Alltag und Wirtschaftsweise mittelalterlicher Klöster Handarbeit und Bettelarmut - wissenschaft.de
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Alltag und Wirtschaftsweise mittelalterlicher Klöster

Handarbeit und Bettelarmut

Unter dem Motto „ora et labora“ trug der Benediktinerorden im Früh- und Hochmittelalter zur Entstehung der bedeutendsten Kultur- und Wirtschaftszentren in Europa bei. Das Spätmittelalter prägten hingegen die Bettelorden mit ihrem Ideal der freiwilligen Armut.

„Müßiggang ist ein Feind der Seele. Deshalb müssen sich die Brüder zu bestimmten Zeiten der Handarbeit und zu bestimmten Zeiten wiederum der Lesung göttlicher Dinge widmen.“ Bereits um das Jahr 530 schrieb Benedikt von Nursia im 48. Kapitel seiner Ordensregel vor, daß Mönche ihre Zeit nicht nur im Gebet, sondern auch mit Handarbeiten verbringen sollten. Dieser Grundsatz wurde später unter dem Motto „ora et labora“, bete und arbeite, zusammengefaßt. Die Benediktus-Regel wurde in den folgenden Jahrhunderten die bestimmende Ordensregel im Abendland und ist seit dem 8. Jahrhundert für alle Benediktiner und Benediktinerinnen verbindlich. In 73 Kapiteln regelt sie das gesamte Leben im Kloster wie Gottesdienst, Ordenseintritt, Verhalten und Bestrafung der Mönche, die Abtswahl, aber auch die Verwaltung des Klostergutes und das tägliche Leben. Neben der Regel kann auch der St. Galler Klosterplan Auskunft über das Leben im Kloster geben. Er wurde im 9. Jahrhundert aufgezeichnet und zeigt eine nach den Vorschriften der Benediktus-Regel gestaltete Klosteranlage. Es ist ein idealtypisches Kloster, das sich aber keiner bekannten Anlage eindeutig zuordnen läßt, auch wenn sich manche Elemente sowohl in St. Gallen als auch auf der Insel Reichenau wiederfinden lassen. Nach dem Ordenseintritt sollten die Mönche ihr Kloster theoretisch nie wieder verlassen, das heißt sie waren zur „stabilitas loci“ verpflichtet. Im Alltag war dies aber nicht immer einzuhalten, da die Mönche auch Aufgaben außerhalb der Klostermauer ausführen mußten. Idealerweise sollten sie sich nur im innersten Klosterbezirk aufhalten, um nicht durch die äußere Welt von der Hinwendung zu Gott abgelenkt zu werden. Innerhalb der äußeren Klostermauer sollten alle Gebäude und Werkstätten gelegen sein, die für ein funktionstüchtiges und autarkes Kloster benötigt wurden.

Den Mittelpunkt des Klosters bildete die Kirche mit dem Kreuzgang, an den das Dormitorium (der Schlafsaal der Mönche), das Refektorium (der Speisesaal), und der Kapitelsaal (für Zusammenkünfte) angrenzten. Als notwendig für die Versorgung der Brüder galten beispielsweise Kornspeicher und Backhaus, Gemüse-, Obst- und Kräutergarten, aber auch ein Friedhof, ein Infirmarium für Kranke, ein Gästehaus, sowie Stallungen für die Tiere und eine Mühle. Die Aachener Synode von 816 sah vor, daß die Mönche anfallende Arbeiten selbst verrichteten und ihre Kleider selbst wuschen. Im Klosterplan lassen sich Werkstätten für Schuster, Sattler, Schwertfeger und Messerschleifer, Schildner, Drechsler, Gerber, Gold- und Eisenschmiede, Walker, Bäcker, eine Küferei, eine Drechslerei und sogar eine Bierbrauerei finden.

Schon früh mußten zur Unterstützung der Mönche für körperliche Arbeiten Laien herangezogen werden; so enthält der St. Galler Plan auch ein Doppelhaus für weltliche Werkleute. Ursprünglich waren diese nur einfache Hilfskräfte, vom 11. Jahrhundert an lebten sie aber häufig unter einer quasi-monastischen Regel und wurden als Konversen enger an das Klosterleben angebunden.

Der zentral gelegene Kirchenbau spiegelt die Bedeutung des Gottesdienstes wieder. Die Mönche trafen sich siebenmal am Tag zum Gebet, wobei der genaue Zeitpunkt von der Jahreszeit abhing. „Loben wir also unsern Schöpfer… zu diesen Zeiten, das heißt, beim Frühgottesdienst, bei der Prim, Terz, Sext, Non, Vesper und Komplet. Und auch des Nachts wollen wir uns erheben, um ihn zu preisen“ (16. Kapitel der Benediktus-Regel). Damit die Mönche ohne Verzögerung und pünktlich zum Nachtgottesdienst gelangen konnten, führte meist vom Dormitorium (in dem stets Licht brannte) eine Treppe direkt in den Chor der Kirche.

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Die Mönche sollten gemeinsam in einem Raum, aber in getrennten Betten schlafen. Nicht nur im Schlafsaal, sondern immer und überall sollten Unterhaltungen auf das Notwendigste begrenzt werden, da Schweigen als hohes Ideal galt. Die Mönche behielten ihre Kleidung, die aus einer dunklen Wollkutte und einem Ledergürtel bestand, auch nachts an, um unverzüglich zum Chorgebet gehen zu können. Diese Kleidung wurde für liturgische Zwecke um ein weites Obergewand, die Kukulle, und für Arbeitszwecke um das Skapulier, eine Art Arbeitsschürze, ergänzt. Waren die Mönche tagsüber mit Arbeit beschäftigt, so sollten sie dennoch pünktlich und unverzüglich zu den Gebetszeiten in die Kirche kommen; auf keinen Fall sollten sie auf ihrem Weg rennen, da Eile als unpassend für einen Mönch galt. Benedikt war in seiner Regel nur von Mönchen und Oblaten bzw. Donati, dem Kloster dargebrachte Kinder, ausgegangen, die im Kloster lebten. Um 845 verfaßte der Mönch Hildemar von Corbie den ersten erhaltenen Kommentar zur Ordensregel, in dem er unter anderem festhielt, daß Oblaten schon als Dreijährige einem Kloster übergeben werden konnten. Diese Kinder wurden im Kloster von Lehrern erzogen, die sie jederzeit beaufsichtigten, ja selbst nachts auf dem Weg zur Latrine begleiten mußten. Der Abt hatte für gute Kleidung und gute Speise zu sorgen; da sie Heranwachsende waren, sollte ihnen sogar mehr Essen als den Mönchen angeboten werden. Mit 15 Jahren konnten die Oblaten, gemeinsam mit Neueingetretenen, Novizen werden. Am Ende des in der Regel einjährigen Noviziats konnten sie die Ordensgelübde ablegen (Profeß)…

Literatur Georg Schwaiger, Manfred Heim: Orden und Klöster. Das christliche Mönchtum in der Geschichte, München 2002. Kaspar Elm (Hrsg.): Erwerbspolitik und Wirtschaftsweise mittelalterlicher Orden und Klöster, Berlin 1992. Hans-Urs von von Balthasar: Die großen Ordensregeln. 7. Auflage, Einsiedeln 1994. Elisabeth Vavra (Hrsg.): Die Suche nach dem verlorenen Paradies. Europäische Kultur im Spiegel der Klöster, Melk 2000.

Dr. Sabine von Heusinger

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