Winzeraufstand im Languedoc Frankreichs letzte große Bauernrevolte - wissenschaft.de
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Winzeraufstand im Languedoc

Frankreichs letzte große Bauernrevolte

Was als Protest gegen den Verfall der Weinpreise begann, führte im Languedoc 1907 zu einer Revolte, in der sich sozialistische Ideen mit der Forderung nach Autonomie verbanden. Erinnerungen an die Kreuzzüge wurden wach, in denen das Königreich die Grafschaften des Südens unterworfen hatte.

Es ist der 11. März 1907: Ein paar Dutzend Winzer aus dem Dorf Argeliers machen sich auf nach Narbonne. In der alten Bischofsstadt tagt eine parlamentarische Kommission, um die gravierende Weinabsatzkrise der Region Languedoc-Roussillon zu untersuchen. Die Weinpreise befinden sich im freien Fall. War der Hektoliter um 1880 noch 30 Francs wert, erzielte man 1901 nur noch acht Francs, die Hälfte des damaligen Selbstkostenpreises. Nun, im Jahr 1907, sind es gerade noch 50 Centimes. Die Winzer, angeführt von Marcelin Albert, übergeben dem Ausschuss eine Petition: Sie reklamieren das Recht, von ihrer Arbeit leben zu können, und fordern ein Verbot der fraude, der Weinverfälschung. Denn genau in dieser Konkurrenz orten sie die Ursache ihrer Not. Die Kommission entlässt die Winzer-Delegation mit lauen Versprechungen. Tags darauf formiert sich in Argeliers ein denkwürdiger Trupp. Der Weinbauer und Cafetier Marcelin Albert gründet im Verein mit Dorfnotabeln und mehreren Winzern das „Comité de défense viticole d’Argeliers“ – und bringt den Stein einer legendären Revolte ins Rollen.

Die Vorgeschichte dieser Entwicklung reicht weit zurück. Im 18. und 19. Jahrhundert stieg die Nachfrage nach Weinen aus dem Languedoc markant an. Rasch wichen die Getreidefelder der languedokischen Ebene gewaltigen Rebenmeeren. Die ertragreiche Sorte „Aramon“ sorgte für randvolle Fässer, die Chemie hielt Einzug in Weinberg und -keller. Der Hafen Sète fungierte als zentraler Umschlagplatz. Mit dem gros rouge, dem roten Massenwein aus dem Süden, war gutes Geld zu machen. Desgleichen mit dem tres-sièis, einem Branntwein aus Béziers. Da kam die Kunde von noch saftreicheren amerika‧nischen Reben gerade recht. Der Import der Wunderstöcke lief an, doch die US-Reben entpuppten sich als trojanisches Pferd. Mit ihnen kam die Reblaus (Phylloxera) ins Land. Der Schädling fraß sich durch die alten Weinkulturen Europas und war selbst durch massiven Einsatz von Chemie nicht zu besiegen. Also pflanzte man noch mehr der (selbst reblausresistenten) amerikanischen Rebstöcke und veredelte diese mit französischem Pfropfreis. Viele Winzer waren aber bereits ruiniert, der französische Weinmarkt ausgetrocknet. Zunächst glichen Verschnittweine aus den – noch reblausfreien – Ländern Italien und Spanien die Lieferengpässe aus. Bald übernahm Algerien diese Rolle. Die algerische Weinanbaufläche verfünffachte sich zwischen 1879 und 1890 auf 100 000 Hektar.

Doch auch die „Weinfabrik“ Languedoc fuhr wieder an. Im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts erlebte die Region ihr goldenes Zeitalter. Die Großproduzenten bauten Domänen im Bordelaiser Stil. Der Handelsplatz Béziers, berühmt für seine Cafés und Theater, wurde zur pulsierenden capitale du vin. Doch während sich der neue Geldadel dem exzessiven Luxus und Amüsement hingab, zogen am Horizont dunkle Wolken auf. Denn Jahr für Jahr stiegen die Ernte‧erträge – und fielen die Weinpreise. Neben der Konkurrenz aus Algerien drängte nun die nordfranzösische Zuckerrübenindustrie in das Segment der Destillation vor, von der bis dahin der überschüssige Wein aus dem Languedoc abgenommen worden war.

Die Sozialisten und Syndikalisten (Vertreter eines radikalen Gewerkschaftssozialismus) werteten die Absatzkrise als einen Auswuchs „kapitalistischer Überproduktion“, dem einzig durch Beseitigung des Kapitalismus beizukommen sei. Die Winzer wiederum gaben den von Kaiser Napoleon III. geförderten Rübenzuckerbauern und den „Weinpanschern“ nördlich der Loire die Schuld: Der bon vin naturel des Midi habe seine Menschen stets ernährt, werde nun aber von chaptalisierten (mit Zucker, Traubenmark und Wasser aufgebesserten) Kunstweinen aus dem Norden vom Markt gedrängt. Die Weinmacher des Languedoc forderten Steuererleichterungen für den eigenen Sektor – und Sondersteuern auf den Rübenzucker.

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Neue Rekordernten trieben den Preisverfall weiter an und führten im Frühjahr 1907 zu einem veritablen Sozialkonflikt. Die Industria‧lisierung des Weinbaus hatte auch ein Heer von Landarbeitern, ein eigenes prolétariat de la vigne, hervorgebracht. Seit dem Jahr 1900 vertrat die revolutionäre „Fédération Régionale des Travailleurs Agricoles du Midi“ deren Interessen. In gewerkschaftlich organisierten Streiks wurde 1904 die Standardisierung von Löhnen und Arbeitszeiten erkämpft. Nun zeigte sich mancher Weinbauer mit den Taglöhnern solidarisch, band diese in den eigenen Überlebenskampf ein. Landbesitzer und Landarbeiter gründeten sogenannte syndicats mixtes. Die Klassenschranken weichten vorübergehend auf. Frühsozialistische Ideologien infiltrierten die bäuerlich-individualistische Weinwelt des Midi…

Dr. Ingeborg Waldinger

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