Quintilius Varus und die Provinz Germanien „Gib die Legionen zurück“ - wissenschaft.de
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Quintilius Varus und die Provinz Germanien

„Gib die Legionen zurück“

Die sogenannte Schlacht im Teutoburger Wald war eine verheerende militärische Niederlage für Rom. Doch langfristige politische Folgen bekam die Niederlage erst, als Kaiser Tiberius die Wiedereroberung Germaniens im Jahr 16 abbrach und Varus postum zum Sündenbock gestempelt wurde.

Mit einem Aufschrei soll Augustus seiner Verzweiflung Luft gemacht haben, als er im Herbst des Jahres 9 n. Chr. von der Vernichtung seines Heeres in Germanien unter dem Kommando des Publius Quintilius (auch Quinctilius) Varus erfahren hatte: Quintili Vare, redde legiones („Quintilius Varus, gib die Legionen zurück“). So berichtet jedenfalls Sueton in seiner Biographie des Augustus, die er allerdings mehr als 100 Jahre später abgefasst hat. Varus und die Niederlage im saltus Teutoburgiensis, im „Teutoburger Waldgebirge“, wie Tacitus den Ort der Katastrophe nennt, das ist die Kennzeichnung, mit der Publius Quintilius Varus gerade in das Gedächtnis der Deutschen eingegangen ist.

Die Nachricht soll in Rom panikartige Reaktionen ausgelöst haben. Man befürchtete angeblich eine Invasion der aufständischen Germanen über den Rhein hinweg in die gallischen Provinzen. Für Augustus selbst war die Vernichtung dreier Legionen und zahlreicher Hilfstruppen eine höchst problematische Nachricht. Eben erst hatte sein Adoptivsohn Tiberius nach vierjährigen kräftezehrenden Kämpfen einen weit ausgedehnten Aufstand in den Provinzen Pannonien und Dalmatien zwischen mittlerer Donau und dalmatinischer Küste niedergeworfen. Fast die Hälfte des Reichsheers war dort zum Einsatz gekommen. Tiberius hatte einen Großteil der Provinz Pannonien erst zwischen den Jahren 12 und 9 v. Chr. für das Reich gewonnen. Parallel dazu hatte damals sein Bruder Drusus das rechtsrheinische Germanien bis zur Weser und zur Elbe unterworfen. Nun wollte im Jahr 9 n. Chr. auch dieses Gebiet östlich des Rheins, das seit eineinhalb Jahrzehnten als Provinz Germania ein Teil des Reichs geworden war, durch eine Revolte vieler Stämme die Freiheit zurückgewinnen. Eine Provinz des römischen Volkes wäre damit verlorengegangen. Das wäre ein ungeheurer Prestigeverlust für Augustus nach einem langen, auch als Eroberer sehr erfolgreichen Leben gewesen. Natürlich konnte er das nicht akzeptieren. Augustus ordnete deshalb sofort die Rückgewinnung des Verlorenen an, nicht anders als in Pannonien.

Tiberius, Augustus‘ Adoptivsohn, der nach seinem Tod die Herrschaft im Reich übernehmen sollte, wurde zunächst erneut mit dem Gesamtkommando am Rhein betraut. Die verlorenen Legionen wurden nicht nur durch andere ersetzt, die dortige Armee wurde sogar von sechs auf acht Legionen aufgestockt. Es war Augustus‘ klares Ziel, die verlorene Provinz wiederzugewinnen. Im Jahr 11 übernahm Germanicus, der Sohn des ersten Germanenbezwingers Drusus, das Generalkommando am Rhein; nach einem Sieg im Jahr 13 wurde Augustus ein letztes Mal als Sieger, als Imperator, akklamiert. Der Zentralort des Stammes, der in der Nähe des heutigen Waldgirmes an der Lahn siedelte, war nach der Varusschlacht von den Germanen zerstört worden; doch die Römer machten sich sogleich daran, die Stadt wiederaufzubauen. Augustus unternahm also alles, um die größtenteils verlorene Provinz wiederzugewinnen. Das erfolgreiche Ende dieser Politik erlebte er jedoch nicht mehr; er starb im August des Jahres 14 n. Chr.

Germanicus führte zunächst die durch Augustus befohlene militärische Rückgewinnung bis zum Jahr 16 weiter, dann aber rief ihn sein Adoptivvater Tiberius zurück und ließ ihn einen ehrenvollen Triumph über die Germanen feiern. Daraufhin stellte er die Offensive jedoch ein. Dabei berief er sich auf einen angeblichen Rat des Augustus, das Reich innerhalb seiner Grenzen zu halten. Für Augustus war das in Germanien die Elbe gewesen, wie sein Handeln zwischen 9 und 14 n. Chr zeigt. Doch Tiberius brach im Jahr 16 die Offensive gegen die zwischen Rhein und Elbe lebenden germanischen Stämme ab. Der Aufwand schien ihm in keinem Verhältnis zum möglichen Erfolg zu liegen. Ein noch stärkerer Grund für seinen Rückzugsbefehl war aber wohl, dass er Germanicus misstraute. Nach Augustus‘ Tod hatten die Legionen am Rhein versucht, den jungen Blutsverwandten des verstorbenen Princeps gegen Tiberius zum Herrscher im Reich auszurufen. Germanicus hatte seine Loyalität zu Tiberius zwar sehr deutlich gezeigt, doch dieser hatte nicht vergessen, dass er über Jahrzehnte hinweg gegenüber den augusteischen Blutsverwandten zurückgesetzt worden war. Germanicus gehörte zu diesen Blutsverwandten, nicht anders als seine ehrgeizige Frau Agrippina; sie lebte in der Überzeugung, dass alle, die blutsmäßig mit dem Begründer des Prinzipats verbunden waren, ein natürliches Anrecht auf dessen Nachfolge hätten. Tiberius selbst war nur Adoptivsohn. Er sah das Risiko der Loyalität, sah es sogar mit besonderer Schärfe. Das aber hieß für ihn, Germanicus das Kommando über die stärkste Heeresgruppe im Reich zu entziehen, was gleichzeitig bedeutete, die Offensive gegen die Germanen einzustellen, da er sie keinem anderen Kommandeur anvertrauen wollte und konnte. Tiberius wählte seine persönliche Sicherheit, zumal er den Abbruch der militärischen Aktionen rechts des Rheins mit den geringen Erfolgen des Germanicus zwischen 14 und 16 begründen konnte…

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Prof. Dr. Werner Eck

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