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Prof. Benedikt Stuchtey, London, im Interview auf damals.de

„Heinrichs Herrschaft verändert Englands Blick auf Europa“

Zu Heinrich VIII. fallen den meisten Zeitgenossen zuerst seine sechs Frauen ein, von denen er zwei hinrichten ließ. Was aber bedeutete die 37-jährige Herrschaft dieses englischen Monarchen darüber hinaus? DAMALS-Chefredakteur Stefan Bergmann sprach darüber mit dem Historiker Benedikt Stuchtey, der in London forscht. Das Interview erscheint exklusiv auf damals.de.

DAMALS: Schmerzt es den Historiker, dass Heinrich VIII. meistens auf seine Frauen reduziert wird?

Benedikt Stuchtey: In gewisser Weise ja. Seine Herrschaft ist eine Epoche von zentraler Bedeutung für das Land. Natürlich bestimmten seine Haltung zu Frauen, der dringende Wunsch nach einem männlichen Nachfolger und auch die große Gewaltbereitschaft, um seine Ziele durchzusetzen, einerseits das Bild Heinrichs. Aber unter seiner Herrschaft wurde England andererseits deutlich stärker zentralisiert, entwickelte sich eine systematische Bürokratie, wurden das Finanzwesen und die Steuererhebung vorangetrieben und modernisiert. Und natürlich markierte Heinrichs Regierungszeit den Beginn der Reformation. Wenn er also auf eine Aufzählung seiner Frauen reduziert wird, ist das zu wenig.

DAMALS: Der Bruch Heinrichs mit Rom und damit der Beginn der Reformation in England gelten allgemein als Heinrichs wichtigste Hinterlassenschaften. Wie hat sich das konkret ausgewirkt?

Stuchtey: Zunächst einmal ist die Reformation unter Heinrich auf halbem Weg stecken geblieben, mit beachtlichen regionalen Unterschieden in Dauer und Intensität der religiösen Reformen. Zwar errichtet Heinrich eine Staatskirche, deren Oberhaupt er ist, aber er selbst ist niemals konvertiert und bis zu seinem Tod katholisch geblieben. Erst seine Tochter Elisabeth treibt die Reformation entschieden voran. Unter Heinrichs Herrschaft sind nach dem Bruch mit Rom dennoch die Mehrheit der Abweichler verfolgt worden, darunter die radikalen Protestanten, die Puritaner, denen Heinrichs reformatorischer Eifer nicht weit genug ging. Weil sie in England nicht ihre Glaubensweise praktizieren können, wandern viele von ihnen später nach Amerika aus, zum Beispiel die „Pilgrims“, die 1620 mit der „Mayflower“ von Plymouth nach Virginia aufbrechen. Insofern führen die Veränderungen unter Heinrich VIII. auf lange Sicht dazu, dass England neben der europäischen eine atlantische Perspektive entwickelt.

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DAMALS: Der Bruch mit dem Papst ist auch ein Bruch mit Europa?

Stuchtey: Zumindest ändert sich unter Heinrich VIII. der Blickwinkel auf Europa. Heinrich hat sich ja intensiv mit seinen kontinentalen Machtkonkurrenten Frankreich und Habsburg beschäftigt. So verfolgte er starke machtpolitische Interessen in Nordfrankreich. Als er 1534 endgültig mit Rom bricht, gibt es nirgendwo anders in Europa eine Entsprechung dieser Verhaltensweise. Alle anderen Herrscher haben immer noch den Papst als Gegenüber, als wichtigen Referenzpunkt. Nun etabliert sich eine kompliziertere Beziehung Englands zum kontinentalen Europa, das vor-reformatorische England war stärker in Europa integriert.

DAMALS: War Heinrichs Gewaltbereitschaft eigentlich auch für seine Zeit überdurchschnittlich groß?

Stuchtey: Sie war überdurchschnittlich, auf jeden Fall größer als die seines Vaters, Heinrichs VII. Gerade in seinen religionspolitischen Initiativen wird dies deutlich – er zeigt eine hohe Bereitschaft, seine Ziele mit Gewalt zu erreichen, zum Beispiel bei der Verfolgung von Abweichlern. Und er bindet auch das Parlament energisch an sich, um seine Interessen und seine königliche Macht durchzusetzen. Mit seiner Herrschaft manifestiert sich zudem die englische Vorherrschaft innerhalb der britischen Inseln. Indem Heinrich gewaltsam die Klöster auflöst und ihren Besitz an Gefolgsleute vergibt, entsteht eine neue soziale Schicht, die „Gentry“ – der Landadel. Diese Veränderung der Sozialstruktur wird England in der Folgezeit maßgeblich prägen.

DAMALS: Sie sind ein deutscher Historiker, der seit vielen Jahren in England arbeitet und forscht: Welche Unterschiede in der kontinentalen Wahrnehmung Heinrichs und in der des Inselreichs haben Sie bemerkt – vor allem was die Tradition der Geschichtsschreibung angeht?

Stuchtey: Man kann es vielleicht so sagen: In der englischen Geschichtsschreibung werden viel mehr Biographien verfasst als in der deutschen Geschichtswissenschaft. Das heißt: Der Zugriff auf Geschichte erfolgt oft über die einzelnen Personen – allerdings immer im großen Zusammenhang des Landes insgesamt, seiner Entwicklungen und unter Berücksichtigung anderer wichtiger Personen. So muss man zu Heinrich VIII. immer auch immer parallel die Biographien seiner Berater wie Thomas More, Thomas Wolsey oder Thomas Cromwell betrachten. Diese haben ihn stark beeinflusst.

Prof. Dr. Benedikt Stuchtey, geboren 1965, ist stellvertretender Direktor des Deutschen Historischen Instituts London. Er lehrt Neuere und Neuste Geschichte an der Universität Konstanz und hat 2012/2013 eine Gastprofessur an der Universität Basel.

Foto auf Startseite: Das Gemälde der englischen Schule zeigt Heinrich VIII. und seine dritte Frau Jane Seymour, die kurz nach der Geburt des gemeinsamen Sohnes Edward (links) starb. (Bridgeman / The Royal Collection 2011 Her Majesty Queen Elizabeth II.)

Dieses Interview erscheint exklusiv auf damals.de.

Stefan Bergmann

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