Der Mythos Alexander Held oder Schurke? - wissenschaft.de
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Der Mythos Alexander

Held oder Schurke?

Seit Alexander der Große im Juni 323 v. Chr. in Babylon an physischer Erschöpfung und psychischer Zerrüttung starb, gab es kein Jahrhundert, das sich nicht sein eigenes Bild des Königs gemacht hätte.

Es gebe niemanden, meinte der Historiker Arrian im 2. Jahrhundert n. Chr., über den mehr Autoren Unterschiedlicheres geschrieben hätten als über Alexander. Gilt er heute als „der zartfühlende Freund und der tückische Hasser, der universale Wohltäter und der brutale Tyrann, der liebende Sohn und der rücksichtslose Verwandtenmörder, der Bringer des Friedens und der skrupellose Gewalttäter, der Befreier von alten Vorurteilen und zugleich der Unterdrücker der Freiheit, der Bahnbrecher höchster Menschenwürde und doch ihr konsequentester Vernichter“ (so der Althistoriker Fritz Schachermeyr), so findet man entsprechende Urteile bereits in der Zeit des Hellenismus, jener Epoche der Ausbreitung des Griechentums, die er selbst einleitete.

Die Legenden, hinter denen sich der historische Alexander verbirgt, bildeten sich, seit er 334 den Hellespont überschritt und sich – in Fortsetzung der von Homer und Herodot beschriebenen Kämpfe zwischen Barbaren und Griechen – auf den Überresten Trojas als neuer Achill präsentierte. Damals konnte niemand ahnen, wie weit in den Osten sein Feldzug führen würde. Naheliegend schienen die „Befreiung“ der griechischen Städte Kleinasiens und die Schaffung eines makedonisch-griechischen Reiches von Thrakien bis Kreta und von Griechenland bis Kleinasien. Denkbar war ein Vorstoß bis an den Fluß Halys in der Mitte Kleinasiens, der nach alter Vorstellung die Grenze zum Perserreich markierte, wenig wahrscheinlich das Erreichen des Euphrats und Mesopotamiens, undenkbar alles, was darüber hinaus führte.

In der Überlieferung wurde Alex-ander zu einer schillernden Figur. Dafür gab es zwei Gründe. Zum einen rückte schon der Historiker Kallisthenes von Olynth, Alexanders Freund, Berater und Propagandist, der den Feldzug von Anfang an begleitete, den König mit seinem nach und nach publizierten Werk „Die Taten Alexanders“ in mythische Sphären. Die Homer-Reminiszenzen, das berühmte Spektakel von Gordion oder das Wunder von Pamphylien, als das Meer zurückwich und Alexander trockenen Fußes eine Bucht durchqueren konnte, sind frühe Versuche, ihn als Schützling, später sogar als Sohn des Zeus zu feiern – und damit die Krisen der ersten Jahre zu überdecken.

Zum anderen verließ Alexander spätestens 331, als er das Südufer des Kaspischen Meeres erreichte, die Gebiete, die den Griechen wenigstens nebelhaft bekannt waren. Allein die geographischen Dimensionen des Feldzugs machten Wundergeschichten glaubhaft. Zugleich hörte Alexander spätestens jetzt auf, nur Makedone oder Grieche zu sein, und wurde Teil auch der ägyptischen, persischen oder indischen Geschichte. Seine Reisen bis an die Grenzen der Ökumene machten ihn in der Überlieferung zu einem Weltherrscher, dessen Reich nicht nur die bewohnte Erde umfasste, sondern auch die Lüfte und die Tiefen des Meeres. In mittelalterlichen Darstellungen fährt Alexander auf Greifen- oder Adlerschwingen in den Himmel auf oder sinkt in einer Taucherglocke auf den Grund der Tiefsee.

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Die politische Umdeutung, literarische Verbrämung und Enthistorisierung Alexanders gewann mit seinem Tod an Intensität. Der Kampf der Diadochen um die Nachfolge brachte neue Legenden. Im Streit mit Antipater – er hatte während Alexanders Feldzügen die Regentschaft in Makedonien geführt – und dessen Sohn Kassander um das makedonische Erbe Alexanders erfand Alexanders Mutter Olympias die Geschichte, ihr Sohn sei von der Familie des Antipater vergiftet worden. Ein Vorwurf, den Antigonos (I.), ein ehemaliger Feldherr Alexanders und einer der wichtigsten Diadochen, seinerseits gegen die Urheberin wandte: Er interpretierte den Giftanschlag zu einer von Aristoteles inspirierten Tat um, welche die Welt von einem Tyrannen befreite.

Zwischen 320 und 280, in der Zeit der Diadochenkämpfe, Intrigen und ständig wechselnden Bündnisse, entstanden die Biographien, die – auch wenn sie selbst fast alle verlorengingen – das künftige Bild Alexanders, der noch nicht der Große hieß, bestimmen sollten (vom „großen Alex-ander“ hören wir erstmals in einer Komödie des römischen Dichters Plautus, der von etwa 250 bis 184 v. Chr. lebte). Wer Alexanders Geschichte schrieb, tat es oft, um sein besonderes Verhältnis zum König herauszustellen, sich bei den neuen Machthabern anzubiedern oder sich als neuer Herrscher zu legitimieren. So unterschiedlich ihre Berichte ausfielen, eines hatten sie gemeinsam: Die Autoren verherrlichten Alexander.

PD Dr. Wolfgang Will

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