begann. Getrunken wurde dabei vor allem aus Hörnern oder aus gläsernen Sturzbechern ausländischer Herkunft, hauptsächlich selbstgebrautes Bier, viel seltener importierter oder erbeuteter Wein. Daneben sind an einheimischen Produkten Beerenweine und Met (Honigwein) zu erwähnen, der zwar in Mythologie und Dichtung eine große Rolle gespielt hat, aber kaum in großen Mengen produziert werden konnte und damit ein der Götter würdiges Luxusgut war. Daß die Trinkfestigkeit ein wesentlicher Bestandteil sozialen Ansehens war, geht aus zahlreichen literarischen Quellen hervor. Bisweilen wurde fast bis zur Bewußtlosigkeit getrunken, wie nicht nur die Sagas, sondern auch zeitgenössische lateinische Texte belegen.

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Unter Alkoholeinfluß kam es dann zu verschiedenen Arten der Abendunterhaltung. Großer Beliebtheit erfreuten sich gegenseitige Spott- oder Prahlverse, aber auch weniger zivilisierte Vergnügungen wie das Werfen von abgenagten Knochen. Gerade bei den länger andauernden Julfesten ist darüber hinaus von anderen, eher sportlichen Wettkämpfen die Rede. Dazu gehörte neben Ringen, Wettschwimmen und Wettlauf auch der Steinwurf. Körperliche Ertüchtigung stand bei den Wikingern in so hohem Ansehen, daß es auch für einen König nicht unter seiner Würde war, sich mit den eigenen Kriegern in Wettschwimmen und -tauchen zu messen. Den archäologischen Funden zufolge waren aber auch Brettspiele wie Schach und Mühle bei den Wikingern verbreitet. Ebenso fanden die Archäologen Spielwürfel aus Elfenbein.

So gut wie gar nichts wissen wir über die Musik der Wikingerzeit. Als sicher kann die Existenz von Tänzen gelten. An Musikinstrumenten waren in Skandinavien zweilöchrige Flöten aus Seeadlerknochen (gefunden in Haithabu und Birka) sowie die Leier bekannt. Zu den beliebtesten Formen der Unterhaltungen gehörte der Vortrag von Gedichten und das Erzählen von Geschichten. Auch scheinen Rätselfragen in gebundener und freier Form verbreitet gewesen zu sein.

Das Schnitzen von Spielzeugen – es haben sich hölzerne Modellboote, Miniaturwaffen und Spielzeugtiere erhalten – war ein beliebter Zeitvertreib. Die geschnitzten Betten, Schlitten und Stühle des Osebergfundes legen beredtes Zeugnis vom hohen Stand der Holzschnitzkunst ab. Auch gab es großformatige Schnitzereien als Wandschmuck und kunstvoll geschnitzte Kirchentüren. Darüber hinaus wurden Behänge und Teppiche zur Dekoration der Häuser verwendet. Webstühle dürfte es in jedem größeren Hof gegeben haben.

Das typische Langhaus zeichnet sich durch einen langgestreckten Zentralraum aus, in dessen Mitte ein Langfeuer verlief. Niedrige Holzpodeste an den Wänden dienten als Sitzgelegenheiten und Nachtlager. Nur bei größeren, alleinstehenden Bauernhöfen finden sich vereinzelt Nebenräume als Schlafkammer des Hausherrn, als Räume zur Milchverarbeitung oder auch Abtritte. In aller Regel aber dienten die städtischen Langhäuser wie die Langhäuser der Bauernhöfe als Wohn- und Schlafraum, ein Ende bisweilen als Viehstall. In den städtischen Siedlungen, deren Wirtschaftsleben von handwerklicher Tätigkeit und Handel geprägt war, fanden sich auch keine separaten Werkstätten.

Die Metallverarbeitung umspannte die ganze Bandbreite von der Waffenproduktion bis zu äußerst filigranen Gold- und Silberschmiedearbeiten, die zum Teil die Kenntnis des Drahtwalzens und die Möglichkeiten zur Erzeugung sehr hoher Brenntemperaturen für Schmelzprozesse voraussetzten. Die internationalen Einflüsse und die offenbar ausreichend vorhandenen Edelmetalle reichen als Erklärung für die hochstehende wikingerzeitliche Goldschmiedekunst nicht aus. Neben der reichlichen Zeit vor allem in den Wintermonaten war es ein ausgeprägter Formwille, eine Lust am Design, die die Wikingerzeit prägte; Äxte, Schlitten und Schiffe wurden reich verziert. Die Schilderungen großer Feste dürfen aber nicht darüber hinwegtäuschen, daß der wikingische Alltag anders aussah. Nicht nur Sandstürme und Sturmfluten gefährdeten das Leben der Bauern. Bereits kleinere Klimaschwankungen, mehrere kühle und regnerische Sommer hintereinander konnten das Einbringen einer ausreichenden Menge Heu als Winterfutter für die Tiere verhindern.

Das wichtigste Grundnahrungsmittel war selbst in Großstädten wie Haithabu Fisch, vor allem Hering. An Fleisch wurde vornehmlich Schweinefleisch gegessen, dann erst Rindfleisch, während Schafe und Geflügel offenbar weniger beliebt waren. Wild spielte eine nur ganz geringe Rolle. Zur Alltagsnahrung gehörten aber auch Vogeleier, deren Sammeln auf den Atlantikinseln mit einiger Gefahr verbunden war. Wildfrüchte (darunter wilde Äpfel), Beeren und Nüsse dienten zur Ergänzung der Grundnahrung. Hülsenfrüchte hatten in Nordeuropa eine vergleichsweise geringe Bedeutung.

Der Beitrag beruht auf einer Zusammenfassung des Kapitels „Alltag und Feste“ aus dem sehr lesenswerten Buch „Die Wikinger“ von Rudolf Simek, erschienen in der Reihe „Wissen“ des C. H. Beck Verlags, München 1998.

Prof. Dr. Rudolf Simek

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