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Kriegserfahrungen 1914–1918

Friedenssehnsucht im Schützengraben

Die Euphorie, mit der die meisten deutschen Soldaten im August 1914 in den Krieg gezogen waren, verflog schnell. Die tägliche Bedrohung, zum Teil demütigende Erfahrungen innerhalb des Militärapparats und die Einsicht, daß es in diesem Krieg nicht allein um die Verteidigung des Vaterlandes ging, trugen maßgeblich dazu bei.

Im August 1914, als die ersten deutschen Soldaten an die Fronten verabschiedet wurden, herrschte allenthalben die Überzeugung vor, bei dem gerade begonnenen Krieg handle es sich um einen kurzen Verteidigungskrieg, aus dem die Soldaten alsbald als siegreiche, respektverdienende Vaterlandsverteidiger heimkehren würden. Keine einzige der Erwartungen, welche die Soldaten zu Beginn des Krieges gehegt hatten, erfüllte sich. Statt dessen sahen sie sich in nahezu jedem Bereich ihres Kriegseinsatzes gründlich desillusionierenden Erfahrungen ausgesetzt. Das betraf die Art und Dauer des Krieges und die Ungleichheitserfahrungen in der Armee, es betraf den Wandel des Krieges vom Verteidigungs- zum Eroberungskrieg, und es betraf die gesellschaftlichen Entwicklungen in Deutschland. All das nährte die schon nach wenigen Kriegswochen vorherrschende „Friedenssehnsucht“ und erschwerte das Aus- und Durchhalten im Krieg. Stillstand und Technik Das Erstarren der Fronten, das Sich-Eingraben der Armeen in einem zum Teil dicht ausgebauten Schützengrabensystem, ist zum Symbol für den Ersten Weltkrieg geworden. Vom Herbst 1914 bis zum Sommer 1918 konnte die Statik des Krieges an der Westfront auch durch den massenhaften Einsatz von Material – wie 1916 bei Verdun und an der Somme – nicht überwunden werden. Für die Soldaten war diese Art der Kriegführung bestimmt vom Ausharren in engen, kalten und nassen Schützengräben, vom Warten auf den Befehl zum eigenen Vorgehen, von der Angst vor dem nächsten feindlichen Artillerie- oder Infanterieangriff. Angesichts des zermürbenden Stellungskrieges schien der sogenannte Bewegungskrieg eine geradezu befreiende Wirkung zu versprechen. Das erklärt auch, warum im Frühjahr 1918 die deutschen Soldaten nach dreieinhalb kräftezehrenden und verlustreichen Kriegsjahren noch einmal für eine große Offensive, die sogenannte Michael-Offensive, motiviert werden konnten. Neben dem „Stellungskrieg“ ist es vor allem auch die Bezeichnung „Materialkrieg“, die sich als Charakteristikum des Ersten Weltkriegs im kollektiven Gedächtnis festgesetzt hat. In erster Linie ist hier an die Artillerie zu denken, der eine besondere Be?deutung bei der Vorbereitung von Infanterieangriffen zukam. Bevor beispielsweise die ersten englischen und französischen Infanterieeinhei-ten am Morgen des 1. Juli 1916 die große alliierte Offensive an der Somme einleiteten, hatte die Artille-rie eine ganze Woche lang die deutschen Stellungen mit Trommelfeuer belegt und mit vielen Tonnen Granaten zerschossen. Daß es den Alliier-ten dennoch nicht gelang, mit ihren Infanterieverbänden entscheidend hinter die deutschen Linien vorzu?dringen, war auf eine andere wichtige Waffenart zurückzuführen – das Maschinengewehr. Damit waren die deutschen Soldaten in der Lage, trotz der völlig zerstörten Verteidigungslinien und trotz vieler Verluste die in dichten Reihen angreifenden englischen und französischen Truppen abzuwehren. Der Erste Weltkrieg war jedoch nicht nur ein Stellungs- und Mate?rialkrieg, er war auch der erste in hohem Maße technisierte Krieg. Die erste kriegstechnische Neuerung, die zum Einsatz kam, war das Giftgas. Im April 1915, in der Schlacht von Ypern, setzte die deutsche Seite erstmals dieses Kampfmittel ein. Für die Soldaten gehörten Gasangriffe zu den unheimlichsten und am meisten gefürchteten Bedrohungen des Krieges, da diese neue Waffe un?sicht?bar und verheerend in ihrer Wirkung war. Zu den technischen Neuerungen des Krieges gehörte auch die Ausweitung des Kampfraums in die Luft. Heißluftballone und Zeppeline wurden vorrangig zur operativen Auf?klärung und – vor allem von den Alliierten – zum Abwurf von Propa?ganda?material über den gegnerischen Stellungen genutzt. Mit Hilfe von Flugzeugen wurden erstmals in einem Krieg Bomben über gegnerischen Stellungen und auch im Hinterland der Front eingesetzt. Weitreichende Folgen hatte schließlich auch der Einsatz von gepanzerten Fahrzeugen, den sogenannten Tanks. Sie wurden erstmals Ende 1917 mit Erfolg in der Schlacht bei Cambrai eingesetzt. Vor allem bei den großen alliierten Sommeroffen?siven von 1918 hatten Tanks wesentlichen Anteil am Erfolg der engli?schen und französischen Angriffe. Nicht zuletzt mit ihrer Hilfe gelang es den Alliierten – unter anderem am 8. August bei der Schlacht von Amiens –, den erstarrten Stellungskrieg aufzubrechen. Die Mittelmächte unterschätzten die Wirkung dieser neuen Waffen?gattung. So zeigte sich Erich Ludendorff noch im Sommer 1918 ungehalten darüber, daß die alli??ierten Truppen so weit hinter die deutschen Linien vordringen konnten. Seiner Einschätzung nach lag dies nicht an der kriegstechnischen Überlegenheit der Gegner. Vielmehr hatten die deutschen Soldaten, so der Generalquartiermeister, es an dem richtigen „Willen“ mangeln lassen. Die Tanks hätten seiner Einschätzung nach nichts ausrichten können, wenn sich die Infanterie nicht hätte überraschen lassen, die Artillerie tief genug gestaffelt und die Truppe „von dem harten Willen zum Sieg“ beseelt gewesen wäre. Diese Auffassung steht stellvertretend dafür, daß sich auch nach vier Jahren Krieg bei der deutschen Militärführung die Einsicht noch nicht durchgesetzt hatte, daß dieser Krieg in erster Linie von Material und Waffen gewonnen werden würde und nicht von Menschen.

Dr. Anne Lipp

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