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Moderne Amazonen

Heilige und Flintenweiber

Als in den Revolutionen von 1789 und 1848 kämpfende Frauen auftauchten, wurde ihnen von männlichen Zeitgenossen – in einer Mischung aus Faszination und Schauder – das antike Etikett der „Amazonen“ angeheftet. Doch kämpfende Frauen sorgten auch in Südamerika und Afrika für Schlagzeilen.

Im Sommer 1542 stieß der spani-sche Konquistador Francisco de Orellana bei seiner Suche nach dem „Goldland“ El Dorado im heutigen Brasilien auf heftigen Widerstand der indigenen Bevölkerung. Den (vermeintlichen) Grund für diese unerwartete Gegenwehr hielt der Dominikanerpater Gaspar de Carvajal in seinem Bericht über die Expedition fest: „Man muss wissen, dass diese Indios Untertanen und Tributpflich‧tige der Amazonen sind. Als die Indios von unserer Ankunft erfuhren, baten sie diese um Hilfe, und es kamen zehn oder zwölf [Amazonen] …, die in vorderster Linie kämpften, wie ihre Hauptleute, und sie kämpften so beherzt, dass die Indios es nicht wagten, ihnen den Rücken zuzuwenden. Und diejenigen, die [trotzdem] umkehrten, töteten sie vor unseren Augen. Das ist der Grund, warum sich diese Indios so heftig wehrten.“ Und damit niemand an seiner Darstellung zweifeln sollte, schilderte der Chronist sogar das Aussehen der Amazonen: „Diese Frauen sind sehr groß und hellhäutig. Ihre langen Haare haben sie um den Kopf geflochten. Sie sind sehr muskulös und bis auf die Scham splitternackt. Mit ihren Pfeilen und Bogen kämpfen sie wie zehn Indios …“ Erst nachdem es den Spaniern gelungen sei, sieben oder acht der Amazonen zu töten, hätten sich die Indios denn doch ergeben.

Ob Gaspar de Carvajal tatsächlich meinte, kämpfende Frauen gesehen zu haben, oder ob er nur eine Begründung für die Schwierigkeiten der Spanier finden wollte, sei dahingestellt. Jedenfalls soll auf diese Begegnung die Benennung des Flusses zurückgehen, an dessen Ufer die Kämpfe stattgefunden haben: des Amazonas. Interessant ist, wie nah Gaspar de Carvajal in seiner Beschreibung am antiken Bild der Amazonen ist, das ihm als gelehrtem Dominikaner ganz offensichtlich bekannt gewesen ist. Man könnte meinen, er habe sich die griechische Legende als direktes Vorbild genommen.

Anders als Gaspar de Carvajal dürfte Jeanne d’Arc kaum Kenntnis von jenen Frauen gehabt haben, in deren Nachfolge sie häufig gestellt wurde und wird. Wobei die Parallelität vor allem in der unerschrocken kämpfenden Heroine zu sehen ist, denn Jeanne d’Arc endet zwar auf dem Scheiterhaufen (unterliegt also vordergründig wie ihre antiken Vorläuferinnen), aber Frankreich hat ihr in patriotischer Lesart seine Freiheit zu verdanken, und mit ihrer Heiligsprechung triumphiert sie am Ende doch über alle Gegner.

Als kämpfende Frau ist Jeanne d’Arc im europäischen Mittelalter eine absolute Ausnahmegestalt. Zwar hat etwa die heilige Katharina von Alexandrien als Attribut unter anderem das Schwert und wurde als Schlachtenlenkerin verehrt, doch ist sie als den Opfertod sterbende Märtyrerin eigentlich das Gegenteil einer Amazone.

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Anders sah dies zumindest zeit‧weise in der Französischen Revolution aus. Zwar wurden die Hoffnungen auf eine allgemeine Stärkung der Frauenrechte, wie sie in der „Erklärung der Rechte der Frau und Bür‧gerin“ von Olympe de Gouges zum Ausdruck gekommen waren, durch ein am 8. November 1793 erlassenes Gesetz gedämpft, das Frauen jegliche politische Betätigung verbot. Doch hatten die Vorkämpferinnen eines egalitären Geschlechterkonzepts zu diesem Zeitpunkt bereits vernehmlich ihre Forderungen aufgestellt. Zu ihnen gehörte etwa Thérigne de Méricourt (siehe DAMALS 11-2003), die im August 1792 bewaffnet am Sturm auf die Tuilerien beteiligt gewesen und dafür mit der „Bürgerkrone“ ausgezeichnet worden war. Zur Gleichberechtigung der Frauen gehörte für Thérigne de Méricourt auch das Recht, Waffen zu tragen. Ihre Geschlechtsgenossinnen forderte sie auf: „Lasst uns zu den Waffen greifen! Wir haben dazu das Recht, von Natur aus und sogar vor dem Gesetz; lasst uns den Männern zeigen, dass wir ihnen weder an Mut noch an Tugend unterlegen sind.“ In der Folge wurde die Revolutionärin von den Royalisten als „revolutionäres Flintenweib“ verhöhnt, doch auch in den Reihen der Revolutionäre regte sich Widerstand. Die Tätigkeiten von Frauen, warnte André Amar, Mitglied des einflussreichen Sicherheitsausschusses, müssten auf einen Kreis beschränkt werden, den sie nicht überschreiten dürften, „weil die Natur selbst diese Grenzen gesteckt hat“. Unter diesen Vorzeichen war an ein „Amazonencorps“, wie es Thérigne de Méricourt vorgeschwebt hatte, nicht mehr zu denken.

Gleichwohl kämpften im Ersten Koalitionskrieg zwischen 1792 und 1797 auf Seiten der französischen Revolutionsarmee vereinzelt auch Frauen. Zu ihnen gehörten etwa die Schwestern Felicitas und Theophile Fernig: „Die Oestreicher verübten in dem Wohnorte der Schwestern die empörendsten Gewaltthätigkeiten und die unglücklichen Einwohner waren wehrlos bis auf den schwachen Widerstand, den die mangelhaft organisirte Nationalgarde zu leisten vermochte. Da faßten die Schwestern Fernig einen Entschluß, würdig der Großthaten edler Römerinnen; sie versammelten eine Schaar von Freiwilligen aus der Mitte der Landleute und führten dieselbe gegen den Feind. Mit wechselndem Glück fochten sie in wiederholten nächtlichen Ausfällen, bei einem derselben ging ihr Wohnort in Flammen auf; kurz nachher aber erlitten die Oestreicher bedeutende Verluste und mußten den Rückzug antreten. Auf den Bericht des Generals Beurnonville wurden die heldenmüthigen Jungfrauen öffentlich belobt.“ Ein ebensolches Lob erhielt Rose Bouillon, die ihrem Mann in den Kampf folgte und auch dann noch tapfer weiter focht, als dieser neben ihr fiel. Erst danach gab sie sich zu erkennen und bat um ihre Entlassung, da sie nun ihre Pflichten als Mutter erfüllen müsse.

Der Regelfall ließ sich aus diesen Einzelfällen nicht ableiten; im Gegenteil – Rose Bouillon entschied sich am Ende für die Familie und gegen die Waffen, ganz im Sinne jener männlichen Revolutionäre, für die Amazonen dem weiblichen Wesen widersprachen. Vor diesem Hintergrund konnte Napoleon Bonaparte später die preußische Königin Luise (siehe DAMALS 4-2010) in Karikaturen als „Amazone“ verunglimpfen lassen, als Frau in Männerkleidern, die zu den Waffen greift und sich dadurch lächerlich macht bzw. außerhalb der ihr durch die Natur vorgegebenen Grenzen bewegt.

Ähnlich wie die Geschwister Fernig oder Rose Bouillon gab es auch auf preußischer Seite in den Befreiungskriegen Frauen, die zu den Waffen griffen. Doch verkleideten sie sich als Männer, und wenn ihr Geschlecht entdeckt wurde, mussten sie den Waffenrock sogleich wieder ausziehen, was eine gewisse Bewunderung für ihren Mut nicht ausschloss. Und wiederum wie in Frankreich nach 1789 war es in Deutschland 1848 die Revolution, die Frauen zu „Amazonen“ werden ließ. Diesen Frauen wurde ein breites Echo in der zeitgenössischen Öffentlichkeit zuteil, bei dem sich Faszination und Abscheu mischten, wie dies seit der Antike bei „Amazonen“ so oft der Fall gewesen ist. Die berühmteste „Amazone“ der Revolution von 1848 war Elisa Blenker, die zusammen mit ihrem Mann Johann Ludwig – einem Weinhändler aus Worms – ein 2 000 Mann starkes Freischärler-Korps in der badisch-pfälzischen Revolution anführte. Elisa Blenker kämpfte in Männerkleidern mit; ein preußischer Offizier beschrieb sie als „Amazone zu Pferde, eine weiße Feder auf dem Hute, Säbel und Pistolen im Gurte“. Über ihre spektakulärste Ak‧tion schrieb 1849 das „Mannheimer Journal“: „Die Amazone, Frau Oberst Blenker, die eigentlich das Kommando zu führen scheint, hat das schöne großherzogliche Schloss Eberstein plündern lassen“. Neben Waffen transportierte das revolutionäre Paar von dort „Schlafröcke, Strohhüte, Eau de Cologne, Zigarren, Handschuhe, Geldbeutel und das Schmuckkästchen der Großherzogin“ in eigens dafür bereitgestellten Wagen ab, sogar „ein kleines Gebetbuch wurde mitgenommen, aber nur wegen der silbernen Beschläge“. Nach der Niederschlagung der badischen Revolution flohen die Blenkers in die Schweiz und wanderten von dort in die Vereinigten Staaten aus. Elisa Blenker starb erst 1908 – der Prozess gegen sie wegen „Teilnahme an Hochverrat, Gewalttaten, Diebstahl sowie Gewalttätigkeit“ vor dem Amtsgericht Gernsbach musste ohne die Angeklagte stattfinden. Wäre Elisa Blenker keine Frau, sprich: keine Amazone, gewesen, hätte ihr Auftreten kaum für Schlagzeilen gesorgt. So aber wurde ihr Bild in den Medien der Zeit weit verbreitet, weil Elisa Blenker beim (männlichen) Publikum auf fasziniertes Schaudern traf, das sich vielleicht nicht einmal so sehr von jenem im alten Griechenland unterschieden hat.

Heute wird der Amazonen-Vergleich noch häufig bei Reiterinnen bemüht, beileibe nicht nur in Boulevardblättern. So schrieb das „Handelsblatt“ kürzlich, dass Otto Becker, der Bundestrainer der deutschen Springreiter, die „40 Jahre alte Amazone“ Meredith Michaels-Beerbaum „nach ihrer Babypause nicht für den Nationenpreis“ beim CHIO in Aachen nominiert habe, und das „equi portal“ meldete, dass die „US-Amazone“ Lauren Hough ihren Kolleginnen davongeritten sei … Was Herodot wohl dazu sagen würde?

Uwe A. Oster

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